DIE ARBEITERRÄTEBEWEGUNG IN DEUTSCHLAND
(Henk Canne-Meijer - 1938/1952)
Der Ausbruch
der Revolution
Im November 1918 brach die deutsche Front zusammen. Die Soldaten desertierten zu
Tausenden. Die ganze Kriegsmaschinerie krachte auseinander. Dennoch beschlossen
die
Flottenoffiziere eine letzte Schlacht zu schlagen, um die Ehre zu retten. Die
Matrosen verweigerten den Gehorsam. Dies war nicht ihre erste Auflehnung, aber
alle
vorhergehenden wurden durch Kugeln und Befehle unterdrückt. Dieses Mal gab es
kein unmittelbares Hindernis mehr; die rote Fahne wurde erst auf dem einen, dann
auf den
anderen Kriegsschiffen gehißt. Die Matrosen
wählten Delegierte, die einen Rat bildeten. Von da an waren sie gezwungen, alles
zu unternehmen, damit die Bewegung sich
ausbreitete. Sie wollten nicht im Kampf gegen den Feind sterben, aber wenn sie
isoliert blieben, würden die sogenannten loyalen Truppen intervenieren, und es
würde
ebenfalls einen Kampf und neue Unterdrückung geben. Die Matrosen verließen ihre
Schiffe und besetzten den großen Hamburger Hafen; von dort kehrten sie mit dem
Zug oder
einem anderen Verkehrsmittel in ihre Heimatstädte zurück.
Die Befreiergeste war vollendet. Von nun an überstürzten sich die Ereignisse. In
Hamburg wurden die Matrosen mit Begeisterung empfangen; Soldaten und Arbeiter
solidarisierten sich mit ihnen und bildeten ebenfalls Räte. Obwohl diese
Organisationsform bis dato praktisch unbekannt war, bedeckte innerhalb von vier
Tagen ein dichtes
Netz von Arbeiter- und Soldatenräten das ganze Land. Vielleicht hatte man von
den russischen Sowjets von 1917 reden gehört, sicher aber nur sehr wenig:
darüber wachte die
Zensur. Auf jeden Fall hatte keine Partei, keine Organisation jemals diese
Kampfform vorgeschlagen.
Die Vorläufer der Räte
Jedoch erschienen während des Krieges in den deutschen Fabriken Organisationen,
die denen der Räte vergleichbar waren. Sie wurden im Laufe von Streiks von
verantwortlich
gewählten Kollegen, die Vertrauensmänner (Obleute) genannt wurden, gebildet.
Diese wurden von den Gewerkschaften mit kleinen Funktionen betraut und mußten,
entsprechend
der deutschen Gewerkschaftstradition, die Verbindung zwischen der Basis und den
Gewerkschaften herstellen, indem sie den Zentralen die Forderungen der Arbeiter
an der
Basis vermitteln. Während des Krieges gab es vor allem häufig Beschwerden, die
die Intensivierung der Arbeit oder die Preissteigerungen betrafen. Aber die
deutschen
Gewerkschaften hatten - wie auch die in den anderen Ländern - eine Einheitsfront
mit der Regierung gebildet und garantierten so, im Austausch gegen kleine
Verbesserungen
für die Arbeiter und die Beteiligung von Gewerkschaftsführern an offiziellen
Einrichtungen, den sozialen Frieden. Davon hatten auch die Vertrauensleute
Nachteile. Die
"radikalen Kräfte" wurden, früher oder später, zum Militärdienst eingezogen und
in Spezialeinheiten geschickt. Es war also sehr schwierig, öffentlich gegen die
Gewerkschaften Position zu beziehen.
Folglich unterließen es die Vertrauensleute, die Gewerkschaften zu unterrichten
- was ihnen nicht schwer fiel -, aber die Situation und folglich auch die
Forderungen der
Arbeiter blieben nichts desto trotz dieselben, und so organisierten sie sich
heimlich. 1917 überflutete plötzlich eine Welle wilder Streiks das Land. Diese
Bewegungen
waren spontan und nicht von irgendeiner festen Organisation gelenkt. Wenn sie
trotzdem in einer gewissen Geschlossenheit abliefen, so deshalb, weil ihnen
Diskussionen und
Übereinkünfte zwischen verschiedenen Fabriken vorausgegangen waren, weil die
Vertrauensleute vor der Aktion Kommunikationsverbindungen hergestellt hatten.
In diesen Bewegungen, die durch eine unerträgliche Situation provoziert worden waren, bei Abwesenheit einer Organisation, zu der wenigstens ein begrenztes Vertrauen bestand, mußten die verschiedenen politischen Vorstellungen der Arbeiter (sozialdemokratische, religiöse, liberale, anarchistische...) hinter die Notwendigkeit der Stunde zurücktreten. Die arbeitenden Massen selbst waren gezwungen, auf der Ebene der Fabriken zu entscheiden. Im Herbst 1918 nahmen diese Bewegungen, die bisher nur sporadischen Charakter hatten und mehr oder weniger untereinander verbunden waren, eine feste und allgemeine Form an. Neben den klassischen Verwaltungsapparaten (Polizei, Arbeitsamt, Verpflegungsamt etc. ...), manchmal sogar an deren Stelle, nahmen die Arbeiterräte in den wichtigsten Industriezentren die Macht in die Hand: so in Berlin, Hamburg, Bremen, dem Ruhrgebiet und in Mitteldeutschland, in Sachsen. Aber ihre Erfolge waren gering. Warum ?
Ein leichter Sieg
Diese Ergebnislosigkeit rührte von der Leichtigkeit selbst her, mit der sich die
Arbeiterräte bildeten. Der Staatsapparat hatte jede Autorität verloren; wenn er
hier und
da zusammenbrach, so nicht als Folge eines verbissenen und von den Arbeitern
hartnäckig geführten Kampfes. Ihre Bewegung traf auf ein Vakuum und konnte sich
deshalb ohne
Schwierigkeiten ausbreiten, ohne daß es nötig gewesen wäre, zu kämpfen und sich
über den Kampf Gedanken zu machen. Das einzige Ziel, von dem man sprach, war das
Ziel des
ganzen Volkes: Frieden. Hierbei gibt es einen wesentlichen Unterschied zur
russischen Revolution. In Rußland zerschlug die erste revolutionäre Welle, die
Februarrevolution, das zaristische Regime, aber der Krieg ging weiter. Die
Bewegung der vereinigten Arbeiter mußte deshalb ihren Druck verstärken, mußte
sich
entschlossener und kühner zeigen. Aber in Deutschland wurde die erste Forderung
des Volkes, Frieden, unverzüglich erfüllt; die kaiserliche Herrschaft machte der
Republik
umstandslos Platz. Was würde das für eine Republik sein ?
Vor dem Krieg gab es unter den Arbeitern diesbezüglich keine Divergenzen. Die
Arbeiterpolitik, die, in der Praxis wie in der Theorie, von der
sozialdemokratischen Partei
und den Gewerkschaften gemacht wurde, wurde von der Mehrheit der organisierten
Arbeiter angenommen und akzeptiert. Für die Mitglieder der sozialistischen
Bewegung, die
sich im Verlauf des Kampfes um die parlamentarische Demokratie und für soziale
Reformen herausbildete und durch diesen Kampf geprägt wurde, mußte der
bürgerliche
demokratische Staat eines Tages ein Hebel zum Sozialismus werden. Es würde
genügen, eine Mehrheit im Parlament zu haben und die sozialistischen Minister
würden dann,
Schritt für Schritt, das ökonomische und soziale Leben nationalisieren; und das
würde dann der Sozialismus sein.
Damals gab es, ganz ohne Zweifel, eine revolutionäre Strömung, deren bekannteste
Vertreter Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren. Jedoch entwickelte diese
Strömung
niemals eine eindeutige oppositionelle Position gegenüber dem Staatssozialismus;
sie bildete nur eine Opposition im Innern der alten Partei, und für die Basis
hat sich
diese oppositionelle Richtung nie genug von der Gesamtpartei abgesetzt.
Neue Konzeptionen
Dennoch traten während der Tage der großen Massenbewegungen 1918-1921 neue
Vorstellungen zutage. Sie waren nicht das Werk einer vorgeblichen Avantgarde,
sondern sie
wurden von den Massen selbst hervorgebracht. In der Praxis hatte die
selbständige Aktivität der Arbeiter ihre organisatorische Form gefunden: die
Räte, diese neuen Organisationen, handelten ganz im Sinne der Klasse. Und weil es eine enge
Verbindung zwischen den vom Klassenkampf geschaffenen Kampfformen und den
Vorstellungen über die
Zukunft gibt, ist es selbstverständlich, daß die alten Vorstellungen begannen,
erschüttert zu werden. Jetzt führten die Arbeiter selbst ihre eigenen Kämpfe,
außerhalb der
Partei- und Gewerkschaftsapparate; und auch die Idee, daß die Massen durch die
Räte einen direkten Einfluß auf das gesellschaftliche Leben ausüben müssen, nahm
Gestalt
an. Nur in diesem Rahmen wird es eine "Diktatur des Proletariats" geben, aber
eine Diktatur, die nicht von einer Partei ausgeübt wird, sondern die Ausdruck
der endlich
verwirklichten Einheit des gesamten arbeitenden Volkes sein wird. Sicher, eine
solche Gesellschaftsordnung ist im bürgerlichen Verständnis nicht demokratisch,
denn der
Teil der Bevölkerung, der an dieser neuen Organisation des gesellschaftlichen
Lebens nicht teilnimmt, hat weder in Diskussionen noch bei Abstimmungen eine
Stimme.
Wir sagten, daß die alten Vorstellungen sich aufzulösen begannen. Aber es wird
offensichtlich, daß die gewerkschaftlichen und parlamentarischen Traditionen zu
tief in den
Massen verwurzelt sind, um schon nach so kürzer Frist ausgerottet werden zu
können. Die Bourgeoisie, die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften
erinnerten an
diese alten Traditionen. Besonders die Partei beglückwünschte sich in großen
Worten zu dieser neuen Form, durch die die Massen am gesellschaftlichen Leben
teilnehmen
können. Sie ging sogar noch weiter und forderte, daß diese neue Form der
direkten Herrschaft durch ein Gesetz anerkannt und bestätigt werden müßte. Aber
wenn sie ihr so
ihre Sympathie bezeugte, so näherte sich die alte Arbeiterbewegung den Räten,
ohne ihnen einen entsprechenden Platz zu geben und auch um zu ihnen in
Konkurrenz zu treten.
Indem sie das forderten, was man Arbeiterdemokratie nennt, forderten diese alten
Parteien und Gewerkschaften, daß alle Strömungen der Arbeiterbewegung, im
Verhältnis
ihrer zahlenmäßigen Stärke und Bedeutung in den Räten vertreten sein sollten.
Die Falle
Der größte Teil der Arbeiter war nicht in der Lage, diesem Argument
entgegenzutreten: sie waren zu sehr ihren alten Gewohnheiten verhaftet. Und so
wurden die Arbeiterräte
zu Vereinigungen der Vertreter der sozialdemokratischen Partei, der
Gewerkschaften, der linken Sozialdemokraten, der Konsumgenossenschaften, etc.
... sowie auch der
Fabrikdelegierten. Wichtig dabei ist, daß diese Räte nicht mehr die Organe der
Arbeitergruppen waren, die durch das Leben in der Fabrik vereinigt waren,
sondern
Formationen, die von der alten Arbeiterbewegung benutzt wurden und einer
Restauration des Kapitalismus auf dem Niveau eines demokratischen
Staatskapitalismus den Weg
öffneten.
Das bedeutete die Niederlage der Anstrengungen der Arbeiter. Tatsächlich
erhielten dann auch die Delegierten in den Räten ihre Direktiven nicht mehr von
der Masse,
sondern von ihren jeweiligen Organisationen. Sie baten die Arbeiter, doch die
"Ordnung" wieder regieren zu lassen und diese zu respektieren, indem sie
verkündeten, daß
"die Unordnung nicht der Sozialismus sei". Unter diesen Bedingungen verloren die
Räte bald jede Bedeutung in den Augen der Arbeiter. Die bürgerlichen
Institutionen
schickten sich wieder an, ihre Arbeit aufzunehmen, ohne sich im entferntesten um
die Meinung der Räte zu kümmern; und genau dies war das Ziel der alten
Arbeiterbewegung.
Die alte Arbeiterbewegung konnte auf ihren Sieg stolz sein. Ein vom Parlament
verabschiedetes Gesetz legte alle Rechte und Pflichten der Räte bis ins Detail
fest. Sie
sollten über die Durchführung der sozialen Gesetze wachen, das sei ihre Aufgabe.
Anders gesagt: sie wurden ihrer Bestimmung nach ein Rädchen in der
Staatsmaschinerie; sie
nahmen an seinem Gedeihen teil, anstatt ihn zu zerschlagen. In den Massen
erwachten die Traditionen viel mächtiger als die Resultate der spontanen Aktion.
Trotz dieser "fehlgeschlagenen Revolution" kann man nicht sagen, daß der Sieg
der konservativen Elemente einfach und leicht gewesen wäre. Die neue geistige
Orientierung
war stark genug, damit Hunderttausende von Arbeitern verbissen dafür kämpften,
damit die Räte ihren Charakter als neue Klasseneinheit behalten sollten. Es
dauerte fünf
Jahre unablässiger Auseinandersetzungen und manchmal sogar bewaffneter Kämpfe,
und es brauchte das Massaker an 35.000 Arbeitern, bis die Rätebewegung durch die
vereinigte
Front der Bourgeoisie, der alten Arbeiterbewegung und der Weißen Garde, die
durch preussische Junker und reaktionäre Studenten gebildet wurde, endgültig
besiegt wurde.
Die politischen Strömungen
Auf Seiten der Arbeiter kann man im Groben vier politische Richtungen
unterscheiden:
a) die Sozialdemokraten. Sie wollten, unter Benutzung des parlamentarischen Weges die großen Industrien graduell nationalisieren. Sie tendierten gleichfalls dazu, den Gewerkschaften die ausschließliche Rolle eines Vermittlers zwischen Staatskapital und Arbeitern zuzuweisen.
b) die Kommunisten. Mehr oder weniger vom russischen Beispiel inspiriert, trat diese Richtung für eine direkte Enteignung der Kapitalisten durch die Massen ein. Entsprechend ihren Konzeptionen hatten die Arbeiter die Aufgabe, die Gewerkschaften zu "erobern" und zu "revolutionieren".
c) die Anarcho-Syndikalisten. Sie wandten sich gegen eine politische Machtausübung und gegen jeden Staat. Nach ihren Vorstellungen stellen die Gewerkschaften die zukünftigen Formen dar; man müsse dafür kämpfen, daß die Gewerkschaften so sehr an Stärke zunehmen, daß sie in der Lage seien, das gesamte ökonomische Leben zu verwalten. Einer der bekanntesten Theoretiker dieser Richtung schrieb 1920, daß die Gewerkschaften nicht als ein transistorisches Produkt des Kapitalismus betrachtet werden dürften, sondern als Keimformen einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft. 1919 schien es zunächst, als sei die Stunde dieser Bewegung gekommen. Seit dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches hatten diese Gewerkschaften einen großen Zulauf. Um 1920 zählten die anarchistischen Gewerkschaften rund 200.000 Mitglieder.
d) Im selben Jahr jedoch ging die Wirksamkeit der Gewerkschaften zurück. Ein großer Teil ihrer Anhänger wandte sich nun einer ganz anderen Organisationsform zu, die den Bedingungen des Kampfes besser entsprach: den revolutionären Fabrikorganisationen. Jede Fabrik hatte, oder sollte ihre eigene Organisation haben, die unabhängig von den anderen handeln kann und die auch in der ersten Phase nicht mit anderen verbunden ist. Jede Fabrik stellt folglich eine "unabhängige Fabrik" dar, die sich ganz auf sich selbst verlassen muß. Zweifellos waren diese Fabrikorganisationen ein Werk der Massen; doch, das muß man hervorheben, erschienen sie im Zusammenhang mit einer Revolution, die, wenn sie nicht besiegt war, so doch zumindestens stagnierte.
Es wurde schnell offensichtlich, daß die Arbeiter nicht unmittelbar die
politische und ökonomische Macht durch die Räte erobern und organisieren
konnten; sie mußten
zuerst den Kampf gegen die Kräfte führen, die sich gegen die Räte stellten. Die
revolutionären Arbeiter begannen folglich damit, ihre eigenen Kräfte in allen
Betrieben
zusammenzufassen, um im Kontakt mit dem sozialen Leben zu bleiben. Durch ihre
Propaganda versuchten sie, das Bewußtsein der Arbeiter zu wecken, die sie
aufforderten, die
Gewerkschaften zu verlassen und sich auf die Seite der revolutionären
Fabrikorganisationen zu stellen; nur so könnten die Arbeiter selbst und
einheitlich ihre Kämpfe
leiten und die ökonomische und politische Herrschaft über die ganze Gesellschaft
erlangen.
Es erscheint so, als machte die Arbeiterklasse einen großen Schritt rückwärts
auf dem Gebiet ihrer Organisation. Während vorher die Arbeiter in einigen
wenigen mächtigen
Organisationen zentralisiert waren, zersplitterten sie sich jetzt in Hunderte
von kleinen Gruppen, die einige hundert oder tausend Kämpfer vereinigten je nach
der Größe
der Fabrik. In Wirklichkeit aber entwickelte sich diese Form als die einzige,
die es erlaubte, die Möglichkeiten einer direkten Arbeiterherrschaft
abzustecken; und,
obwohl sie relativ klein war, erschreckten diese neuen Organisationen die
Bourgeoisie, die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften.
Die Entwicklung der Fabrikorganisationen
Jedoch nicht auf Grund eines Prinzips waren diese Organisationen voneinander
isoliert. Sie entstanden hier und da, spontan und eigenständig, im Verlauf der
wilden Streiks (so z. B. bei den Bergarbeitern im Ruhrgebiet 1919). Es gab eine Tendenz zur
Vereinigung aller dieser Organisationen, um eine geschlossene Front gegen die
Bourgeoisie und ihre Helfershelfer zu bilden. Diese Initiative ging im April des Jahres 1920 von
den großen Häfen, Hamburg und Bremen, aus. Eine erste Vereinigungskonferenz, an
der Delegierte aus allen wichtigen Industrieregionen Deutschlands teilnehmen, fand
in Hannover statt. Die Polizei schritt ein und verbot den Kongreß. In
Wirklichkeit aber war diese allgemeine, geeinigte Organisation schon gebildet; sie konnte die
wichtigsten ihrer Aktionsprinzipien klar formulieren. Diese Organisation gab
sich den Namen "Allgemeine Arbeiter-Union Deutschlands" (AAUD). Die AAUD hatte zum wichtigsten
Prinzip den Kampf gegen die Gewerkschaften erhoben, und damit die Ablehnung des Parlamentarismus. Jede der Organisationen, die Mitglied der Union waren, hatte
das Recht auf größtmöglichste Unabhängigkeit und zur größten Freiheit in der
Wahl ihres taktischen Vorgehens.
Zu dieser Zeit zählten die Gewerkschaften in Deutschland die meisten Mitglieder die sie jemals hatten, und an die sie bis heute nicht mehr herangekommen sind. Allein die unter sozialistischer Kontrolle stehenden Gewerkschaften umfaßten mehr als 8 Millionen beitragszahlender Mitglieder. Die christlichen Gewerkschaften hatten mehr als 1 Million Mitglieder, die "gelben" Gewerkschaften zählten fast 300. 000 Mitglieder in ihren Reihen. Außer diesen gab es auch noch anarcho-syndikalistische Organisationen sowie auch einige andere, die etwas später dann der von Moskau gelenkten RGI (Rote Gewerkschafts-Internationale) beitraten. Ganz zu Anfang zählte die AAUD nur 80. 000 Arbeiter (April 1920), aber sie gewann rasch an Umfang, und gegen Ende 1920 ging die Zahl ihrer Mitglieder schon auf 300.000. Sicher, die Organisationen, aus denen sich die AAUD zusammensetzte, zeigten gleichermaßen Sympathien für die FAUD wie für die RGI. Und im Dezember 1920 provozierten diese Gegensätze eine Spaltung innerhalb der AAUD, und zahlreiche der ihr angeschlossenen Organisationen verließen sie, um eine neue Organisation zu bilden, die AAUD-E: AAUD-Einheitsorganisation genannt wurde. Nach diesem Bruch erklärte die AAUD, zur Zeit ihres 4. Kongresses im Juni 1921 immer noch mehr als 200. 000 Mitglieder zu zählen. Tatsächlich aber waren diese Zahlen sehr ungenau: im März 1921 hatte die Niederlage des mitteldeutschen Aufstandes der AAUD buchstäblich das Genick gebrochen. Die nur noch schwache Organisation konnte der insetzenden Welle polizeilicher Unterdrückungsmaßnahmen und Repressionen keinen ausreichenden Widerstand mehr entgegensetzen.
Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)
Bevor wir die verschiedenen Spaltungen in der- Fabrikorganisationsbewegung
untersuchen, ist es notwendig, von der Kommunistischen Partei (KPD) zu sprechen.
Während des Krieges und mehr noch danach - stellte sich die Sozialdemokratie auf die Seite
der herrschenden Klassen und tat alles, um ihnen den "sozialen Frieden" zu
bewahren. Einzige Ausnahme bildete eine kleine Minderheit von Genossen und
Parteifunktionären, deren bekannteste Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren.
Letztere machten heftige Propaganda gegen den Krieg und kritisierten scharf die Sozialdemokratie. Sie
standen nicht völlig allein. Außerhalb dieser Gruppe, des "Spartakusbundes", gab
es, unter anderen, Gruppen wie die "Internationalisten" in Frankfurt und Dresden, die
"Linksradikalen" aus Hamburg und die "Arbeiterpolitik" aus Bremen. Seit November
1918 und dem Zusammenbruch des Kaiserreiches machten sich diese Gruppen, die sich in gewissem
Maße an der russischen Revolution orientierten, stark für den Straßenkampf, der
eine neue politische Organisation hervorbringen sollte. Schließlich fand in Berlin ein
Vereinigungskongreß statt, an dessen erstem Tage die Kommunistische Partei
gegründet wurde. (30.12.1918)
Diese Partei wurde unverzüglich zu einem Sammelbecken für eine große Zahl
revolutionärer Arbeiter, die die Forderung erhoben: "Alle Macht den Räten". Es
muß hier festgehalten werden, daß die Gründer der KPD durch eine Art Erstgeburtsrecht die
Kader der neuen Partei bildeten; sie brachten folglich oft den Geist der alten
Partei mit in die neue Organisation. Die Arbeiter, die nun der KPD zuströmten und die sich
der neuen Kampfformen bedienten, wagten nicht immer, aus Respekt vor der
Disziplin, sich ihren Führern entgegenzustellen und beugten sich oft überholter Konzeptionen.
Das Wort "Fabrikorganisation" beinhaltete in der Tat unterschiedliche
Vorstellungen. Man kann in ihnen, wie es die Führer der KPD taten, Grundorganisationen sehen, die
den von außen kommenden Direktiven unterworfen sind: das war die alte
Konzeption. Man kann auch auf ein Ensemble ganz unterschiedlicher Haltungen und Mentalitäten
verweisen. In diesem Sinne impliziert der Begriff "Fabrikorganisation" eine
Erschütterung bisher festgehaltener Ideen, und zwar: die von:
a) der Einheit der Arbeiterklasse
b) der Taktik des Kampfes
c) dem Verhältnis Führung-Massen
d) der Diktatur des Proletariats
e) den Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft
f) dem Kommunismus als einem ökonomischen und politischen System.
Aber diese Probleme stellten sich praktisch in den Kämpfen der neuen Organisationen selbst. Man mußte sie zu lösen versuchen, oder diese neuen Kämpfe mußten wieder verschwinden. Die Notwendigkeit der Erneuerung der Ideen wurde zu einer dringend zu bewältigenden Aufgabe; aber die Kader der neuen Partei - selbst wenn sie den Mut gehabt hätten, ihre alten Positionen aufzugeben - dachten jetzt nur daran, die neue Partei auf dem Modell der alten aufzubauen, unter Vermeidung ihrer schlechten Seiten, indem man die Ziele jetzt rot und nicht mehr rosa oder weiß malte. Auf der anderen Seite ist es selbstverständlich, daß es den neuen Ideen an genügender Ausarbeitung und auch an theoretischer Klarheit mangelte, daß sie sich nicht als vom Himmel gefallene oder einem genialen Gehirn entsprungene harmonische Einheit darstellten. Sondern sie rührten zum Teil von der alten Ideologie her, rieben sich mit den neuen Ideen und vermischten sich mit ihnen. Kurz, die jungen radikalen Genossen der KPD stellten sich nicht in genügend scharfer und entschiedener Weise ihrer Führung entgegen, sie waren zu schwach und untereinander zerstritten.
Der Parlamentarismus
Die KPD hatte sich seit ihrer Gründung über der Vielzahl der durch den neuen
Begriff der "Fabrikorganisationen" aufgeworfenen Probleme in verschiedene Lager
gespalten. Die von dem Sozialdemokraten Ebert geleitete provisorische Regierung hatte
Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung angekündigt.
Sollte die junge Partei an ihnen teilnehmen, wenn auch nur, um sie zu entlarven?
Diese Frage entfachte sehr heftige Diskussionen auf dem Kongreß. Die Mehrheit
der Arbeiter war für die Ablehnung jeglicher Beteiligung an den Wahlen. Die
Parteiführung dagegen, unter ihr Liebknecht und Luxemburg, sprachen sich für
eine Wahlkampagne aus. Die Führung unterlag in der Abstimmung, die Mehrheit der Partei erklärte
sich für antiparlamentarisch. Gemäß der Auffassung der Mehrheit hatte die Nationalversammlung nur die Funktion, die Herrschaft der Bourgeoisie zu stärken,
indem sie ihr eine "legale" Grundlage verschaffte Auf der anderen Seite erwiesen
sich die proletarischen Elemente der Partei als sehr aktiv in Bezug auf die Forderung,
die bestehenden Arbeiterräte wieder zu "aktivieren" oder neue zu bilden; ihre
Absicht war es, indem sie die Parole "Alle Macht den Arbeiterräten!" wieder aufnahmen, den
Unterschied zwischen parlamentarischer und Arbeiterdemokratie klar darzustellen.
Die Führung der KPD sah in diesem Anti-Parlamentarismus kein fortschrittliches
Moment, sondern einen Rückschritt auf syndikalistische und anarchistische
Konzeptionen, wie sie sich zu Beginn des industriellen Kapitalismus herausgebildet hatten. In
Wirklichkeit aber hatte der Anti-Parlamentarismus der neuen politischen Strömung
nicht viel gemein mit dem "revolutionären Syndikalismus" oder dem "Anarchismus". In Bezug
auf diese Konzeptionen stellte er selbst deren Negation dar. Während der Anti-Parlamentarismus der Anarchisten (Libertären) sich auf die Ablehnung der
politischen Herrschaft überhaupt gründete, und im besonderen auf die Ablehnung
der Diktatur des Proletariats, betrachtet die neue Strömung den Anti-Parlamentarismus als
eine notwendige Bedingung für die politische Machtübernahme. Es handelte sich
also um einen "marxistischen" Anti-Parlamentarismus.
Die Gewerkschaften
Bezüglich der gewerkschaftlichen Aktivitäten hatte die Führung der KPD natürlich
eine unterschiedliche Einschätzung der "Fabrikorganisationsbewegung" Das führte
kurze Zeit nach dem Kongreß (und der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts)
überall zu heftigen Diskussionen.
Die Propagandisten der Räte stellten zunächst die Parolen auf: "Raus aus den
Gewerkschaften! Unterstützt die Fabrikorganisationen! Bildet Arbeiterräte!!!"
Die KPD-Führung aber erklärte: "Bleibt in den Gewerkschaften!" Sie glaubte nicht, die
Gewerkschaften "erobern" zu können, aber sie dachte, daß es möglich wäre, in
einigen lokalen Branchen die Führung zu "erobern". Wenn sich diese Möglichkeit realisieren
würde, könnte man die lokalen Organisationen zu einer zentralen Organisation
vereinigen, die dann eine revolutionäre wäre.
Zu dieser Zeit noch versuchte die Führung der KPD eine Niederlage abzuwenden.
Die Mehrheit ihrer Sektionen weigerte sich, diese Anweisungen zu befolgen. Aber
die Führung gab ihre Position nicht auf, selbst um den Preis des Ausschlusses der Mehrheit
ihrer Mitglieder; sie wurde dabei durch die russische Kommunistische Partei und
ihren Führer, Lenin, unterstützt, der bei dieser Gelegenheit seine unheilvolle
Broschüre "Die Kinderkrankheiten" verfaßte. Dieses Verfahren wurde dann auf dem
Kongreß zu Heidelberg (Oktober 1919) durchgeführt wo es der Führung gelang, mit einigen
Machenschaften auf "demokratische" Weise mehr als die Hälfte der
Parteimitglieder auszuschließen... Von nun an war die deutsche Kommunistische Partei in der Lage,
ihre parlamentarische und gewerkschaftliche Politik mit größtenteils
jämmerlichen Ergebnissen durchzuführen; der Ausschluß der Revolutionäre erlaubte ihr wenige
später, sich mit einer linkssozialdemokratischen Partei (USPD) zu vereinigen
(Oktober 1920) und ihre Mitgliederzahl - allerdings nur für drei Jahre - zu vervierfachen. Zur
selben Zeit verlor die KPD ihre kämpferischsten Mitglieder und mußte sich
bedingungslos dem Willen Moskaus unterwerfen.
Die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD)
Kurze Zeit darauf bildeten die ausgeschlossenen Mitglieder eine neue Partei: die
KAPD. Diese Partei knüpfte enge Beziehungen zur AAUD. In den sich in den
folgenden Jahren ergebenden Massenbewegungen war die KAPD eine Kraft, mit der man rechnen mußte.
Man fürchtete ihren Willen und ihre Praxis der direkten Aktion ebenso sehr wie
ihre Kritik an den Parteien und Gewerkschaften, ihre Entlarvung der kapitalistischen
Ausbeutung in allen ihren Formen, wenn auch zunächst nur auf die Betriebsebene
bezogen; ihre Presse und ihre Publikationen enthielten oft das beste an marxistischer
Literatur, was in dieser Zeit der Dekadenz der marxistischen Arbeiterbewegung
vorhanden war, und das, obwohl sich die KAPD den alten Traditionen versperrte.
Die KAPD und die Differenzen innerhalb der AAUD
Verlassen wir nun die Parteien und wenden wir uns der Bewegung der "
Fabrikorganisationen" zu. Diese neu entstandene Bewegung machte deutlich, daß
ein wichtiger Wandel im Arbeiterbewußtsein stattgefunden hatte. Aber diese Veränderungen hatten
unterschiedliche Konsequenzen gezeigt; mehrere sehr unterschiedliche
Denkrichtungen entstanden innerhalb der AAUD. Eine allgemeine Übereinstimmung wurde nur in folgenden
Punkten erzielt:
a) die neue Organisation muß ihre Anstrengungen darauf richten, sich zu vergrößern
b) ihre organisatorische Struktur muß derart beschaffen sein, daß sie die Bildung neuer Führercliquen verhindert
c) diese Organisation wird dann, wenn sie Millionen von Mitgliedern in ihren Reihen zählt, die Diktatur des Proletariats organisieren müssen.
In zwei Punkten bestanden unüberwindbare Gegensätze:
a) über die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit einer politischen Partei außerhalb der AAUD
b) über die Verwaltung des ökonomischen und sozialen Lebens.
Zu Anfang hatte die AAUD nur lose Kontakte zur KPD, auch bestanden diese Differenzen praktisch nicht. Mit der Gründung der KAPD änderte sich das. Die AAUD kooperierte eng mit der KAPD, und das gegen den Willen einer großen Anzahl ihrer Mitglieder, besonders der in Sachsen, Frankfurt, Hamburg etc. ... (man darf nicht vergessen, daß Deutschland noch sehr stark zersplittert war, und daß sich diese Zersplitterung auch auf das Leben der Arbeiterorganisationen auswirkte). Die Gegner der KAPD denunzierten diese als eine ihrem Wesen nach "Clique von Führern", und im Dezember bildeten diese die AAUD-E, die AAUD-Einheitsorganisation, die jede Partei des Proletariats als eine "spezialisierte" Organisation, eine politische Partei, ablehnte.
Die gemeinsame Plattform
Welches waren die Argumentationen der drei gegenwärtigen Strömungen? Einigkeit
gab es unter ihnen in der Betrachtungsweise der modernen Welt. Im Groben heißt
das, daß jede anerkannte, daß sich die Gesellschaft geändert hatte: im XIX Jahrhundert
bildete das Proletariat nur eine kleine Minderheit in der Gesellschaft; es
konnte nicht alleine kämpfen und mußte versuchen, sich mit anderen Klassen zu verbünden; von
daher rührt die demokratische Strategie von Karl Marx. Aber diese Zeit hat sich, wenigstens in den westlichen Ländern, völlig geändert. Dort bildet das
Proletariat nun die Mehrheit der Bevölkerung, während alle Lager der Bourgeoisie
sich hinter und mit dem Großkapital vereinigen. Von nun an war die Revolution die alleinige
Aufgabe des Proletariats. Und diese war unvermeidbar, denn der Kapitalismus war
in seine Todeskrise eingetreten. (Man darf nicht vergessen, daß diese Einschätzung aus
den 20er und 30er Jahren stammt.)
Wenn die Gesellschaft sich, wenigstens im Westen, grundlegend geändert hat, so
mußten sich auch die Vorstellungen vom Kommunismus ändern. Und diese veränderten
sich auch, ganz wie die alten Vorstellungen, die von den alten Organisationen hochgehalten
wurden und ganz das Gegenteil einer sozialen Emanzipation darstellten. Ein
Beispiel dafür gibt Otto Rühle, einer der Haupttheoretiker der AAUD in einer Schrift aus dem
Jahre 1924: "Die Nationalisierung, die weiterhin Programm der Sozialdemokratie
wie auch der Kommunisten bleibt, ist nicht identisch mit der Vergesellschaftung. Über die
Nationalisierung der Produktionsmittel kann man zum Beispiel zu einem stark
zentralisierten Staatskapitalismus gelangen, der vielleicht dem Privatkapitalismus überlegen
ist, nichtsdestotrotz aber Kapitalismus bleibt."
Der Kommunismus resultiert aus der Aktion der Arbeiter, aus ihrem aktiven Kampf,
vor allem entsteht er durch sie selbst! Deshalb ist es zunächst notwendig, neue
Organisationen zu bilden. Aber wie sollen solche Organisationen beschaffen sein?
An diesem Punkt gingen die Meinungen auseinander, und die Gegensätze führten bis
hin zu den zahlreichen Spaltungen. Während die Arbeiterklasse zunehmend ihre
revolutionären Aktivitäten aufgab, während ihre offiziellen Vertretungen (Org.)
nur spektakuläre, lächerliche Aktivitäten zuwege brachten, drückten diejenigen, die handeln
wollten, indem sie ihre Errungenschaften verteidigten, nur die allgemeine
Zersetzung der Arbeiterbewegung aus. Trotzdem ist es sinnvoll, sich die damals bestehenden
Differenzen vor Augen zu führen.
Die doppelte Organisation
Die KAPD wandte sich gegen die Konzeption einer Massenpartei "leninistischen
Typus", die nach der russischen Revolution vorherrschte. Sie unterstützte eine
Position, nach der eine revolutionäre Partei notwendigerweise eine Partei der Elite, folglich
also klein sein muß; eine Partei, die auf der Qualität und nicht der Quantität
ihrer Mitglieder basierte. Die Partei, die die besterzogensten Mitglieder der Klasse
in sich vereinigen muß, muß wie die Hefe im Teig in den Massen handeln können,
d. h. sie muß propagandistisch tätig sein, Diskussionen entfachen etc. ...
Die Strategie, der sie zu folgen hat, ist die Strategie: Klasse gegen Klasse,
eine Strategie, die ganz auf den Kämpfen in den Fabriken und den bewaffneten
Aufständen beruht - die manchmal sogar, als Nebenerscheinung, zu den Mitteln des Terrors
greifen muß (wie dem Bombenwerfen, dem Bankraub, etc. ... Aktionen, wie sie zu
Beginn der 20er Jahre häufig vorkamen.) Der Kampf in den Fabriken, der von Aktionskomitees
geleitet wird, muß ein für den Massenkampf notwendiges Klassenbewußtsein
schaffen und immer größere Teile des Proletariats für die entscheidenden Kämpfe mobilisieren.
Hermann Gorter, einer der führenden Theoretiker dieser Richtung, begründete die
Notwendigkeit einer kleinen kommunistischen Partei folgendermaßen: "Die meisten Proletarier leben in Unwissenheit. Sie haben nur geringe Vorstellungen von der
Ökonomie und der Politik, sie wissen kaum etwas von nationalen und
internationalen Ereignissen, von den Verhältnissen, die zwischen diesen bestehen und dem Einfluß,
den sie auf die Revolution ausüben. Sie können sich ihre Klassenlage nicht
rational erklären. Das ist der Grund, weshalb sie nicht im richtigen Moment handeln
können. Sie handeln, wenn sie nicht sollen und handeln nicht, wenn es nötig
wäre. Sie irren sich zu oft."
So hätte diese kleine ausgewählte Partei eine erzieherische Aufgabe, sie würde
die Rolle eines Katalysators auf der Ebene der Ideen spielen. Aber die Aufgabe,
die Massen selbst zu organisieren, käme der AAUD zu, die dabei auf die Reservoirs der
Fabrikorganisationen zurückgreifen müßte und deren wesentliche Aufgabe es sein
würde, gegen die Gewerkschaften zu kämpfen und deren Einfluß zurückzudämmen; durch die
Propaganda, gewiß, aber auch und besonders durch gezielte Aktionen von Gruppen,
"die das in ihrer Aktion aufzuzeigen haben, was die Massen erst noch werden müssen," sagte Gorter.
Schließlich verwandeln sich im Verlauf des Kampfes die Fabrikorganisationen in Arbeiterräte, die alle Arbeiter umfassen und die direkt dem Willen und der
Kontrolle der Arbeiter unterstellt sind. Kurz, die "Diktatur des Proletariats"
wäre nichts anderes als eine auf die Gesamtheit der deutschen Fabriken ausgedehnte AAUD.
Die Argumente der AAUD-E
Die AAUD-E, die sich gegen eine von den Fabrikorganisationen getrennte
politische Partei aussprach, wollte eine große Einheitsorganisation aufbauen,
die die praktische Führung der Massenkämpfe zur Aufgabe hätte und später auch die Verwaltung der
Gesellschaft auf der Grundlage der Arbeiterräte organisieren sollte. Folglich
hätte die neue Organisation zugleich ökonomische und politische Aufgaben.
Auf der anderen Seite unterschied sich die Konzeption von der des alten
"Revolutionären Syndikalismus", der sich gegenüber der Bildung einer besonderen
politischen Macht der Arbeiter und gegenüber der Diktatur des Proletariats ablehnend verhielt. Auf
der anderen Seite sah die AAUD-E, indem sie zugab, daß das Proletariat schwach, zersplittert und unwissend sei und daß folglich eine fortlaufende Belehrung
notwendig sei, aber deshalb nicht ebenso die Notwendigkeit einer Elitenpartei im
Stil der KAPD ein. Die Fabrikorganisationen reichten nach ihrer Ansicht für diese
Erziehungsaufgabe aus, denn die Diskussions- und Redefreiheit sei in ihnen
gesichert. Es ist bezeichnend, daß die AAUD-E eine Kritik an die KAPD richtete, die im "Geist der
KAPD" selbst gehalten war: nach der AAUD-E war die KAPD eine zentralistische
Partei, ausgestattet mit berufsmäßigen Führern und bezahlten Redakteuren, die sich
gegenüber der offiziellen Kommunistischen Partei (KPD) nur durch ihre Ablehnung
des Parlamentarismus auszeichnete; die "Doppelorganisation" sei nichts anderes als
die Anwendung einer "Politik des doppelten Futtertrogs" zum Nutzen der Führer.
Die meisten Strömungen in der AAUD-E lehnten, was sie selbst angeht, das bezahlte Führertum
ab; "Weder Mitgliedsausweise noch Statuten, noch sonst etwas in dieser Art"
sagte man. Einige Gruppen gingen sogar soweit, Anti-Organisations-Organisationen zu bilden
...
Das heißt grob gesagt, daß, wenn das Proletariat zu schwach und zu unwissend
ist, um Entscheidungen im Verlauf seiner Kämpfe zu führen, dies noch lange keine
Entscheidung für eine Partei ist. Niemand kann anstelle des Proletariats handeln, und dieses
muß, durch sich selbst, seine eigenen Fehler überwinden, und daß es, ohne dies
zu tun, besiegt werden wird und mit dem Preis seiner Niederlage schwer dafür bezahlen
wird. Die Doppelorganisation ist eine überholte Organisationsform, ein
Überbleibsel aus der Tradition: Partei und Gewerkschaften.
Diese Unterschiede zwischen den drei Strömungen: KAPD, AAUD und AAUD-E hatten
auch Konsequenzen in der Praxis. So zur Zeit des mitteldeutschen Aufstandes von
1921, der zu großen Teilen von bewaffneten Gruppen der KAPD ausgelöst und geführt wurde (die
damals noch als sympathisierende Partei der III. Internationalen angehörte) und
an dem teilzunehmen sich die AAUD-E weigerte, da er nach ihrer Meinung dazu diente, die
russischen Schwierigkeiten zu überdecken und die Unterdrückung von Kronstadt zu vertuschen. Trotz fortlaufend gemachter Fehler, die heftige und oft auch sehr
verwirrende Polemiken auch über personelle Fragen auslösten, übte der "Geist der
KAPD" aufgrund der durch tiefe Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit provozierten
Übertreibungen durch sein Insistieren auf der direkten und gewaltsamen Aktion,
durch seine leidenschaftliche Anklage des Kapitalismus und seiner Unteroffiziere aus der
Arbeiterschaft aus allen politischen Strömungen (hierunter fielen auch die
"Palastherren" von Moskau), lange Zeit einen fühlbaren Einfluß auf die Massen aus. Man muß
hinzufügen, daß jede dieser Richtungen über eine mächtige Presse verfügte, im
allgemeinen durch illegale Geldmittel unterstützt wurde und daß ihre Mitglieder, die aufgrund
ihrer subversiven Tätigkeit oft arbeitslos waren, auf der Straße und in
öffentlichen Versammlungen etc. ... sehr aktiv waren.
Der Rechenfehler
Man hatte geglaubt, daß das schnelle Anwachsen der Fabrikorganisationen in den
Jahren 1919 und 1920 sich mit derselben Geschwindigkeit in den kommenden Kämpfen
fortsetzen würde. Man hatte geglaubt, daß aus den Fabrikorganisationen eine Massenbewegung
entstehen könnte, in der sich "Millionen und Abermillionen bewußter Kommunisten
finden würden", und daß sie die Macht der sogenannten Arbeitergewerkschaften
ausgleichen könnten. Ausgehend von der richtigen Hypothese, daß das Proletariat
nur als organisierte Klasse kämpfen und siegen kann, glaubte man, daß die Arbeiter einen Weg
erarbeiten würden, indem sie eine neue und sich immer mehr vergrößernde ständige
Organisation bilden. Am Wachstum der AAU und der AAUD-E kann man die Entwicklung der
Kampfesfähigkeit und des Klassenbewußtseins messen. Nach einer Periode
beschleunigten wirtschaftlichen Wachstums (1923-29) folgte eine neue Phase von Kämpfen, die
1933 durch die Machtübernahme Hitlers enden mußte. Während dieser Zeit zogen
sich die AAU, die KAPD und die AAUD-E immer mehr auf sich selbst zurück. Am Ende bleiben nicht
mehr als ein paar hundert Mitglieder, Reste der ehemals großen
Fabrikorganisationen, d. h. es blieben hier und dort kleine Kerne übrig gegenüber einer Gesamtzahl von 20
Millionen Proletariern. Die Fabrikorganisationen waren nicht mehr die
"allgemeinen" Organisationen der Arbeiter, sondern sie waren Kerne von bewußten
Rätekommunisten. Von da an nahmen die AAU und die AAUD-E den Charakter von
kleinen Parteien an, auch wenn sie in ihrer Presse immer das Gegenteil behaupteten.
Die Funktionen
War es vor allem die kleine Anzahl ihrer Mitglieder, die die
Fabrikorganisationen auf lange Zeit in politische Parteien verwandelte? Nein. Es
war ein Wechsel in den Funktionen. Obwohl die Fabrikorganisationen es niemals als ihre Aufgabe ansahen,
einen Streik zu führen, mit den Unternehmern zu verhandeln, Forderungen zu
formulieren (das war die Sache der Streikenden selbst), waren die AAU und die AAUD-E die
Organisationen des praktischen Kampfes. Sie beschränkten sich auf
Propagandatätigkeit und Unterstützungsfunktionen. Jedesmal, wenn ein Streik ausgelöst wurde, besetzten
die Fabrikorganisationen einen großen Teil der Streikorganisationen: die Presse
der Organisation war die Presse des Streiks; sie organisierten Streikversammlungen,
und die Redner dieser Versammlungen waren oft Mitglieder der AAU und der AAUE.
Aber die Aufgabe, mit den Unternehmern zu verhandeln, kam dem Streikkomitee zu, in dem
die Mitglieder der Fabrikorganisationen nicht ihre Gruppe als Gruppe vertraten,
sondern die Streikenden, die sie gewählt hatten und denen gegenüber sie verantwortlich
waren.
Die politische Partei, die KAPD, hatte eine andere Funktion. Ihre Aufgabe
bestand hauptsächlich in der Propaganda, der politischen und ökonomischen
Analyse. Bei Wahlen machte sie eine anti-parlamentarische Propaganda und denunzierte die
bürgerlichen und die anderen Parteien, sie rief dazu auf, in den Fabriken, den
Handelsorganisationen und unter den Arbeitslosen Aktionskomitees zu gründen, deren Ziel es war, unter
den Massen, die sich instinktiv von den alten Organisationen zu lösen
versuchten, zu agitieren.
Der Wechsel der Funktionen
Aber tatsächlich wurden, nach der Niederlage und der blutigen Unterdrückung von
1921, mit der Welle der wirtschaftlichen Prosperität diese Funktionen rein
theoretisch. Die Aktivität dieser Partei wurde auf reine Propagandatätigkeit und Analyse
beschränkt, d. h. auf Aktivitäten einer politischen Gruppe. Durch das Fehlen
einer revolutionären Perspektive entmutigt, verließ der größte Teil der Mitglieder die
Organisation. Die Reduktion ihres Wirkungsbereiches hatte auch zur Folge, daß
die Fabriken nicht mehr die Basis der Organisation bildeten. Man organisierte sich
auf Stadtteilebene, in einer Kneipe, oder man sang manchmal, auf deutsch, im
Chor und mit Inbrunst die alten Arbeiterlieder der Hoffnung und des Zorns. Es gab nun keine
Differenzen mehr zwischen der KAPD, der AAU und der AAUE.
Praktisch trafen sich die Mitglieder der KAPD und der AAU in nominell
verschiedenen Gruppen, und auch die Mitglieder der AAUE waren in einer
politischen Gruppe organisiert, auch wenn sie das nicht wahrhaben wollten. Anton Pannekoek, der
holländische Marxist, der einer der theoretischen Inspiratoren aller dieser
Gruppen war, schrieb diesbezüglich 1927: "Die AAU, gleich wie die KAPD, bildet wesentlich
eine Organisation, die die Revolution zum unmittelbaren Ziel hat. In anderen
Zeiten, in Zeiten des Verfalls, hätte man überhaupt nicht an die Bildung einer solchen
Organisation denken können. Aber sie hat die Jahre der revolutionären Kämpfe
überlebt; und die Arbeiter, die sie einerseits gründeten und unter ihrer Fahne kämpften, wollten
die Erfahrung dieser Kämpfe nicht verloren gehen lassen, und so bewahren sie sie
wie einen Keim für kommende Kämpfe. " Gleichwohl, bei drei politischen Parteien derselben
Richtung waren zwei zuviel. Mit der Zunahme der Gefahr, während die alten Arbeiterorganisationen eine namenlose Feigheit beschlich, während die Nazis
triumphierend ihren Weg beschritten, schloß sich die AAU, die sich in der
Zwischenzeit von der KAPD getrennt hatte im Dezember 1931 mit der AAUE zusammen, und in der KAPD
verblieben nur noch wenige Mitglieder; und einige andere von der AAUE verbanden
sich mit anarchistischen Gruppierungen.
Aber die meisten Überlebenden der Fabrikorganisationen organisierten sich in
einer neuen Organisation, der KAUD, der Kommunistischen Arbeiter-Union und gaben
damit ihrer Vorstellung Ausdruck, daß diese letzte Organisation nicht mehr eine "allgemeine"
Organisation ist, die alle Arbeiter, die vom revolutionären Willen erfaßt worden
sind, in sich vereinigt, wie das die AAU zum Beispiel war, sondern eine Organisation, in
der sich die bewußten kommunistischen Arbeiter fanden.
Die organisierte Klasse
Die KAUD war folglich Ausdruck der Veränderung, die in den Konzeptionen der
Organisation stattgefunden hatte. Und diese Veränderung hatte ihren Sinn. Man
muß sich erinnern, was bis dahin der Begriff "organisierte Klasse" meinte. Die AAU und
die AAUE hatten anfangs geglaubt, daß sie die seien, die die Arbeiterklasse
organisierten, daß Millionen von Proletariern ihrer Organisation beitreten würden. Das war im
Grunde eine den Vorstellungen der revolutionären Syndikalisten sehr nahestehende
Idee, die erwarteten, eines Tages alle Arbeiter in ihren Gewerkschaften zu sehen; dann
endlich wäre die Arbeiterklasse eine organisierte Klasse.
Jetzt spornte die KAPD die Arbeiter an, sich ihre eigenen Aktionskomitees zu
organisieren und Verbindung zwischen diesen Komitees herzustellen. Anders
gesagt: der Kampf der organisierten Klasse hängt nicht mehr von einer vor dem Kampf gebildeten
Organisation ab. In dieser neuen Konzeption war die "organisierte" Klasse die
unter ihrer eigenen Führung kämpfende Arbeiterklasse. Diese neue Konzeption hatte in Bezug
auf zahlreiche Fragen Konsequenzen, so z. B. auf die der Diktatur des
Proletariats. Denn, wenn der organisierte Kampf nicht mehr die ausschließliche Sache von
spezialisierten Organisationen war, was seine Führung angeht, so konnten diese
auch nicht mehr als Organe der Diktatur des Proletariats betrachtet werden. Damit verschwand auch
ein Problem, das bei vielen Gelegenheiten zu scharfen Konflikten geführt hatte:
wer von der KAPD oder der AAU sollte die Macht ausüben oder organisieren? Die Diktatur des
Proletariats wird nicht länger die Aufgabe spezialisierter Gruppen sein, sie
wird Aufgabe der kämpfenden Klasse selbst sein, die alle Funktionen, alle Aspekte des Kampfes
auf sich nimmt. Die Aufgaben der neuen Organisation, der KAUD, beschränkte sich
also auf kommunistische Propaganda, die die Ziele klarstellen soll, die die
Arbeiterklasse zum Kampf gegen die Kapitalisten und die alten Organisationen
bewegt, zunächst mit dem Mittel des wilden Streiks, und ihr bei allen Aktionen ihre Stärken und Schwächen
zeigt.
Die kommunistische Gesellschaft und die Fabrikorganisationen
Die Weiterentwicklung dieser Ideen mußte notwendigerweise begleitet sein von
einer Revision der bisher gehabten Vorstellungen über die Elemente, die die
kommunistische Gesellschaft konstituieren. Im allgemeinen war die in den Massen vorherrschende
Vorstellung ausgerichtet auf die Schaffung eines staatskapitalistischen Systems.
Wohl verstanden: es gab wohl eine ganze Anzahl von Theorien mit geringfügigen
Unterschieden, aber diese ganze Ideologie konnte man auf drei Prinzipien
reduzieren: der Staat, über den Weg der Nationalisierung, der gelenkten Wirtschaft, der sozialen
Reformen etc. ... stellt den Hebel dar, der die Verwirklichung des Sozialismus
erlaubt, wobei die parlamentarische und gewerkschaftliche Aktion die wesentlichen Mittel des
Kampfes darstellen. Demnach kämpfen die Arbeiter kaum wie eine unabhängige
Klasse, die vor allem ihre eigenen Ziele realisieren will; sie müssen vielmehr die "Verwaltung
und Leitung des Klassenkampfes" den parlamentarischen und gewerkschaftlichen
Führern anvertrauen. Man kann deshalb sagen, daß in dieser Ideologie Partei und
Gewerkschaft in den Augen der Arbeiter als konstitutive Elemente des Staates
erscheinen und daß ihnen die Verwaltung und Leitung einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft
zukommt.
Im Verlauf der ersten Phase, derjenigen, die auf die Niederlage der
revolutionären Aktionen in Deutschland folgte, war diese Tradition noch stark in
den Konzeptionen der AAU, der KAPD und der AAUE enthalten. Alle drei sprachen sich für eine
Organisation aus, die Millionen und Abermillionen von Mitglieder umfassen
sollte, um die politische und ökonomische Diktatur des Proletariats auszuüben. So erklärte 1922 die AAU,
daß sie in der Lage sei, auf der Basis ihrer Aktivitäten die "Verwaltung von 6 %
der deutschen Fabriken" zu übernehmen. Aber diese Konzeption ist jetzt ins Schwanken
geraten. Bis dahin verlangten, wie wir gesehen haben, Hunderte von
Fabrikorganisationen, die mit der AAU oder der AAUE verbunden oder in ihnen organisiert waren, ein
Maximum an Unabhängigkeit, was das freie Fällen von Entscheidungen angeht, und
sie taten ihr Möglichstes, um die Bildung einer "neuen Führerclique" zu verhindern. Aber ist
es möglich, diese Unabhängigkeit im Innern des kommunistischen Lebens zu
erhalten? Das ökonomische Leben ist hochgradig spezialisiert, und alle Wirtschaftsbereiche
sind eng miteinander verbunden. Wie sollte man das ökonomische Leben verwalten,
wenn man nicht bei der Produktion und der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zu
einigen zentralisierten Instanzen zurückkehrt? Ist der Staat als Regulator der
Produktion und Organisator der Verteilung nicht unersetzbar? Hier tat sich ein Widerspruch
auf zwischen den alten Vorstellungen von der kommunistischen Gesellschaft und
der neuen Kampfform, die man heute anwandte. Man befürchtete die ökonomische
Zentralisierung und ihre durch die Ereignisse deutlich demonstrierten Folgen,
aber man wußte nicht, wie man sie vermeiden konnte. Die Diskussion brachte, je nach Notwendigkeit und
Grad, ein Mehr oder Weniger an "Föderalismus" oder Zentralismus" hervor.
Die AAUE tendierte mehr zum "Föderalismus", die KAPD und die AAU neigten mehr
zum "Zentralismus". 1923 verkündigte Karl Schröder, einer der Haupttheoretiker
der KAPD, daß "je stärker die kommunistische Gesellschaft zentralisiert sei, sie umso besser
sei."
Und tatsächlich war dieser Widerspruch unlösbar, wenn man auf der Ebene der
alten Konzeptionen von der "organisierten Klasse" verblieb. Auf der einen Seite
lehnte man sich an die Vorstellungen des "Revolutionären Syndikalismus" an, was die
Übernahme der Fabriken durch die Gewerkschaften betraf, auf der anderen Seite
dachte man wie die Bolschewiki, daß ein zentralisierter Apparat, der Staat, den Produktionsprozeß
regeln und die Verteilung der "nationalen Revenue" unter den Arbeitern in die
Hand nehmen muß. Auf jeden Fall ist eine Diskussion über die kommunistische Gesellschaft,
wenn man von dem Dilemma "Föderalismus oder Zentralismus" ausgeht, absolut
unfruchtbar. Diese Probleme sind Probleme der Organisation, technische Probleme, da die
kommunistische Gesellschaft in erster Linie ein ökonomisches Problem ist. Der
Kapitalismus muß durch ein anderes ökonomisches System überwunden werden, in dem die
Produktionsmittel, die Produkte, die Arbeitskraft nicht der "Wertform"
unterworfen sind, und wo die Ausbeutung der arbeitenden Klassen zum Profit der privilegierten Schichten
abgeschafft ist. Die Diskussion über "Föderalismus oder Zentralismus" hat keinen
Sinn, wenn man vorher nicht auf zeigt, was die ökonomische Basis dieses "Föderalismus" oder
dieses "Zentralismus" sein wird. In Wirklichkeit sind die Organisationsformen
einer gegebenen Ökonomie im großen gesehen keine willkürlichen Formen, sie leiten sich eben aus
den Prinzipien dieser Ökonomie selbst her. So findet sich zum Beispiel das
Profitprinzip und der Mehrwert, das seiner privaten oder kollektiven Aneignung, an der Basis
aller von der kapitalistischen Ökonomie angenommenen Formen. Deshalb ist es
unzureichend, die Ökonomie des Kommunismus nur als eine Negation des kapitalistischen Systems
darzustellen: kein Geld, keinen Markt, kein Privat- oder Staatseigentum. Es ist
notwendig, seine positiven Charaktere darzustellen, aufzuzeigen, was die ökonomischen
Gesetze sein werden, die über die des Kapitalismus triumphieren werden. Verfährt
man so, so ist es sehr wahrscheinlich, daß einem die Alternative "Föderalismus oder
Zentralismus" als ein falsches Problem erscheint.
Das Ende der Bewegung in Deutschland
Bevor wir länger auf diese Frage eingehen, ist es vielleicht ganz sinnvoll,
einen Blick auf das praktische Schicksal der aus den revolutionären
Fabrikorganisationen entstandenen Bewegung zu werfen.
Die AAUD hatte sich seit Ende 1929 von der KAPD getrennt. Ihre Presse
befürwortete eine "flexible Taktik": d.h. die Unterstützung von Arbeiterkämpfen,
die Lohnforderungen, Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Verkürzung der
Arbeitszeit zum einzigen Ziel hatten. Die KAPD sah in dieser Taktik einen
gefährlichen Schritt in Richtung auf eine Klassenkollaboration, des Abgleitens zu einer
"Kuhhandelpolitik". Nach dem Ausschluß ihres Führers Scharrer, der des Paktierens
mit dem Feind für schuldig befunden wurde, weil er in einem Verlagshaus der KPD einen Roman
publiziert hatte, gelangte die KAPD zu einer Lobpreisung des individuellen
Terrors als einem Mittel, in den Massen Klassenbewußtsein zu wecken. Der Reichstagsbrandstifter
Marinus van der Lubbe stand mit dieser Bewegung in Kontakt. Indem er in einem
abgelegenen Flügel des Reichstags Feuer legte, wollte er die Arbeiter durch eine symbolische
Tat dazu bewegen, ihre Lethargie aufzugeben.
Weder die eine noch die andere dieser Taktiken zeigte Resultate. Deutschland
geriet in eine ökonomische Krise von unerhörtem Ausmaß, die Zahl der
Arbeitslosen nahm rapide zu; es gab keine wilden Streiks, niemand kümmerte sich um die gewerkschaftlichen
Anordnungen. Die Gewerkschaften kollaborierten eng mit den Unternehmern und dem
Staat. Die Presse der Rätekommunisten wurde häufig beschlagnahmt, aber ihre Apelle an
die autonomen Aktionskomitees riefen jedenfalls keinerlei Echo hervor. Die
Ironie der Stunde: der einzige große wilde Streik dieser Zeit, der der Berliner
Verkehrsbetriebe 1932, wurde gemeinsam durch die stalinistischen und hitlerschen
Bonzen gegen die sozialistischen Gewerkschaften organisiert.
Nach der legalen Machtergreifung Hitlers wurden die aktiven Genossen der
verschiedenen Richtungen verhaftet und in Konzentrationslager gesperrt, aus
denen die meisten von ihnen nicht wiederkehrten. 1945 wurden einige Überlebende auf Befehl der GPU
beim Einmarsch der russischen Armee in Sachsen erschossen. Noch 1952 wurde ein
ehemaliger
Führer der AAUD, Alfred Weiland, in Westberlin auf offener Straße nach Ostberlin
entführt, wo er zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.
Gegenwärtig existieren in Deutschland keine Spuren der verschiedenen Strömungen
des Rätekommunismus mehr. Die Liquidierung der Menschen hatte die Liquidierung
der Ideen mit sich gebracht, deren Träger sie waren, während die Prosperität und die
Expansion das Denken in eine andere Richtung lenkten. Um aber zu sehen, wodurch
die durch diese Bewegung erlittene Tragödie unsere Kenntnis vom Kampf für die Arbeitermacht
bereichert hat, ist es gut, zur Ökonomie des Kommunismus zurückzukehren.
Ökonomische Grundlagen des Kommunismus
Um dieses Problem vertiefen zu können, wäre es nötig gewesen, daß die AAU sich
von den alten Traditionen der "organisierten Klasse" löste, damit sie verstehen
konnte, daß die Arbeiterklasse ihre wirkliche Einheit, weltweit, nur in ihren Massenkämpfen
verwirklichen kann, jenseits aller spezialisierten Organisationen, die
bestenfalls einen fragmentarischen Aspekt einer vergangenen Phase proletarischer Hoffnungen und
Ziele darstellen können. 1930 veröffentlichte die AAU eine Studie holländischer Rätekommunisten, die den Titel hatte: Grundprinzipien kommunistischer Produktion
und Verteilung.
Diese Analyse beabsichtigte nicht, irgendeinen "Plan" vorzuschlagen, durch den
man zu einer "besseren und gleicheren Gesellschaft" gelangen kann. Sie
beschäftigt sich ausschließlich mit Problemen der Ökonomie des Kommunismus und verbindet die
Praxis des Klassenkampfes und die gesellschaftliche Verwaltung zu einer
organischen Einheit. Die "Grundprinzipien" ziehen folglich die ökonomischen Konsequenzen eines
möglichen Kampfes, der von den Massen selbständig auf der politischen Ebene
geführt wird. Wenn die Arbeiterräte die Herrschaft erobert haben werden und wenn sie durch dauernde
Anstrengung gelernt haben werden, ihre eigenen Kämpfe direkt selbst zu leiten,
werden sie sich gezwungen sehen, ihrer Herrschaft neue Grundlagen zu geben, indem sie
bewußt neue ökonomische Gesetze einführen, wobei das Maß der Arbeitszeit der
Ausgangspunkt aller Produktion und Verteilung sein wird. Die Arbeiter sind fähig, ihre
Produktion selbst zu verwalten, aber das ist nur möglich, wenn man die
Arbeitszeit in den verschiedenen Branchen berechnet, und zwar auf breitester Grundlage, und sich
bei der Verteilung der Güter dieses Maßes bedient.
Die Grundprinzipien untersuchen dieses Problem vom Standpunkt des ausgebeuteten
Arbeiters aus, der nicht nur hofft, daß das Privateigentum abgeschafft wird,
sondern ebenso sehr die Abschaffung der Ausbeutung ersehnt. Aber die Geschichte unserer
Zeit hat gezeigt, daß die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln
nicht notwendigerweise auch die Aufhebung der Ausbeutung zur Folge haben muß. Man muß
diese Frage noch genauer analysieren. Die anarchistische Bewegung hat diese
Notwendigkeit früher begriffen als die Marxisten, und ihre Theoretiker haben ihr starke
Beachtung geschenkt. Trotzdem sind ihre Vorstellungen nicht völlig voneinander
verschieden gewesen. Wenn die Marxisten, Sozialdemokraten und Bolschewisten die
kapitalistische Produktionsweise, die im monopolistischen Stadium angelangt ist,
durch einen Arbeiterstaat überwinden wollten, ohne grundlegende Veränderungen an seinen
Mechanismen vorzunehmen, so bevorzugten die Anarchisten eine Föderation freier
Kommunen und lehnten jeden Staat ab. Dies allerdings nur, um ihn unter anderen Formen wieder
aufzubauen. Dieser Punkt war Gegenstand heftiger Kontroversen, wir wollen dafür
ein Beispiel geben: einer der bekanntesten anarchistischen Theoretiker, Sebastian
Faure, erklärte, daß die Bewohner einer Kommune die Gesamtheit ihrer Bedürfnisse
und Produktionskapazitäten bemessen, dann, nachdem man über den "gesamten Etat an
Bedürfnissen der Konsumtion und der Möglichkeiten der Produktion, Region für
Region, sich einen Überblick verschafft hat, setzt das "Nationale Komitee" die Norm fest und
teilt jeder Region mit, über wie viel Güter sie verfügen kann und welche Produktionsleistung sie erbringen muß. Mit diesen Angaben versehen macht jedes
Regionalkomitee für seinen Bereich dieselbe Arbeit: es setzt eine bestimmte Norm
fest und teilt jedem kommunalen Komitee mit, über welche Produktenmenge die Kommune
verfügen kann und wieviel sie produzieren muß. Die Kommune macht schließlich
wiederum dasselbe gegenüber ihren Bewohnern."
Sicher, Sebastian Faure hatte vorher schon genauer bestimmt, daß "jede dieser
weitumfassenden großen Organisationen die freiwillige Übereinkunft als Grundlage
und lebendiges Prinzip haben muß", aber ein ökonomisches System verlangt ökonomische
Prinzipien und keine gutgemeinten, edlen Erklärungen. Man kann dieselbe
Feststellung auch an Hand eines Zitats von Hilferding, dem berühmten Theoretiker der
Sozialdemokratie, machen, denn auch hier fehlt das ökonomische Prinzip: "Die
kommunalen, regionalen und nationalen Kommissare der sozialistischen Gesellschaft beschließen, wieviel und
in welcher Menge und über welche Mittel man neue Güter aus den natürlichen oder künstlichen Produktionsbedingungen ziehen wird. Mit Hilfe von Produktions- und
Konsumtionsstatistiken, die die Gesamtheit der sozialen Bedürfnisse erfassen,
transformieren sie das ökonomische Leben insgesamt nach den in den Statistiken
angegebenen Bedürfnissen."
Die Differenz zwischen diesen beiden prinzipiellen Positionen ist kaum noch
auszumachen. Dennoch kommt den Anarchisten der historische Verdienst zu, die
Forderung von der "Abschaffung des Lohns" proklamiert zu haben. In dieser Konzeption indessen ist
das "Nationale Komitee", das "Statistikbüro" etc...., das, was die Marxisten
"Volksregierung" nennen, dazu bestimmt, eine "natürliche Ökonomie zu verfolgen",
d. h. eine Ökonomie, in der es keinen Geldumlauf mehr gibt. Wohnungen,
Lebensmittel, Elektrizität, Transportwesen etc., all das ist "gratis". Eine gewisse Anzahl von
Gütern und Dienstleistungen wird dennoch mit Geld bezahlt werden müssen, wobei
die Bestimmung der Größen allgemein auf dem Verhältnis Bevölkerung-Konsumtion
indexiert sein wird. Aber trotz dieser Formen bedeutet die Abschaffung des Lohns
nicht die Abschaffung der Ausbeutung und bedeutet erst recht nicht die soziale Freiheit.
Und tatsächlich, je mehr dieser Sektor der "reinen" Ökonomie zunimmt, desto mehr
hängen die Arbeiter bei der Festsetzung ihrer "Revenue" vom Verteilungsapparat ab. Es
existierte das Beispiel einer "reinen" Ökonomie, wo der Austausch ohne Geld
vonstatten ging, wenigstens für den größten Teil der Güter, wo die Wohnungen, die Elektrizität
etc. "gratis" waren. Das war die Periode des "Kriegskommunismus" in Rußland. Man
konnte nicht nur sehen, daß dieses System auf die Dauer nicht lebensfähig war, sondern
auch, daß es ohne Schwierigkeiten mit einem auf Klassenherrschaft aufgebauten
System koexistieren konnte.
Die Wirklichkeit hat uns folglich gelehrt:
a) daß es möglich ist, das Privateigentum abzuschaffen, ohne die Ausbeutung
abzuschaffen und
b) daß es möglich ist, die Lohnarbeit abzuschaffen, ohne die Ausbeutung
abzuschaffen. Wenn es so ist, so stellt sich das Problem der Proletarischen
Revolution für die Ausgebeuteten in folgender Weise:
was sind die ökonomischen Bedingungen, die die Abschaffung der Ausbeutung
erlauben ?
was sind die ökonomischen Bedingungen, die es dem Proletariat erlauben, die
einmal eroberte politische Macht zu behalten und die Wurzeln der
Konterrevolution auszureißen ?
Obgleich die "Grundprinzipien" die ökonomischen Grundlagen des Kommunismus
untersuchen, ist ihr Ausgangspunkt eher politisch als ökonomisch. Für die
Arbeiter ist es nicht leicht, die politisch-ökonomische Herrschaft zu erobern, aber es ist für sie
noch viel schwieriger, sich diese Herrschaft auch zu erhalten. In den
gegenwärtigen Konzeptionen vom Kommunismus oder Sozialismus tendiert man dazu - durch Fakten,
wenn nicht, so in Worten - die ganze Herrschaft der gesellschaftlichen
Verwaltung in einigen staatlichen oder "gesellschaftlichen" Büros zu konzentrieren. Und
umgekehrt betrachtet dieses Buch ("Grundprinzipien" ) die Ökonomie als eine
unvermeidliche Fortführung der Revolution und nicht als einen wünschenswerten Zustand, der sich
in hundert oder in tausend Jahren verwirklichen wird. Es handelt sich darum, auf
der Grundlage der Prinzipien die - nicht von einer Partei oder Organisation -
sondern von der Arbeiterklasse und ihren unabhängigen Kampf Organisationen, den
Arbeiterräten, zu ergreifenden Maßnahmen zu bestimmen. Die Verwirklichung des Kommunismus ist
nicht die Sache einer Partei, sondern die der ganzen Klasse, indem sie in ihren
Räten bestimmt und durch ihre Räte handelt.
Die Produzenten und der soziale Reichtum
Eines der großen Probleme der Revolution ist es, neue Beziehungen zwischen dem
Produzenten und dem gesellschaftlichen Reichtum herzustellen, Beziehungen, die
sich unter kapitalistischen Verhältnissen durch die Lohnarbeit ausdrücken. Die Herrschaft
der Lohnarbeit ist aufgebaut auf einem tiefen Widerspruch zwischen dem Wert der
Arbeitskraft (Lohn) und dem Wert der Arbeit selbst (dem Produkt der Arbeit).
Wenn der Arbeiter zum Beispiel 50 Stunden gesellschaftliche Arbeit leistet, so
erhält er als Lohn dafür nur, sagen wir, das Äquivalent von 10 Stunden. Um sich wirklich zu
emanzipieren, muß er erkennen, daß es nicht mehr der Wert seiner Arbeitskraft
sein darf, die seinen Lohn bestimmt, der seinen Anteil an der gesellschaftlichen Produktenmasse
bestimmt, sondern daß dieser Teil durch seine Arbeit selbst bestimmt sein muß.
Die Arbeit als Maß der Konsumtion ist das Prinzip, dem er zum Sieg verhelfen muß.
Die Differenz zwischen der Summe der geleisteten Arbeit und dem, was der
Arbeiter dafür im Austausch erhält, ist Mehrarbeit genannt und stellt unbezahlte
Arbeit dar. Die während dieser Zeit produzierten gesellschaftlichen Reichtümer stellen das
Mehrprodukt dar, und den in diesem Mehrprodukt enthaltenen Wert nennt man den
Mehrwert. Jede Gesellschaft, welche es auch immer sei, und folglich auch die kommunistische,
beruht auf der Bildung von Mehrprodukt, weil auf die Gesamtheit der Arbeiter,
die nützliche oder notwendige Arbeit verrichten, einige kommen, die keine sichtbaren Güter
herstellen. Ihre Lebensbedingungen werden folglich von den anderen Arbeitern
mitproduziert (ebenso verhält es sich bei den Gesundheitsdiensten, den Alten- und
Krankenhäusern, den Verwaltungsdiensten, den Wissenschaftlern etc.). Aber es ist
die Art und Weise der Erstellung dieses Mehrprodukts, die der Verteilung, die die kapitalistische
Ausbeutung konstituiert. Der Arbeiter erhält einen Lohn, der im besten Fall
gerade ausreicht, um unter gegebenen Bedingungen einigermaßen leben zu können. Er weiß, daß er 50
Arbeitsstunden gegeben hat, aber er weiß nicht, für wieviel Stunden er mit
seinem Lohn bezahlt wird (wieviel Stunden in seinem Lohn enthalten sind). Er kennt den
Betrag seiner Mehrarbeit nicht. Dagegen weiß man, wie die herrschende Klasse
dieses Mehrprodukt konsumiert: aufgeteilt erhalten die sozialen Bereiche einen Teil davon, die
Fabriken benötigen einen Teil zum Vergrößern ihrer Anlagen, die Verwaltung, die
Polizei und die Armee vergeuden einen großen Teil.
Bei dieser Diskussion interessieren uns zwei Charaktere des Mehrprodukts
besonders. Zunächst das, daß die Arbeiterklasse über die Produkte ihrer
unbezahlten Arbeit gar nicht oder fast gar nicht zu bestimmen hat, daß sie den Wert ihrer unbezahlten
Arbeit nicht einschätzen kann. Daß sie folglich die Bedeutung dieser Mehrarbeit
auch gar
nicht ermessen kann. Sie erhält einen Lohn, das ist alles; sie hat bei dieser
Verteilung des sozialen Reichtums nichts zu sagen. Die Klasse die über die
Produktionsmittel verfügt, die besitzende Klasse, ist die Beherrscherin des Produktionsprozesses
und damit auch der Mehrarbeit. Sie läßt die Arbeiter arbeitslos werden, wenn es
in ihrem Interesse liegt, sie setzt die Polizei gegen sie ein oder läßt diese in Kriegen
massakrieren. Die Herrschaft, die die Bourgeoisie ausübt, rührt daher, daß sie
über die Arbeit, die Mehrarbeit, das Mehrprodukt verfügt. Das verurteilt das Proletariat
zur Machtlosigkeit in der Gesellschaft und macht aus ihm eine unterdrückte
Klasse. Diese Analyse zeigt, daß die Unterdrückung gleich stark ist, egal, ob sie vom
Privatkapitalismus oder vom Staatskapitalismus ausgeübt wird. Man hört oft
sagen, daß in Rußland die Ausbeutung der Arbeiter abgeschafft sei, weil das Privateigentum abgeschafft
ist und das ganze Mehrprodukt dem Staat zur Verfügung steht, der es in der
Gesellschaft verteilt, indem er neue soziale Gesetze verkündet, neue Fabriken baut und die
Produktion entwickelt.
Diese Argumente akzeptieren heißt die Tatsache übergehen, daß die herrschende
Klasse, die Bürokratie, die mit der Verteilung der Produkte beauftragt ist, sich
durch übermäßige Löhne bereichert, daß sie ihre Machtpositionen reproduziert, indem
sie ihren Mitgliedern das Monopol einer höheren Bildung sichert und daß das
Gesetz der Erbschaft ihr die akkumulierten Reichtümer "für ihre Familie" sichert; selbst
wenn wir dabei unterstellen würden, daß dieser Apparat das Volk nicht ausbeutet.
Dann wäre es so, daß wie in Rußland die Bürokratie die Beherrscherin des
Arbeitsprozesses bleibt, also auch der Mehrarbeit; daß sie, unter anderem mit
Hilfe der Gewerkschaften die Arbeitsbedingungen diktiert, genau so, wie man es in den
westlichen Ländern sehen kann. Die Funktion der herrschenden Bürokratie ist
völlig identisch mit der der Bourgeoisie, die den Privatkapitalismus lenkt. Wenn die Bürokratie
das Volk nicht ausbeutet, so kommt das nicht nur von ihrem guten Willen, der
Tatsache, daß sie die ihr gebotenen Gelegenheiten zurückweist. Die Entwicklung der
Gesellschaft wäre nicht mehr eine Funktion ihrer ökonomischen und sozialen
Notwendigkeiten, sie wäre vom "guten" oder "bösen" Willen ihrer Herrscher abhängig. Mit anderen Worten:
Die Beziehungen der Arbeiter zum gesellschaftlichen Reichtum würden, selbst in
diesem Fall, von außen festgelegt, und die Arbeiter hätten keinerlei Einflußmöglichkeiten auf
diese Beziehungen, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig als zu hoffen, daß
aus "bösen" Führern " gute" werden.
Zusammenfassend heißt das, daß die Abschaffung des Lohns nicht die notwendige
und ausreichende Bedingung dafür ist, damit die Arbeiter den Teil am
gesellschaftlichen Reichtum erhalten, der ihnen zusteht, den sie durch ihre Arbeit geschaffen
haben.
Gewiß, dieser Teil kann zunehmen; aber eine wirkliche Abschaffung des Lohns mit
allen seinen Formen hat einen ganz anderen Charakter: ohne diese Abschaffung
kann die Arbeiterklasse nicht zu ihrer Macht gelangen. Eine Revolution, die nicht
unverzüglich den Lohn abschafft, muß notwendigerweise degenerieren. Die so
"verratene" Revolution führt zu einem totalitären kapitalistischen Staat.
Man kann auch noch andere Schlußfolgerungen ziehen. Eine der wesentlichen
Aufgaben, die einer Gruppe von Arbeitern zukommt, die die kapitalistische
Ausbeutung radikal beseitigen möchten, - einer revolutionären Gruppe also, wie man früher sagte -
ist, die durch die politische Aktion eroberte Macht ökonomisch zu fundieren. Die
Zeit ist vorbei, wo es genügte, nur die Aufhebung des kapitalistischen Privateigentums an
Produktionsmitteln zu fordern. Es ist ebenfalls unzureichend, nur die
Abschaffung der Lohnarbeit zu verlangen. Diese Forderung hat für sich allein nicht mehr
Konsistenz als eine Seifenblase, wenn man nicht weiß, wie man die ökonomischen
Grundlagen schaffen muß, auf der es keine Lohnarbeit mehr gibt. Eine Gruppe, die beansprucht
revolutionär zu sein und die sich weigert, diese wichtige Frage anzugehen, hat
keine Bedeutung für die Wirklichkeit, weil sie unfähig ist, das Bild einer neuen Welt
vorzuschlagen. Die "Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung"
gehen von folgender Idee aus: alle durch menschliche Arbeit produzierten Güter gelten qualitativ
gleich, denn sie enthalten alle einen Anteil menschlicher Arbeit. Allein die
unterschiedliche Qualität der in ihnen enthaltenen Arbeit unterscheidet sie voneinander. Das
Zeitmaß, mit dem die Arbeit eines jeden individuellen Arbeiters berechnet wird,
ist die Arbeitsstunde. Dieses Maß, dazu bestimmt, die Quantität der Arbeit zu messen,
die dieser oder, jener Gegenstand enthält, muß die gesellschaftlich
durchschnittliche Arbeitsstunde sein. Das ist das Maß, das dazu dient, die Summe des Reichtums
festzulegen, über den die Gesellschaft verfügen kann, ebenso wie die Beziehungen
der verschiedenen Wirtschaftsbereiche untereinander, sowie den Teil des
gesellschaftlichen Reichtums, der dem Arbeiter zukommt. Auf dieser Ebene
entwickeln die "Grundprinzipien" eine Analyse und Kritik der verschiedenen Theorien - und auch
der Praktiken der verschiedenen Strömungen, die sich auf den Marxismus, den
Anarchismus oder ganz allgemein den Sozialismus berufen. Man findet darin eine genauere
Darstellung der kurzen Prinzipien, die Marx und Engels im Kapital, der Kritik
des Gothaer Programms und dem Anti-Dühring hinterlassen haben.
Wohl verstanden, die "Grundprinzipien" beschränken sich nicht darauf, die
Recheneinheit des Kommunismus zu studieren; sie analysieren auch ihre
Anwendbarkeit in der Produktion und bei der Verteilung des Sozialprodukts und in den "öffentlichen
Diensten", indem sie die neuen Regeln der gesellschaftlichen Buchführung
überprüfen, die Ausdehnung der Produktion unter der Kontrolle der Arbeiter, das Verschwinden des
Marktes etc. und schließlich die Anwendbarkeil des Kommunismus auf die
Landwirtschaft über das Zwischenglied der bäuerlichen Kooperativen, die ihre Ernten ebenfalls
in Arbeitszeiteinheiten berechnen.
So haben die "Grundprinzipien" als Ausgangspunkt die empirische Tatsache, daß,
zur Zeit der Machtübernahme durch das Proletariat sich die Produktionsmittel in
Händen der Unternehmerorganisationen befinden. Es hängt vom kommunistischen Bewußtsein des
Proletariats ab, das im Kampf selbst entsteht, das spätere Schicksal dieser Produktionsmittel, die Tatsache, ob das Proletariat sie in Händen behalten wird
oder nicht. Das Hauptproblem, das die proletarische Revolution wird lösen
müssen, wird es sein, die unveränderlichen Beziehungen zwischen den Produzenten und dem
gesellschaftlichen Produkt zu bestimmen, und das kann nur geschehen durch die
Einführung der Arbeitszeitrechnung in die Produktion und Verteilung. Das ist die weitestgehende
Forderung, die das Proletariat stellen könnte, aber zugleich ist es auch das
Minimum dessen, was es verlangen muß. Und folglich eine Frage der Herrschaft, die allein
vom Proletariat gelöst werden kann, ohne die Hilfe einer anderen sozialen
Gruppe. Das Proletariat kann die Betriebe erhalten, wenn es sich die autonome Verwaltung und
Leitung sichert. Dies ist auch die einzige Art der Herrschaft, die die Anwendung
der Arbeitszeitrechnung erlaubt. Das ist die letzte Botschaft, die die
revolutionären Bewegungen der 1. Hälfte des XX. Jahrhunderts uns hinterlassen
haben.
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The Council Communist
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