Referat über unsere Stellung zum Parteiprogramm
Karl Schröder - 2.8. 1920
Ich
habe vorhin meine Bedenken geäußert, weil ich vermeiden wollte, daß sich die
Fortsetzung des Parteitages noch einmal mit all den Fragen beschäftigen sollte,
die die Frage von der Notwendigkeit der Partei unbedingt heraufbeschwören müßte.
Deswegen meine Erklärung. Ich bin jetzt bereit, über das Thema zu sprechen und
sage gleich vorweg, daß sich für mich die Politik mit der Ethik deckt. Was ich
zum Programmentwurf zu sagen habe, hat zwei Grundgedanken. Die Partei hat sich
eine wissenschaftlich begründete Auffassung
zu eigen zu machen über ihren Klassenkampf und über den Sozialismus. Zum
zweiten hat sie sich die taktischen Grundlinien zu geben, die für den Kampf
notwendig sind. Ich darf einiges vorausschicken.
Die
K.A.P.D. ist entstanden im Gegensatz zu den Methoden wie zu dem Inhalt der
Politik des Spartakusbundes und ich stehe nicht an, heute zu erkären, daß wir,
obwohl wir ja die aus der Partei Hinausgeworfenen waren, gut dabei weggekommen
sind, daß wir, wenn wir nicht aus der Partei hinausgeworfen wären, diese
Partei und diese Männer hätten verlassen müssen. Ich behaupte weiter, daß
der Spartakusbund heute in Deutschland allein dadurch nur noch seine Existenz hat
und sie fortsetzt, daß ihm Millionen zur Verfügung stehen. Ich behaupte, daß
der Spartakusbund, abgeschnitten von seinen Mitteln, vom Erdboden verschwinden würde.
Auf dem Gründungsparteitage der K.A.P.D. wurde aus dem allgemeinen Wunsch
der dort vertretenen Mitgliedschaften vom Parteitage ein Programmentwurf
angenommen, der sich in den Grundzügen mit dem deckt, was der spätere Entwurf
besagt. Der Entwurf, der allen Organisationen zugegangen ist, hat zunächst
einige Widersprüche dadurch erweckt, daß er in seinem Vorwort mit einer
gewissen Geste auftrat, indem es aussprach, daß der Entwurf das Programm der K.A.P.D.
bleiben
würde. Ich darf behaupten, daß dieser Anspruch des Vorwortes seine
Berechtigung hatte. Einmal seine innere Berechtigung aus dem Inhalt heraus, und
zweitens, weil er eine äußere Notwendigkeit war, die darin bestand, daß wir
dabei waren, die kommunistische Internationale über die Gründung der K.A.P.D.
zu benachrichtigen. Wir mußten der Internationale etwas Positives über unsere
grundsätzliche Unterscheidung vom Spartakusbund sagen und vorlegen. Wir konnten
nicht vor einer kommunistischen Internationale auftreten und sagen, daß wir nur
deshalb bestehen, weil wir aus dem Spartakusbund hinausgeworfen sind, sondern
wir haben diesen und jenen Standpunkt vertreten.
Das zur Begründung vorweg.
Wir
nehmen noch vorweg, daß wir die Partei für eine unbedingte Notwendigkeit
halten. Die K.A.P.D. hat in ihrem Programm und in ihren Artikeln sich ungefähr
so geäußert: Die Partei ist zweifellos als solche ein Gebilde der bürgerlichen
Epoche. Sie wird mit dem Verschwinden der kapitalistischen Welt auch ihr Ende
finden. Die Organisationsformen des Proletariats werden hinweggehen über die
Ausdrucksformen einer heute möglichen Partei. Wir haben nie einen Zweifel darüber
gelassen, daß in der augenblicklichen Situation und auch nach der Ergreifung
der Macht durch das Proletariat die Notwendigkeit eine unbedingte und zwar
deswegen ist, weil nichts außerhalb der proletarischen Organisation existiert,
was den Kampf gegen den Kapitalismus so führen könnte, wie ihn eine
geschlossene Vorhut des Proletariats führen müßte. Wir sind auch der
Oberzeugung, daß nach der Eroberung der politischen Macht die Vorhut
zusammengeschlossen sein muß zur Schulung der Massen, die sie vorbereiten
wollen auf die kommende neue Organisationsform, die sie erzielen müssen zum Rätegedanken.
Wir wissen genau, daß die Partei etwas altes ist, daß sie sich zu fühlen hat wie
die Eltern zum Kinde, zur Räteorganisation, daß sie überzeugt sein muß
davon, daß sie verschwinden wird und daß die Räte, die Organisations- und
Ausdrucksform der Diktatur, sie überwinden werden. Wir wissen, daß die Partei
dazu da ist, der Herausarbeitung einer neuen proletarischen Organisationsform zu
dienen. Somit ist die Partei selbst notwendig, denn wer sollte die Aufgaben des
Augenblicks übernehmen? Die Betriebsorganisation selbst ist erst im Werden
begriffen; sie, die wahrscheinlich die Zukunft des Proletariats bedeuten wird,
ist nicht imstande, - einfach aus den realen Tatsachen heraus - die Aufgaben des
Proletariats zu erfüllen. Stellen Sie sich das Leben der Partei in
den vergangenen lo Jahren vor. Wer hätte diese Kämpfe führen sollen? Es
existierte die Betriebsorganisation noch garnicht.
Wenn
wir nun zu unserem Entwurf Stellung nehmen, so müssen wir zunächst das
Grundmoment herausschälen. Das Grundsätzliche, das wir hier als Fundament
unterlegen, ist der Rätegedanke. Er steht im Mittelpunkt unseres proletarischen
Werden und Seins. Er besagt zunächst, daß das Proletariat sich in dem
historisch- ökonomischen Prozeß die ihm gemäße, gegen den Kapitalismus
gerichtete Ausdrucksform geben wird, die seinem historischen Werden entspricht.
Der Rätegedanke bedeutet mehr. Er bedeutet einmal die absolute und restlose
Zertrümmerung der gesamten alten kapitalistischen Organisationsformen. Die alte
kapitalistische Organisationsform hat ihren höchsten Ausdruck gefunden im
modernen Klassenstaat. Dieser muß vom Proletariat restlos nicht nur als
Organisationsform, sondern auch als Ausdrucksform einer bestimmten
kapitalistisch-bürgerlichen Ideologie zertrümmert werden. Darüber hinaus
bedeutet der Rätegedanke, daß das Proletariat sich im Prozeß seines Werdens
die ökonomische, wie historische und geistige Ausdrucksform schafft, die seinem
Werden entspricht, die hinausleitet zur klassenlosen Gesellschaft. Wir haben den
Genossen im Reiche von der Berliner Organisation die Broschüre über das Werden
der neuen Gesellschaft zur Verfügung gestellt. Hier sind die Ideen enthalten,
die Berlin der Darstellung des Rätegedankens im Entwurf zugrunde legt. Ich
brauche deshalb wohl nicht im einzelnen wiederholen, was hier dargelegt ist. Der
Rätegedanke ist die absolute restlose Negation der kapitalistischen
Gesellschaft und der kapitalistischen Ideologie. Er beruht darauf, daß im Prozeß
des historisch-ökonomischen Werdens nach unserer Auffassung sich der
Kapitalismus als solcher einen bestimmten Ausdruck verschafft, und
dieser bestimmte Ausdruck heute darauf ausgeht, aus dem Klassenstaat hinaus die
Grenzen überschreitend, systematisch eine Weltwirtschaft zu schaffen, eine
kapitalistische Weltwirtschaft des Finanzkapitals aufzurichten. In diesem Prozeß
des kapitalistischen Werdens tritt einerseits störend ein die verschiedenartige
Entwicklung der einzelnen Länder auf dem Weltmarkte, und andererseits das zum
Selbstbewußtsein kommende Proletariat. Der Sozialismus ist die aus dem
kapitalistischen Prozeß hervorgehende Entwicklung des Proletariats als Klasse.
Wenn nun aus dem Prozeß des Kapitalismus heraus der sozialistische Gedanke
entsteht, dann ist es klar, daß er im Gegensatz zu diesem kapitalistischen
Werden seinerseits über alle Grenzen schreitet, daß er in keiner Weise an
irgend einer Grenze Halt macht, sondern sich übernational orientiert. Er faßt
das Proletariat als Klasse zusammen. Das Proletariat als Klasse ist nicht
gehemmt durch irgendeine Grenze. Es schreitet darüber hinweg und schließt sich
als Klasse zusammen. Wenn gesagt wird, daß das Proletariat als Klasse sich
organisiert und sich dem Rahmen der Nation einfügen soll, und die Föderation der
Nationen nunmehr die Internationale sein wird, so bedeutet das letzten Endes
eine Art Erschleichung des Ausdrucks Klasse. Es ist undenkbar, vom Proletariat
als Klasse zu sprechen und es gleichzeitig in einen nationalen Rahmen
einzuspannen. Das Proletariat kann nicht eine Klasse sein und gleichzeitig
innerhalb einer Nation organisiert sein. Das Proletariat ist als Klasse nur
denkbar über alle Nationen hinaus, zusammengeschlossen über die ganze Welt.
Dieser Zusammenschluß erfolgt, wie gesagt, ideologisch als Klasse in dem
Gedanken des Klassenkampfes. Er erfolgt aber gleichzeitig ökonomisch dadurch,
daß das Proletariat auch nicht einen Augenblick daran denkt, sich innerhalb
bestimmter nationaler Grenzen seinen wirtschaftlichen Ausdruck zu geben, sondern
daß es sich darauf einstellt, diesen wirtschaftlichen Rahmen zu erweitern und
ihn zu einem Weltwirtschaftsrahmen internationaler Natur zu gestalten. Die
deutsche Industrie organisiert im Rahmen nationaler Grenzen bedeutet letzten
Endes die Abschneidung des Proletariats als Klasse von dem Gedanken der
Klassensolidarität aller Länder. Unsere programmatische Einstellung muß
darauf ausgehen, unsere Wirtschaft so einzurichten, daß schon nach
wirtschaftsgeographischen Gesichtspunkten der Aufbau der kommenden ökonomischen
Grundlage vor sich zu gehen hat. Rußlands Räte und Deutschlands Räte haben in
gemeinsamer Arbeit sich darauf einzustellen, wie sie den Prozeß betrachten, und
zu untersuchen, wie sie den ökonomischen Rahmen zu gestalten gedenken. Nur so
ist die Gewähr dafür geleistet, daß die Räte sich gleichzeitig das
grundlegende ökonomische Fundament schaffen. Aus diesem Gedanken heraus, den
ich nicht so
weit ausführen will, um nicht alles zu wiederholen, was im Entwurf niedergelegt
ist, ergibt sich für uns eine bestimnte Stellung zum Hamburger Programm. Ich muß
sagen, ich habe niemals gedacht, daß die Hamburger diese letzte Konsequenz
ihres alten Prinzips ziehen würden. Ich habe nicht gedacht, daß sie hier so
offen dem Parteitag der K.A.P.D.
erklären
würden, daß sie sich entwickeln wollen zu dem Begriff und zu der Tatsache des
großdeutsch-revolutionär gestimmten Proletariats. Genosse Laufenberg, das
waren die Gedanken, die mir meine Jugend bedeuteten, für die ich begeistert
dann eingetreten bin, als ich noch kein Sozialist war.
Wir
sind uns darin einig, daß die Rasseneigentümlichkeiten, die Besonderheiten der
Völker eine Rolle spielen. Wir sind uns auch darin einig, daß sie diese Rolle
noch lange spielen werden. Wir sind uns auch einig darin, daß nationale Kämpfe
stattfinden werden und daß selbst nach der Bildung proletarischer Staaten
zwischen diesen Reibungen, unter
Umständen schlimmster Art, möglich sein werden. Aber wir können uns unmöglich
darin einigen, daß wir zum Angelpunkt unserer Politik, abgesehen von einem
Zukunftsbild, das
wir uns vielleicht einmal malen, den Begriff der Nation, der Rassen machen.
Meiner Auffassung nach führt das dahin, daß man unbedingt den Boden der
bisherigen Auffassung des Klassenkampfes verläßt, das heißt, daß das
Proletariat als Klasse über die ganze Welt hinweg seine Politik an sich selbst
orientiert, nicht an den deutschen Verhältnissen, sondern an denen der
internationalen proletarischen. Wenn zum Angelpunkt der Politik die Ideologie
auch nur in diesem geläuterten Sinne gemacht wird, so bedeutet das eine gewisse
Gefahr, das heißt, das Proletariat versteht die Dinge nicht so, wie sie
dargelegt werden. Man spricht von großdeutsch, Klassenversöhnung, vom
revolutionären Burgfrieden, revolutionären Volkskrieg: alles das sind Dinge,
die zweifellos nicht so gemeint sind, wie die normale Phraseologie der Straße
bedingt. Wenn wir sie aber zum Angelpunkt unserer Politik machen, so bedeutet
das weiter, daß wir den Boden des bisherigen Klassenkampfgedankens unter den Füssen
verlieren und daß wir in die Wirnisse einer opportunistischen Politik geraten,
einer Politik, die zu ganz bestimmten Konsequenzen führt. Ich werde das gleich
vorweg nehmen. Wenn wir uns im Augenblick aus der Einstellung auf den Begriff
Nation, und damit die freie deutsche Nation als das zu erstrebende Ziel vor
Augen halten, unseren Kampf gegen den Versailler Friedensvertrag betrachten, so
stellt sich dieser Kampf so dar, daß wir den Vertrag nicht anders zerbrechen können,
als das wir den Krieg gegen die Entente führen. Er stellt sich so dar, daß das
Proletariat als solches den Gedanken fassen muß, daß, wenn der Vertrag das
Proletariat so schändlich knebelt, es losgehen muß zum Kampfe gegen die
Entente,gegen die Franzosen, gegen die Engländer. Nicht mehr wird man sagen,
wir müssen gegen die französische Bourgeoisie, gegen das englische Kapital,
sondern gegen die Franzosen, gegen die Engländer.
Wenn
wir heute sehen, daß das Proletariat unter dem Eindrucke des Versailler
Vertrages, der unglaublich drückende Bedingungen für das Proletariat enthält,
bereits in einzelnen Teilen zu solchen Gedanken kommt, daß es die Flinte auf
den Buckel nehmen muß, so wäre es erst recht unsere Pflicht, solche Gedanken
nicht zu unterstützen, sondern sie restlos aus den Hirnen der Arbeiterschaft zu
verbannen und nicht noch einmal die Möglichkeit zu schaffen, daß das
Proletariat auch nur einen Augenblick von einer bürgerlichen Ideologie gefangen
genommen werden könnte. Wir haben die Pflicht, als Klassenkämpfer alles zu
tun, um dem Proletariat zu sagen: Nicht
der
Kampf gegen die Entente ist das Notwendige, sondern das Notwendige ist die Erkämpfung
der proletarischen Diktatur. Im Gegenteil, müssen wir sagen, bewegt euch nicht
in diesen Gedanken, gebt den Machthabern innerhalb der Entente nicht die Möglichkeit,
ihren eigenen Arbeitern mit der nationalen Phrase und der Phrase von dem alten
Geist in Deutschland die Köpfe zu verkleistern, um damit die Einheitsfront der
Klassenkämpfer der Welt zerbrechen zu können. Nein, sprecht nicht einen
Augenblick vom Kriege gegen die Entente. Eure unbedingte Aufgabe besteht darin,
daß ihr die Macht der Bourgeoisie im Lande zerbrecht, das weitere wird sich
finden. Wahrscheinlich ist dann der Kampf, aber kämpft ihr erst von dem
Grundsatz, die eigene Bourgeoisie zu zerschmettern, dann werdet ihr bei dem
Proletariat der Entente den Widerhall finden, den ihr in ihm auslösen müßt.
Wenn
wir in unser Programm natürlich als eins der faktischen Momente die politische
Lage aufnehmen, so will ich auch dazu nur kurz sagen, daß diese Krise die Krise
des Kapitalismus ist, daß er am Ende seines Lateins ist, das es für ihn keinen
Ausweg gibt und geben kann. Es gäbe einen Ausweg dann, wenn das Proletariat
nicht zu seinem Selbstbewußtsein kommen würde. Wie geht das Kapital heute vor?
Ich
will annehmen, es gelänge dem Kapital, über die einzelnen Landesgrenzen hinweg
unter Zurückstellung aller einzelnen Motive sich den Zusammenschluß zum Weltvölkerbund
zu schaffen, so kann es diese Krise nur dann überwinden, wenn das Proletariat
absolut still hält, daß die Millionen Proletarier sich nicht nur ausbeuten
lassen, sondern daß eine oder zwei Generationen versklavt zugrunde gehen. Daß
das nicht eintreten wird, dafür sorgt die Entwicklung des Proletariats. Wir
stellen deshalb in den Mittelpunkt dies: Daß das Proletariat in dieser Krise
mit äußerster Schärfe jeden Augenblick vom Standpunkt der Klassensolidarität
aus erfaßt, wo es sich empören kann. Das gilt es zu organisieren. Wenn die
Hamburger Genossen sagen, die Macht war 1918 in den Händen des Proletariats, so
ist das nur ideell zu verstehen, denn die Macht wäre nur dann in der Hand des
Proletariats gewesen, wenn es imstande gewesen wäre, die Macht auch auszuüben.
Nicht einen Augenblick aber war die Möglichkeit für das Proletariat vorhanden,
die Macht zu übernehmen. Die Hamburger sagen weiter, daß der Fehler des
Spartakusbundes darin lag, daß er den Bürgerkrieg aufs Tapet brachte. Gerade
darin, daß nicht in allerschärfster Form 1918 bereits der Bürgerkrieg zum
Austrag gebracht werden konnte, scheiterte die Besitznahme der Macht. (Sehr
gut!) Im Zirkus Busch, wo die Einigung zustande kam, war gerade das das
Entscheidende, daß man den Sinn des Klassenkampfgedankens nicht begriff und
glaubte, sich einigen zu müssen und den Bürgerkrieg vermeiden zu können. Im
Fortgang der Revolution hat sich gezeigt, daß das Proletariat nur da seine
Macht zum Ausdruck bringen konnte, wo es diesen Bürgerkrieg immer und erneut
aufs schärfste führte. Wir stehen nun heute vor der Situation, daß an den
Toren im Osten Bußland pocht, daß die Gärung innerhalb der deutschen
Arbeiterschaft stark genug ist, um auf sie gewisse Hoffnungen für den
Fortgang der Revolution zu setzen. In diesem Augenblick die Frage stellen, ob Rußland
marschieren wird, ob es Polen zerbrechen wird, nur mit einem proletarischen
Polen Frieden schließen wird, heißt schon eigentlich gar nicht mehr revolutionär
denken. Was sollen wir uns damit beschäftigen, aus welchen Notwendigkeiten
heraus Rußland eine solche Stellung zu diesen Problemen einnimmt, wie es das
tut? Der Proletarier, der so fragt, hat nur den Gedanken, daß nur nicht er die
Revolution in Deutschland zu machen braucht. Den Proletarier hat nur der eine
Gedanke zu bestimmen: was können wir restlos tun, um in diesem Augenblick dem
Fortgang der Weltrevolution zu dienen? Diese Aufgabe kann nur darin bestehen, daß
wir nicht predigen und sagen, schließt euch zusammen und vermeidet möglichst
den Bürgerkrieg, sondern man kann dem Proletariat nur sagen: Ihr zerbrecht alle
kapitalistischen Mannöver und dient der Weltrevolution, wenn ihr jetzt den
verschärften Bürgerkrieg aufnehmt zum Kampf um die Diktatur.
Ich
will damit die Politik verlassen. Nur noch ein paar Worte zu der Politik, die
andere Parteien betreiben. Wir wissen, daß wir die Politik des Spartakusbundes,
wie sie sich ja offen enthüllt in ihrer Haltung zu den Ruhrkämpfen, aufs
entschiedenste ablehnen. Der Spartakusbund hat den Glauben an die Revolution
verloren. Er hat, was früher schon war, den Glauben an die Massen, an das
Proletariat überhaupt, niemals besessen. Er besitzt nur die Frechheit, es heute
den Proletariern zu sagen. Der Spartakusbund scheidet deshalb für uns aus der
politischen Betrachtung aus. Seine Politik ist einzig und allein davon diktiert:
Wie kann ich die Entwicklung des Proletariats, der Revolution, mir dienstbar
machen, wie kann ich das Proletariat zu meinem Instrument, zu meinem Objekt
umbilden? Deshalb wird seine Politik von dem einen Gedanken diktiert, wie
schaffe ich es, daß ich obenauf bleibe als Beherrscher der Revolution wie des
Proletariats? Er richtet seine Politik nach dem Grundsatze ein, daß seine persönlichen
Bedürfnisse und Interessen über die Interessen des kämpfenden Proletariats
gestellt werden. Er wird dem Proletariat sagen, wenn er es nicht geschafft hat,
daß das Proletariat nicht reif sei.
Die
Politik der U.S.P. ist etwas derart schändliches, daß wir wohl kaum Worte
finden, sie zu brandmarken. Die Politik der U.S.P., die darin bestanden hat, die
Phrase zu pflegen und das revolutionäre Proletariat in der Phrase zu schaukeln,
besteht heute darin, daß sie die proletarische Revolution entwaffnen will. Sie
erklärt sich prinzipiell mit der Entwaffnung einverstanden, die eine
Entwaffnung des deutschen Proletariats ist. Ihre Haltung ist diktiert von einem
absolut bürgerlichen Pazifismus. Damit haben wir aber als Kämpfer nichts zu
tun. Wir wissen, daß der Kampf mit der Waffe nicht zu umgehen ist und
ausgetragen werden muß. Eine solche Politik, die auch heute nicht mehr mit dem
Wollen der Massen übereinstimmt, lehnen wir ab. Die U.S.P. ist zweifellos auf
der Suche nach Parolen, die Massen weiter zu leiten. Wie steht es damit? Wir müssen
die Parolen machen, die dem Proletariat in der Folge die Ziele aufstellen, unter
denen es zu kämpfen hat, was das Proletariat an Aktivität entfalten will. Das
Proletariat ist nicht pazifistisch, es sucht nach einem Ausdruck in einer
solchen Lage wie heute. Wir müssen ihm eben in diesem Augenblick die aktiven
Parolen aufzwingen, nach denen es den Kampf zu führen hat. Wir müssen vor die
U.S.P. treten und ihr sagen: Ihr wißt und ihr sagt es mit euren Phrasen, daß
die Proletarier in Deutschland nur durch den Kampf zu ihrem Ziel kommen können.
Man wird jetzt die Revolution entwaffnen. Entschließt euch, wir sagen euch, wir
sind bereit, jetzt, weil das Proletariat für diese Dinge reif ist, weil es weiß,
daß es keinen
anderen Ausweg gibt, den Kampf mit der nötigen Schärfe aufzunehmen. Kommt uns
nicht mit einer leeren Phrase - ihr würdet es gern tun - sondern stellt euch
klar zu dieser Frage: wollt ihr jetzt die Revolution entwaffnen lassen, oder mit
uns geeint diesen Kampf aufnehmen? Damit werden wir
sie restlos entlarven. Denn dazu werden sie nicht gewillt sein. Dann werden die
deutschen Proletarier die Antwort zu geben haben, welcher Politik sie ihre
Stimme geben wollen.
Genossen,
damit verlasse ich das, was ich zur Ergänzung des vorliegenden Programmentwurfs
über das theoretische Fundament zu sagen habe. Ich wende mich nun zu den
Momenten, die für die Gegenwart noch sonst wichtig sind.
Wir
haben zu betonen, daß wir uns vom Parlamentarismus endgültig losgesagt haben.
Was darüber zu sagen ist, ist im Referat des Gründungsparteitages festgelegt
und davon ist nichts zurückzunehmen. Wir lehnen den Parlamentarismus für
Deutschland endgültig ab. Für uns gilt nur das, daß der Parlamentarismus für
uns nicht mehr diskutabel ist. Ebensosehr aber lehnen wir die Beteiligung an.den
gesetzlichen Betriebsräten ab. Die "Freiheit" schreibt, daß die Räte
ein Element der Freiheit sein wollen und daß jetzt in der Einigung zwischen
Gewerkschaften und Räten die höhere Einheit der Solidarität sich ergibt. Ich
möchte konstatieren, daß diese Einigung die höhere Einheit zur Sabotage der
Revolution bedeutet. Ein doppelter Betrug liegt hier vor. Zunächst sind die
jetzigen Betriebsräte überhaupt keine Räte. Dem Proletariat vorgaukeln, diese
Räte hätten etwas mit proletarischer Ausdrucksform zu tun, ist ein gemeines
Spiel. Sie bedeuten nichts anderes als den Abzugsgraben für die
Gewerkschaftsbureaukratie, bedeuten den neuen Schmarotzer auf dem
Rücken des Proletariats. Wie treiben diese Leute ihre Politik? Sie treiben sie
von dem Gesichtspunkt aus, daß niemand im Kampfe zu Boden gleitet. Sie gehen
also an die Frage so
heran, daß alle Gewerkschaftsbonzen, alle Instanzen die Frage lösen wollen von
dem Gesichtspunkte: Wie können wir das Proletariat zum Rätegedanken hinausführen,
ohne dabei selbst unter die Räder zu kommen? Dieser Betrug muß rücksichtslos
entlarvt werden. Wie ist es möglich, daß man es fertig bringt, Räte, die
proletarische Ausdrucksform sein sollen, die proletarisches Denken verkörpern
sollen, zusammenzuschmieden mit dem bureaukratisch-kapitalistischen
Organisationssystem? Wie ist das denkbar? Hier liegt ein Betrug vor: die
Schaffung einer Arbeitsgemeinschaft zwischen Kapital und Arbeit, die ungleich
gefährlicher und brutaler ist als die zu durchsichtigen Zwecken 1918
geschaffene Arbeitsgemeinschaft.
Wir
müssen uns aber weiter, wenn wir uns gegen die Gewerkschaften wenden, mit der
Betriebsorganisation und der Stellung der Partei zu ihr beschäftigen. Ich möchte
aber, da ich über Abgrenzungen sprechen möchte, und über das, was der
proletarischen werdenden neuen Form fremd ist, einiges noch sagen. Wir müssen
uns klar darüber werden, daß wir auch ganz bestimmte Grenzen zu ziehen haben
über unsere Stellung über Moral, Kunst und Wissenschaft der bürgerlichen
Gesellschaft. Wir müssen uns darüber klar werden, daß wir die bürgerliche
Moral, die Ethik, und die bürgerliche Kunst rücksichtslos ablehnen. Wir sind
keine Mucker. Wir, die wir eine freiere Form des Familienlebens, der Ehe, des
Geschlechtslebens propagieren und durchzuführen gedenken, wissen uns frei
von jeder Form des Muckertums. Aber wer übersieht, was an Schamlosigkeiten die
bürgerliche Gesellschaft der Straße bietet, der muß auch dagegen offen Front
machen. Das Proletariat darf es sich nicht bieten lassen, daß die bürgerliche
Gesellschaft ihm in dieser Form auf Straßen und in Kinos Dinge vorsetzt, die
die absolute Schamlosigkeit bedeuten.
Auch
dies muß von uns ebenfalls ausgesprochen werden: Wir können die Emanzipation
der Frau nicht dadurch zum Austrag bringen, daß wir die Frau zur selben
Schamlosigkeit greifen lassen wie das bürgerliche Weib. Nicht darin besteht die
Oberwindung, daß man der Frau dieselbe Freiheit gestattet, sondern darin, daß
man ihr die proletarischen Wege der neuen Moral aufzeigt. Ist es nicht
unglaublich, mit welcher Dreistigkeit eine heute geschäftspraktische Kunstwelt
dem Proletariat Bilder vorzusetzen wagt, die absolut die Dekadenz der
untergehenden Epoche sind. Das Proletariat nimmt sie hin und läßt sie sich
aufdrängen als die proletarische Kunst, als die kommende revolutionäre Kunst.
Mehr als bisher müssen wir uns auch diesen Dingen zuwenden.
Wir
müssen uns auch, wenn wir von taktischen Fragen gegenüber den Russen sprechen,
in einer bestimmten Linie verhalten. Das Exekutivkomite, das in einer Form gegen
uns vorgeht, die lebhaft an Spartakusmethoden erinnert, muß von uns zurecht
gewiesen werden. Es hat nicht überzugreifen über den Rahmen, daß der Gedanke
des Proletariats fortschreitet. Wir müssen uns eine Reihe dieser russischen
Obergriffe verbitten: Aber aus dieser Erwägung heraus dürfen wir nun nicht
dazu übergehen, daß wir alles, was von Rußland kommt, verurteilen und das
Kind mit dem Bade ausschütten. Diese Angst muß überwunden werden. Soweit die
Dinge im proletarischen Grundsatz liegen, auf proletarische Wege leiten, soweit
müssen wir sie auch als gut und richtig anerkennen und uns nicht nur von der
Sorge leiten lassen: wie können wir dieser Herrschaft entgehen?
Wir
müssen uns abgrenzen gegen die Führermethoden der alten Parteien und der bürgerlichen
Epoche. Ich will nur einen charakteristischen Punkt herausschälen. Manche Führer
auch innerhalb des Proletariats berufen sich darauf, und suchen dadurch ihre
Meinung zu bekräftigen, daß sie betonen, sie hätten für ihren Idealismus
auch leiden müssen. Ich lehne überhaupt
den Begriff des Individuums wie des Märtyrertums ab. Wenn Führer des
Proletariats davon sprechen, daß sie gelitten haben, so sagen sie damit
garnichts. Auch der Unternehmer kämpft und leidet für seine Ideen. Der
Unternehmer riskiert es auch im Interesse seiner Unternehmung, daß er, wenn er
vor die Arbeiter tritt, erschlagen wird. Nicht das ist das Entscheidende, daß
sich jemand opfert, das ist innerhalb der proletarischen Bewegung eine
Selbstverständlichkeit, ja, die Grundvoraussetzung. Denn er muß das ja tun.
Aber es kommt alles darauf an, aus welchem Geiste heraus er kämpft. Er muß so
kämpfen, daß er nicht, wie der Unternehmer für sein Eigentum, für sein
Unternehmen, für seine Fabrik, für seinen Betrieb, für sein Volk, für sein
Vaterland, für seine Nation kämpft, sondern er muß kämpfen als Glied der großen,
proletarisch-sozial fühlenden, denkenden, lebenden und gestaltenden Masse, die
über die ganze Welt verbreitet ist. Er kämpft nicht mit dem Bewußtsein, ich
will die proletarische Bewegung zu meiner Bewegung machen, die Revolution ist
meine Angelegenheit, mir hat man zu folgen. Das ist bürgerlicher
Privatkapitalismus, ist bürgerliche Ideologie. (Sehr gut) In dieser Abgrenzung
wäre auch noch zu sagen, daß wir uns bestimmte Auffassungen über das Wesen
von Führer und Massen zu eigen machen müssen. Ich will auch hier nur wieder
Erläuterungen geben. Wie ist es mit den Führern und der Masse? Der Begriff ist
sehr verschiedener Auslegung fähig. Es dreht sich hier darum, welches ist der
Begriff Masse im Sinne des proletarischen Denkens. Der Begriff Masse im Sinne
des privatkapitalistischen Denkens ist der, daß die Masse der Kadhaver ist, daß
sie das Eigentum bestimmter Menschen ist. Für das proletarische Denken besteht
der Begriff Masse nicht darin, daß man alles in ihn einschließt. sondern
darin, daß man Ausdeutung
gibt: Masse ist das im sozialen Denken zusammengeschmiedete klassenbewußte
Proletariat. Aus diesem Sinne entspringt auch das Wesen des Führertums, in
diesem Sinne wird es ganz an ders
aufgefaßt werden müssen. Viele schießen heute über das
Ziel hinaus. Sie gehen so weit und glauben, daß die absolute Ablehnung des Führertums
etwas Proletarisches wäre. Das ist grundfalsch. Es darf nicht so weit gehen, daß
man den
Führer überhaupt ablehnt. Man muß sich darüber klar sein, daß, wenn man den
Führer überhaupt ablehnt, man auch jede Klugheit uund Fähigkeit, jeden
starken Willen, jeden Menschen, der etwas besser kann, ablehnt. Das würde nicht
der Auffassung der proletarischen Massen entsprechen .Ich hoffe, daß die Führer
des Proletariats aus den großen Industrien kommen werden. Ich sage: Führer der
Masse müssen uns sein, die das
Denken und Leben dieser Masse zum Ausdruck bringen, gestalten, die am fähigsten
sind, dieses Denken und Leben darzustellen, fortzugeben und wieder ihrerseits
mit ihrem Feuer diese Massen durchgluten. Sie werden verstehen, daß der Begriff
der Masse sofort eine ganz bestimmte Führerform mit sich bringt. Aber niemals dürfen
wir überhaupt Führer ablehnen. In dem Augenblick führt man den Kampf der
Plattheit gegen die Tiefe, der Dummheit gegen das Genie. Das geht nicht an. Ihr
müßt nur den Ausdruck zu finden suchen, gerade die besten aus euch
herauszusuchen, denen ihr auch volle Verantwortung gebt und sie nicht nur
degradiert zu technischen Hilfskräften und zu Menschen, die bedeutungslos wie
eine Maschine zu reagieren haben. Es kann nur so sein, daß durch die Masse
fortgesetzt die Kontrolle vorhanden ist, daß überhaupt sich aus der Verbindung
der Führer mit der Masse jene verständnisvolle Zusammenarbeit ergibt, die zur
Führung des proletarischen Klassenkampfes unbedingt erforderlich ist. Wenn das
Proletariat sich in den Räten die Ausdrucksform schafft, dann wird es auch die
Führer durch das Kontrollsystem ihrer Organisation gewinnen, die ihm niemals
und zu keiner Zeit auf dem Rücken tanzen können. Innerhalb einer
proletarischen Gesellschaft muß das System so gearbeitet sein, daß sich aus
dem System heraus die Kontrolle über die Führer ergibt. Dann ist das
geschaffen was wir brauchen. Bei dieser Gelegenheit auch ein paar Worte über
die Autonomie, über Zentralismus und Föderalismus.
Wenn
von Autonomie die Rede ist, dann wird das Wort recht oberflächlich verstanden.
Die Autonomie besteht nicht darin, daß man sich beschwert über die Aufzwingung
großer Belanglosigkeiten. Ein großes Theater hebt an über irgend einen geschäftsführenden
Ausschuß. Wenn wir doch die Debatten von diesem Niveau herunterbringen könnten,
dann wäre schon manches geschafft. Solche Obergriffe müssen abgeschafft
werden, aber das sind Belanglosigkeiten. Was heißt Autonomie? Autonomie heißt
Selbstgesetzgebung. Wer soll sich selbst die Gesetze geben? Die Gesetze
innerhalb des deutschen Proletariats gibt sich also das Proletariat zunächst
selbst. Viele gehen nun darauf aus, die Autonomie so zu verstehen, als müßte
überhaupt eine Zusammenfassung im organisatorischen Sinne vermieden werden. Das
bedeutet, daß wir eine kommende Räteorganisation, eine kommende proletarische
Ausdrucksform von vornherein auf die Vergangenheit herabwürgen. Damit geben wir
der Autonomie eine falsche Ausdeutung. Wir schaffen das Kaisertum ab und
schaffen dafür eine Reihe von Fürstentümern. Der Kampf um Autonomie wird
jetzt von einzelnen Bezirken gewöhnlich aus der Einstellung heraus geführt, daß
in diesem Bezirke wieder einer ist, der so eine Art kleiner König sein möchte,
der die Mitgliedschaften als sein Eigentum betrachten möchte. Wenn nun noch ein
großer Hauptausschuß vorhanden ist, so fühlt sich dieser kleine König natürlich
getroffen und beginnt Zeter und mordio zu schreien über die Diktatur von oben.
Eine solche Autonomie bedeutet, daß jeder einzelne Bezirk sich absolut selbständig
macht, bedeutet, das Durchbrechen der Räteorganisation, das Durchbrechen
der werdenden sozialen Ausdrucksform des Proletariats. Es bedeutet letzten Endes
eine durchaus individuelle Denkweise, die nichts zu tun hat mit der Denkweise,
die in der Entwicklung des Rätegedankens die Zukunft der Gesellschaft sieht.
Unter Föderalismus versteht man vielfach Anarchie, das heißt die
Herrschaftslosigkeit. Das heißt, jeder einzelne Wirtschaftsbezirk soll völlig
eigenmächtig Verträge mit anderen Ländern eingehen und absolut nicht darin
behindert werden. Sie verstehen, wenn ich sage, daß das leeres Geschwätz ist.
Wenn ich von Räten und ihrer Entwicklung spreche, dann weiß ich, daß eine
Zusammenfassung für bestimmte durchzuführende Aufgaben innerhalb des
internationalen Proletariats stattfinden muß, und daß eine solche
Zusammenfassung aus dem sozialen Werden hervorgeht, daß sie mit einer Kontrolle
von unten auf gewollt und geschaffen wird. Es ist selbstverständlich, daß
hierbei von vornherein jeder Eigentumsgedanke, von einer Zentrale ausgehend,
ausgeschlossen ist, daß vielmehr die Zusammenschließung eine von unten aus
gewollte ist. Den Zentralismus im alten Sinne lehnen wir ab;
er ist für uns etwas Tötes. Aber eine Zusammenschmiedung, wie sie der Fortgang
der Revolution in Deutschland sowohl als auch der Weltrevolution uns notwendig
aufzwingt durch das Werden der Räteorganisation, diese Art des Zentralismus können
und dürfen wir nicht ablehnen, bei der Gefahr, in einzelne Splitter zu
zerfallen. Der Föderalismus, sofern er bedeutet die vollkommene Freiheit jeder
kleinen einzelnen Gruppe, ist ein Unding und widerstrebt dem Gedanken der
Gemeinschaft sowohl wie der Räteorganisation. Der Föderalismus kann nur so
aufgefaßt werden, daß er, entsprechend dem Werden der Räteorganisation, die
soziale Ausdrucksform sucht, die es letzten Endes ermöglicht, innerhalb einer
Weltkommune einem jeden die möglichste und freieste Betätigung zu gewähren.
Wir
müssen uns weiter auch positiv über unser Verhältnis zur Jugend und zur
Erziehung äußern. Wir haben im Programmentwurf gesagt, daß wir alle
ernstlichen revolutionären Bestrebungen, die die Jugend beiderlei Geschlechts
aus sich selbst heraus zum Ausdruck bringt, unterstützen, daß wir indes jede
Bevormundung der Jugend ablehnen. Wir wissen, daß wir noch nicht die Zukunft
des Proletariats sind. Wir wissen, daß die Entwicklung des Rätegedankens eine
Entwicklung von Generationen ist. Wir wissen auch, daß die Jugend von heute
allerdings einen großen Teil von dem verwirklichen soll, was wir wünschen und
erstreben. Wir müssen uns mit äußerster Sorgfalt dieser Jugend annehmen. Wir
dürfen sie nicht in unser Schlepptau nehmen, wie die bisherigen Parteien das
taten. Wir müssen vielmehr in sie hinein die Gedanken der kommenden sozialen
Gesellschaft pflanzen und sie in ihnen werden und reifen lassen. Wir dürfen
keinen Augenblick vorübergehen lassen, ohne uns mit dem Problem zu beschäftigen,
wie die Erziehung zu gestalten ist. Mit der Arbeitsgemeinschaft müssen wir uns
gleichfalls ständig beschäftigen.
Ich.könnte
mich nun noch vielleicht über einige Programmpunkte äußern. Verschiedene bedürfen
vielleicht noch einer kleinen Änderung. Es sind viele Abänderungsanträge
gestellt worden, von denen manche akzeptabel sind. Es dreht sich in der
Hauptsache darum, daß eine grundsätzliche Linie festgestellt wird. Abänderungen
kann jede neu zu wählende Programmkommission vornehmen. Der Parteitag wird sich
nur schlüssig werden müssen über die Richtlinien. Aber einzelne Punkte möchte
ich noch vorweg erwähnen.
Es
ist dem Programm der Vorwurf gemacht worden, daß es die Forderung nach
Bewaffnung der politisch organisierten Arbeiterschaft enthält; schon deshalb
sei das Programm ab zulehnen.
Ich weiß nicht, ob das ein Grund zu' Ablehnung ist. Ich will aber nicht
verhehlen, daß die Ausarbeitung gerade dieses Punktes ein Genosse übernommen
hatte, der auf dem Boden der Bewaffnung des Proletariats nach Betrieben steht.
Ich sage das deshalb, weil wir alle diesen Gedanken buchstäblich nicht
abweisen. Wir haben stets den Standpunkt vertreten, daß die Bewaffnung nach
Betrieben zu erfolgen hat. Wenn im Programm trotzdem von der Bewaffnung der
politisch organisierten revolutionären Arbeiterschaft die Rede ist, so glaube
ich, daß dies nur dahin verstanden werden kann, daß das Proletariat als Klasse
sich bewaffnet, daß es sich aber irgendeine Sicherung schaffen muß, um nicht
auch die zu bewaffnen, von denen es weiß, daß sie im nächsten Augenblick die
Waffe gegen das Proletariat selbst kehren werden. Der Programmpunkt kann wohl
nur so verstanden werden, daß die Bewaffnung nach Betrieben vor sich zu gehen
hat, daß aber Sicherungen geschaffen werden müssen, gegen Elemente, die eine
Gefahr für die Revolution bedeuten würden.
Die
Frage der Annullierung der Kriegsanleihen wäre noch zu besprechen. Doch ist das
ein Punkt, der nicht eigentlich in das Programm gehört. Es kann vielleicht auch
anders kommen, andere Notwendigkeiten können sich in dieser Beziehung ergeben.
Es ist nicht notwendig, daß wir uns bei der Feststellung großer
programmatischer Richtlinien auf solche Einzelheiten festlegen. Mehr zur Klärung
würde es beitragen, wenn die wirtschaftspolitischen Fragen innerhalb der Presse
einen größeren Raum einnehmen würden.
Gewiß
gehört in das Programm noch die Stellung zur Schulfrage, die Stellung zur
Agrarfrage, ja, vielleicht auch noch eine eingehendere historische Analyse der
Vergangenheit, der Internationale überhaupt, des Klassenkampfes der
Arbeiterschaft bisher, eine größere geschichtliche Begründung.
Aber
auf diesem Parteitage dreht es sich ja nicht so sehr um diese historische
Darstellung, als vielmehr darum,daß wir uns auf eine ganz bestimmte klare
Richtlinie festlegen, um endlich zu positiver Arbeit zu kommen und uns als
Partei zu konstituieren, die aktiv ist.
Wir müssen uns in diesem Sinne absolut von Realitäten leiten lassen. Wir gehen schon fehl, wenn wir uns auf politische Erörterungen, etwa, ob die Front 1918 in eine revolutionäre Front hätte umgewandelt werden können, einlassen, das ist von keiner Bedeutung; man kann der Auffassung sein, es wäre damals möglich gewesen - es wäre nicht möglich gewesen, das spielt für den Fortgang der Revolution, auf den allein es hier ankommt, nicht die geringste Rolle. Wir müssen trotz aller Opfer des Proletariats hart sein. Wir müssen versuchen, unsere Theorie und Praxis in absolu ten Einklang miteinander zu bringen. Wir dürfen nicht fortfahren, unserer Partei dadurch die Aktivität zu nehmen, daß wir immer ein neues Theorem aufs Tapet bringen, es umdeuten, es fortsetzen, sondern wir müssen auf diesem Parteitage Theorie und Praxis aus einem Kernpunkt zu leiten versuchen. Sollte selbst auf die Gefahr hin, daß man so verfährt, der eine oder andere sich vor den Kopf gestoßen fühlen, so haltet euch vor Augen, daß wir ein furchtbares Schauspiel bieten würden, wenn wir das Beispiel einer sich zerfleischenden Partei bieten würden. Wir müssen diesen Kampf der Selbstzerfleischung aufgeben und müssen Theorie und Praxis zusammen zu schmieden versuchen. Das darf nicht basieren auf dem Gefühl, wie schaffen wir uns e i n e Partei, sondern: wie schaffen wir aus dem Massenwillen heraus jetzt die Situation, die uns den verschärften Kampf gegen das Kapital überhaupt ermöglicht, die uns ermöglicht, in diesem Moment als d i e Partei des aktiven Proletariats, die soziales Leben gestalten will, herauszutreten. (Beifall!)
Kurasje - The Council Communist Archive