(Cajo Brendel)
F: Was ist Rätekommunismus?
Der Rätekommunismus entwickelte sich als Strömung in Reaktion auf die Oktoberrevolution.
Sie störte sich nicht so sehr in der Auflösung der Konstituante, sondern an der Neuen
Ökonomischen Politik - an der Tatsache, daß es sich um Staatskapitalismus handelte, dazu
kam der Aufstand in Kronstadt, die Auflösung von Arbeiterräten.
F: Die Sowjetunion ist also Ihrer Meinung nach immer eine Klassengesellschaft geblieben?
Ob man das wollte oder nicht, die hat's immer gegeben. Man hat immer Lohnarbeiter gehabt.
Lenin hat kurz nach der Revolution 1905 geschrieben, die kommende Revolution, ich zitiere
aus dem Kopf, wird eine bürgerliche sein. Aber, hat er hinzugefügt, sie ist eine
bürgerliche Revolution ohne Bourgeoisie. Diese schon früh erkannte richtige Auffasung
hat er später beiseite geschoben. In den Schriften, die er gegen die Rätekommunisten in
Westeuropa geschrieben hat, also »Linksradikalismus als Kinderkrankheit«, gibt er zu,
daß die Revolution von 1917 eine bürgerliche war. Aber dann vergißt er das.
Der Erste, der schroffe, theoretisch sehr scharfe Kritik an den Bolschewiki und Lenin
übte, war Otto Rühle, der von Anfang an in der deutschen Sozialdemokratie saß und dann
zur Strömung um Johann Knief, die nah' am späteren Spartakusbund stand, gehörte. Rosa
Luxemburgs Kritik an Lenin begann schon, als Lenin »Was tun?« schrieb. Aber für die
Rätekommunisten war die ökonomische Politik, die Tatsache, daß der Staat der
Bourgeoisie einfach in den Staat der Arbeiter umbenannt war, entscheidend.
Daß Lohnarbeit weiter bestehen blieb, ist das Entscheidende. Das ist Kapitalismus, eine
Erscheinung, die mit Sozialismus und Arbeitermacht überhaupt nichts zu tun hat.
F: Können Sie das rätekommunistische Verständnis zum Verhältnis Arbeit und Lohn und
Produkt kurz skizzieren?
Nicht kurz. Ich produziere keine Illusionen, was Marx Rezepte für die Zukunft nennt.
Solange der Wert beim Austausch der Waren darauf basiert, daß die Arbeitskraft eines
jeden Individuums mehr Wert erzeugt, als seine Arbeitskraft wert ist, haben wir
unweigerlich Ausbeutung. Darauf basiert die ganze kapitalistische Wirtschaft.
Für einen Sozialismus müssen ganz andere
Rechnungen beim Warenaustausch stattfinden. Wann das möglich wird, kann ich nicht sagen.
Und wie genau, darüber kann man auch keine Erfindungen machen. Ich weiß nur, wo irgendwo
kämpfende Arbeiter über eine bestimmte Grenze gehen, und das ist dann immer die Grenze
ihrer eigenen Vorstellungen, ändert sich das Machtgewicht. Irgendwann ist man gezwungen,
den Schritt zu Arbeiterräten zu gehen, weil bestimmte Aufgaben gelöst werden müssen.
Irgendwann muß der Verkehr geregelt werden. Dann fängt man an, die Gesellschaft zu
ändern.
Im Gegensatz zu Lenin, der gesagt hat: ohne Theorie keine revolutionäre Praxis, sagen
wir: jede Theorie ist die Abstrahierung oder die Zusammenfassung dessen, was sich in der
Wirklichkeit abspielt. Ich habe mein Leben lang genau studiert, wie der Klassenkampf sich
ändert. Ich fing 1934 an, seither haben sich die Formen des Kampfes sehr verändert.
Dieser Klassenkampf ist ein ganz anderer als der politische Kampf von Parteien, denen es
um Macht geht, die die Auffassung vom Sozialismus als Zerschlagung des kapitalistischen
Staates überhaupt vergessen haben. Betriebsbesetzungen zum Beispiel, glaubst du, daß das
Maßnahmen der Gewerkschaften sind? Sie sind immer Formen autonomen Kampfes. Diese habe
ich vor dem zweiten Weltkrieg nirgendwo gesehen. Die Eingriffe ins bürgerliche Recht
werden allmählich immer konsequenter. Oder können Sie sich an Bankbesetzungen vor zehn
Jahren erinnern, wie sie im Ruhrgebiet passierten?
F: Was macht der Rätekommunist, wenn Gewerkschaften ambivalent handeln, die Parteien als
Manipulatoren der Arbeiterklasse auftreten? Ist es die rätekommunistische Idee,
möglichst dezentral politisch zu operieren?
Die Antwort ist, daß die Rätekommunisten genau das tun, was Marx schon in »Zur Kritik
der Hegelschen Rechtsphilosophie« schrieb, daß man den Leuten einen Spiegel vorhält,
worin sie die Bedeutung ihrer eigenen Existenz erkennen. Wir treten also nicht als Vorhut
der Arbeiter, wie es die Maoisten, die Trotzkisten tun, auf. Nach unserer Meinung ist eine
derartige Handlung im Klassenkampf eine nachteilige, weil damit immer die selbstständige
Bestimmung des Arbeiterkampfes verzögert wird. Man soll auch nie vergessen, daß Arbeiter
nicht kämpfen, weil sie das Kapital gelesen haben, sondern weil sie ihre eigenen
Interessen aus ihrer
unmittelbaren Erfahrung vertreten.
F: Sind nach Ihrer Definition Arbeiter Leute, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen?
Also auch Bürokräfte, da die klassischen Arbeiter in der Produktion durch
Rationaliserung aussterben.
Das stimmt. Aber einen Streik von Bankangestellten hat es vor dem Krieg nie gegeben. Die
Schalterkräfte mußten damals noch eine spezielle Bildung besitzen, zum Beispiel
Prozentrechnung im Kopf beherrschen. Heute brauchen sie überhaupt keine Bildung mehr, sie
sind genauso wie zum Beginn des Kapitalismus einfach zu Objekten der Maschinen geworden.
Deshalb streiken sie auch. Die technische Entwicklung des Kapitalismus läßt den
klassischen Proletarier verschwinden, zur gleichen Zeit werden aber alle anderen Berufe
immer mehr verproletarisiert. Ob die Leute sich das eingestehen oder nicht und ob sie es
wollen oder nicht, sie werden zum
Klassenkampf gezwungen. Sie reden nicht vom Klassenkampf, sie haben ganz andere
Sprachgewohnheiten, tun aber dasselbe.
F: Die Existenz als Rätekommunist muß frustrierend sein, weil deren Einfluß immer sehr
gering gewesen ist. Die großen Arbeiterparteien waren ja politische Gegner.
Der Rätekommunismus hat nie versucht, die Arbeiter zu beeinflussen. Im Gegenteil, die
sich verändernde Praxis der Arbeiter hat die Auffassungen der Rätekommunisten
verändert. Der Rätekommunismus heute ist nicht mehr das, was er war, als Röhle,
Pannekoek oder Knief ihre theoretischen Texte schrieben.
F: Frustrierend dahingehend, daß die Arbeiter doch immer unter den Maximalforderungen
blieben und sich im Zweifelsfall wieder von der Sozialdemokratie einfangen ließen. Lukacs
hat von der Verdinglichkeit des Bewußtseins gesprochen und ans Bewußtsein ist sehr
schwer ranzukommen.
Das stimmt wohl, aber davon soll man sich nicht auf einen falschen Weg führen lassen. Das
Bewußtsein kann doch immer nur ein Bewußtsein der Wirklichkeit sein. Sonst ist es
Phantasie. Und in dem Maße, wie der Kapitalismus sich ändert, ändert sich auch das
Bewußtsein. Und es kommt immer viel später als die wirtschaftliche Veränderung
zustande. Man soll nicht vergessen, daß das, was sich damals sozialistisch nannte,
Demokraten waren - wie Kautsky oder Bernstein - und der Staatskapitalismus von Lenin. Das
dieser sogenannte Sozialismus von der Bildfläche verschwindet, ist ein Zeichen dafür,
daß das Bewußtsein, das hervorgeht aus den autonomen Kämpfen, auf der Tagesordnung
steht. Und ob es nun sehr deutlich und sichtbar oder nur gedanklich unklar vorhanden ist,
sind zwei verschiedene Dinge derselben Sache.
Indem sich der Kapitalismus entwickelt, entwickelt sich auch der Kampf der Arbeiter, und
zwar anders als in den Illusionen, die man sich bisher machte: Daß die Verstaatlichung
der Betriebe schon das Paradies ist. Ein nationalisierter Betrieb ist auf keinen Fall
Sozialismus. Lenin wollte den Sozialismus nach der deutschen Post organisieren.