Schluß
Henriette
Roland Holst nennt Anfang 1918 Anton Pannekoek „einen der wissenschaftlichen
Pioniere des neuen Sozialismus“. Ob man ihr zustimmen kann oder nicht, hängt
davon ab, wie man den Begriff des „neuen Sozialismus“ verstehen will.
Sie
selbst hatte darüber wenige Jahre später ganz andere Auffassungen als
Pannekoek. Wenn man sich über den wesentlich voluntaristischen und
idealistischen Charakter ihrer Denkweise nur ungenügend Klarheit verschafft,
mag dieser Satz wunderlich erscheinen.
[1]
Denn in einem Werk über die revolutionäre Massenaktion von 1918
sagt sie gerade, „daß der Kampf um den neuen Sozialismus, das heißt um neue
Ansichten, neue Organisationsformen und neue Kampfmethoden in der ganzen
Arbeiterbewegung entbrannt ist“ und daß „dieser Kampf nicht enden wird,
bevor der neue Sozialismus nicht gesiegt hat“
[2]
. Sie verkündet hier etwas, das den Auffassungen Pannekoeks
anscheinend sehr nahe steht. Und sie glaubt es in diesem Moment auch selbst. Sie
ist während dieser Zeit – ihrer besten – stark von ihm beeinflußt. Bei
näherer Betrachtung jedoch zeigt sich zwischen beiden ein Unterschied, der
erklärt, weshalb sich später ihre Wege trennen werden.
Bei
Henriette Roland Holst ist von einem „neuen
Sozialismus“ die Rede, der sich dem gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß
anpaßt, statt sich an Denkweisen, Organisationsformen und Kampfmethoden einer
vergangenen Zeit zu klammern, wie es der alte Sozialismus der
sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften tut. Für sie und andere ist
der „neue Sozialismus“ eine Totalität neuer Anschauungen, von denen ihre
Verfechter glauben, daß sie den Kampf der Arbeiterklasse positiv beeinflussen
könnten, Anschauungen, für die Propaganda gemacht werden müßte, Ansichten,
durch die die Arbeiter sich führen lassen sollten.
Für
Pannekoek dagegen ist „der Sozialismus“ nicht etwas, nach dem sich das
Handeln der Arbeiter zu richten hätte. Vor vielen Jahren schon hat er
geschrieben, daß „der Marxismus die Triebkraft der gesellschaftlichen
Umwälzungen nicht in den theoretischen Anschauungen sieht, sondern in der
praktischen Tätigkeit einer täglich um das unmittelbare Leben ringenden und
sich wehrenden Arbeiterklasse“
[3]
. Für ihn ist der Sozialismus die Wissenschaft, die den Arbeitern
ihr eigenes Handeln erklärt. In seiner Perspektive paßt sich nicht der „neue
Sozialismus“, sondern die Arbeiterklasse
den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen an, die gleichzeitig – so
kompliziert ist die soziale Wirklichkeit – durch die Aktion der Arbeiterklasse
verändert werden. Die Arbeiterklasse entwickelt neue Organisationsformen und
bedient sich neuer Kampfmethoden, aus dem einfachen Grund, weil das
unerläßliche Vorbedingungen sind für ihren Widerstand gegen das Kapital.
Für
Pannekoek unterscheidet sich der neue Sozialismus vom alten in erster Linie
nicht durch einen ganz anderen Inhalt – obwohl dieser Inhalt nicht übersehen
werden sollte –, sondern dadurch, daß die Arbeiter selbsttätig handelnd die
Bühne der Geschichte betreten. Der neue Inhalt (des „neuen Sozialismus“)
ist erst die Folge dieses Faktums. Die Arbeiter handeln anders als früher; zum
ersten Mal in der Geschichte treten sie selbst auf, nicht weil ein „neuer
Sozialismus“ ihnen den Weg gezeigt hätte, sondern umgekehrt: weil sie anders
handeln und neue Wege gehen, ändert sich der Inhalt des Sozialismus.
Tatsächlich
zieht Pannekoek die Trennungslinien anderswo. Wenn er sagt, daß der englischen
Chartistenbewegung ein bürgerlicher Charakter eignet, so trifft das gleiche
auch für die sogenannte Arbeiterbewegung zu, die während des 19. und zu Beginn
des 20. Jahrhunderts auf parlamentarischem Wege die Verbesserung des
Kapitalismus anstrebt. Sie hat diese Bemühungen bis heute durchgehalten –
allerdings entstand zu bestimmten Zeitpunkt neben ihr und gegen sie eine
Bewegung der Arbeiter.
Es
ist richtig, daß, wie Henriette Roland Holst, so auch Pannekoek häufig vom „alten
Sozialismus“ spricht. Natürlich ist er wie jeder andere dem herkömmlichen
Sprachgebrauch verhaftet. Hinzu kommt, daß der wirkliche Verlauf der
praktischen und theoretischen Trennungen erst allmählich sichtbar wird.
Trotzdem hat man es in seiner Perspektive nicht nötig, einen alten und neuen
Sozialismus zu unterscheiden, sondern man unterscheidet zunächst eine
Reformbewegung, die später von selbständig kämpfenden Arbeitern abgelöst
wird. Die politische Reformbewegung hat in der kapitalistischen Gesellschaft die
Funktion einer radikalen bürgerlichen Opposition; die kämpfenden Arbeiter
haben diese Funktion nicht. Ihr Kampf greift im wesentlichen die Grundlagen und
Voraussetzungen des Kapitalismus an, auch wenn er sich gegen bestimmte Folgen
des Kapitalismus richtet.
[4]
Deshalb sagt Rosa Luxemburg, daß hinter jedem Streik die Hydra der
Revolution lauert; deshalb wurde 1955 in einem Amsterdamer Prozeß gegen
Streikende gesagt, daß „ein wilder Streik schon fast eine Revolution“ sei.
Wenn
man mit dem Wort „Sozialismus“ nicht eine Wissenschaft, sondern eine
Bewegung bezeichnen will, so trifft das Wort auf die selbständig kämpfenden
Arbeiter zu. Diese Bewegung wird den Kapitalismus zugrunde richten; weder ein
mechanischer Zusammenbruch noch eine erhabene Ethik wird sie ersetzen können
können. Der neue Sozialismus der Arbeiter, von dem Pannekoek spricht, ist kein
„neuer Sozialismus“, der für die Arbeiter da wäre; er ist der „Sozialismus
der Arbeiter“ in dem Sinne, daß ihrer Klassenbewegung der Charakter der
gesellschaftlichen Umwälzung immanent ist. Ihr selbständiges Auftreten –
entweder als Klasse oder als Teil der Klasse – ist das Neue, das erst dann möglich wird, wenn die Gesamtheit der
gesellschaftlichen Verhältnisse eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat.
Dieses selbständige Auftreten unterscheidet sich immer deutlicher vom Auftreten
der Gewerkschaften und Parteien, die behaupten im Namen der Arbeiter zu handeln.
Anton
Pannekoek ist tatsächlich einer der „wissenschaftlichen Pioniere“ dieses neuen
Sozialismus der Arbeiter.
Das ist nicht so zu verstehen, als sei er den Massen in Gedanken vorausgeeilt,
oder als habe er als einer der ersten die Ansichten, die ihn kennzeichnen,
entwickelt. Er ist ein Pionier in dem Sinne, daß er als einer der ersten die
Bedeutung dieses neuen Sozialismus der Arbeiter erkannt hat; daß er verstanden
hat, in welcher Hinsicht er sich grundsätzlich von den früheren Bewegungen der
Geschichte unterscheidet.
Wir
haben in diesem Buch versucht, nachzuweisen, daß Pannekoek dazu imstande ist,
weil er seiner Methode aller Änderungen seiner Ansichten zum Trotz unverändert
treu blieb. Die Erfahrung zeigte ihm, daß mit ihrer Hilfe die besten und
zuverlässigsten Ergebnisse erzielt werden konnten. In einer seiner
Betrachtungen über den Marxismus schreibt er, daß „der historische
Materialismus die geistigen und sozialen Wissenschaften erst zur Wissenschaft
macht, indem er auf diesen Gebieten den Zufall und die Willkür ausschließt und
alle Erscheinungen in Kausalzusammenhang bringt.“
[5]
Diesem Interesse, einen Kausalzusammenhang herzustellen, bleibt er
stets verbunden. Es ist aber so, daß die Erscheinungsformen der
Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts ihn immer wieder dazu zwingen, diesen
Kausalzusammenhang anders aufzufassen.
Die
theoretischen Positionen, die er sich nach und nach erarbeitet, sind deshalb
nicht immer klar und eindeutig. Die Ursache dieser Unklarheiten ergibt sich aus
der Sache selbst. Zum Beispiel schreibt er: „Die Arbeiter werden ihre
Kampfmethoden für die Zukunft mit Hilfe ihrer Praxis selbst finden und wählen
müssen. ... Durch eigene Erfahrungen im Kampf, durch Niederlagen und Siege,
durch eigene Anstrengung und Lernen werden sie die Fähigkeit erwerben müssen,
ihre eigene Sache in der richtigen Weise zu wahren.“
[6]
Er stellt hier fest, daß die Bewegung der Arbeiter sich nur im
Fallen und Aufstehen, im Tasten, Fehlgreifen und Finden entfalten kann. Das
Gleiche gilt für die Theorie der Arbeiterklasse und damit im wesentlichen auch
für Pannekoeks eigene theoretische Arbeit.
Pannekoek
ist als Theoretiker nicht unfehlbar, aus dem einfachen Grund, daß es einen
unfehlbaren Theoretiker nicht geben kann. Der Glaube an die Unfehlbarkeit, wie
man ihm zum Beispiel in der katholischen Kirche oder in den verschiedenen
Strömungen des Leninismus antrifft – der Glaube an die Unfehlbarkeit des
Papstes, Marx‘, Lenins, Stalins oder Mao Tse-tungs –, ist gerade deshalb ein
Glaube, das heißt wissenschaftlich nicht begründet, weil die Wissenschaft sich
nicht mit der Wissenschaft, die Theorie sich nicht mit der Theorie beschäftigt,
sondern mit der Wirklichkeit, und weil die Wirklichkeit nun einmal einer
stetigen Veränderung ausgesetzt ist, die ihrerseits wieder bestimmte Folgen
für die Theorie hat. Diese muß wieder und wieder korrigiert werden, will sie
den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit einlösen. Es gibt keine breite Straße,
die zur Wissenschaft führt, sondern nur einen dornigen Pfad. Wenn Pannekoek ein
großer Theoretiker ist, dann nicht trotz seiner häufigen Irrtümer, sondern
gerade ihretwegen. Er ist es, weil er seine Irrtümer erkennen kann und fähig
ist, nach einem neuen Ausgangspunkt zu suchen.
Überblickt
man seine Arbeit im ganzen, so zeigt sich, daß die Anschauungen, die ihn
schließlich ausmachen,. Schritt für Schritt mühsam erobert werden mußten,
daß er jedoch trotz aller Wandlungen seines Standpunktes immer einen festen
Kurs steuerte: die soziale Wirklichkeit, der er seine Aufmerksamkeit widmet, ist
für ihn unabänderlich identisch mit dem Handeln der gesellschaftlichen
Individuen oder Klassen. Immer wieder gelten seine Überlegungen der Frage, ob
und wie die Massen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen werden. Immer wieder
wird ist das sein eigentliches Thema. Das gilt für seine frühen Arbeiten wie
den ersten Aufsatz 190l in „De Nieuwe Tijd“– die Betrachtung über Kants
Philosophie und den Marxismus – ebenso wie für die späten, zum Beispiel
einen seiner letzten, den kurzen Aufsatz über Atompolitik von 1955.
Daß
wir gerade diesen Aufsatz anführen
[7]
, hat seinen Grund. Denn daran läßt sich sehen, daß Pannekoek
einen eventuellen Widerstand gegen den Atomkrieg weitaus realistischer
einschätzt als zum Beispiel die pazifistische Sozialistische Partei in Holland,
für die der Kampf gegen die Atombombe die Grundlage ihrer Existenz bildet.
Pannekoek spricht ihr gegenüber vom einzigen Widerstand, der wirklich Kraft
entfalten kann: vom Widerstand der Millionen; die pazifistischen Sozialisten
stoßen nur bis zum parlamentarischen Protest vor oder bestenfalls zu einem
außerparlamentarischen Protest auf dem Boden der bürgerlichen Demokratie.
Pannekoek
steht weder auf dem Boden des Parlamentarismus noch auf dem der bürgerlichen
Demokratie. Er ist zweifellos Demokrat, aber nicht in dem Sinne, der diesem
Begriff gemeinhin von der bürgerlichen Klasse verliehen wird. Die bürgerliche
Demokratie, über die er häufig spricht, schildert er als ein System, das
unzertrennlich mit der kapitalistischen Produktionsweise verknüpft ist und sich
mit ihr entwickelt, „weil der Kapitalismus alle Menschen als freie und
selbständige Warenbesitzer einander gleichstellt“
[8]
. Die parlamentarische Form der bürgerlichen Demokratie betrachtet
er als ein Mittel, „die Herrschaft des Kapitalismus zu garantieren, indem man
den ausgebeuteten Massen die Illusion gibt, sie selbst seien die Herren“
[9]
.
Pannekoek
fügt hinzu, daß „diese innere Unwahrhaftigkeit der bürgerlichen Demokratie
keine raffinierte Erfindung schlauer Gesetzgeber ist“, sondern „eine
natürliche Spiegelung der inneren Gegensätze des Kapitalismus. Nicht dadurch,
daß die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich die (für die
kapitalistische Produktion und die Lohnarbeit notwendige; C.B.) juristische
Gleichheit verletzt wird, sondern dadurch, daß sie in Anwendung gebracht wird,
tritt ein Zustand ein, in dem die Gleichheit faktisch aufhört zu bestehen.“
Der Zustand, um den es sich handelt, ist jener, in dem „der Kapitalist zum
Herren und Ausbeuter wird, der Arbeiter faktisch zum abhängigen Sklaven“. Aus
diesem Grund steht es für Pannekoek fest, „daß es der Arbeiterklasse nicht
möglich ist, den kapitalistischen Gegensatz, ihre eigene über die bürgerliche
Freiheit vermittelte Sklaverei und Ausbeutung aufzuheben, ohne zugleich den
politischen Widerspruch der bürgerlichen Demokratie zu durchschauen“ und
aufzuheben.
Wo
jedoch Pannekoek von der Aufhebung der bürgerlichen Demokratie spricht, will er
keineswegs behaupten, daß sie durch die „proletarische Diktatur“ im
bolschewistisch-leninistischen Sinne, durch die Diktatur irgendeiner Partei
ersetzt werden solle. Im Gegenteil: Der bürgerlichen Demokratie stellt er –
“stellen die Arbeiter in ihrer Praxis“, sagt er
[10]
– die proletarische
Demokratie gegenüber, die Arbeiterdemokratie, die Demokratie der
Räteorganisation, „die wahre Demokratie im Gegensatz zu der scheinbaren und
trügerischen“. Denn „die formelle demokratische Gleichheit verliert ihren
Sinn, sobald das praktische Leben selbst die Menschen zu gleichen,
gemeinschaftlich arbeitenden Herren ihrer Verhältnisse macht.“
[11]
Zugleich
wendet sich Pannekoek entschieden gegen die leninistische Konzeption von der „proletarischen
Diktatur“. Gewiß, auch Pannekoek hatte in früheren Jahren von der „Diktatur
des Proletariats“ gesprochen. Aber er hat sie, wie Marx, niemals anders
begriffen denn als eine gegen die Bourgeoisie gerichtete Diktatur, mit einer
ausgebildeten Demokratie innerhalb der Arbeitermassen; im gleichen Sinne, in dem
die bürgerliche Demokratie eine gegen das Proletariat gerichtete Diktatur ist.
Später vermeidet er den Gebrauch dieses Begriffs, nicht nur, weil er einen
Ausdruck wie „Arbeiterdemokratie“ bevorzugt, sondern aus demselben Grund,
weswegen er das Wort „Kommunismus“ nur noch dann gebraucht, wenn er nicht
mißverstanden werden kann: weil diese Begriffe von den Bolschewisten
mißbraucht werden.
Über
die bolschewistische (blanquistische) Form der Diktatur sagt Pannekoek, sie habe
„ihren Ursprung in den russischen Verhältnissen“
[12]
, laufe auf „eine härtere Sklaverei als die des alten Kapitalismus
in Westeuropa“
[13]
hinaus, sie „(stelle) die Partei über die Klasse“
[14]
und „(verhindere) jede Entwicklung einer wirklichen,
selbständigen Arbeitermacht, indem sie das eigene Denken und das autonome
Wachstum der organisierten Selbsttätigkeit unterdrückt“
[15]
. Die bolschewistische Parteidiktatur hat mit Arbeitermacht nichts
gemein, ebensowenig wie der russische Staatskapitalismus mit dem Kommunismus,
ebensowenig wie der Leninismus mit dem Marxismus und ebensowenig wie die
russische mit der proletarischen Revolution.
Was
die proletarische Revolution demgegenüber tatsächlich ist,
faßt Pannekoek vielleicht an keiner Stelle so scharf und so präzise zusammen
wie in einem Artikel mit dem Titel „Partei und Arbeiterklasse“ aus der
zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, jener Periode, in der sich seine Kritik am
Bolschewismus entscheidend vertieft hatte. Er definiert dort die proletarische
Umwälzung als „einen historischen Prozeß, dessen eigentlicher Inhalt die
Entwicklung der Selbstorganisation der Arbeiterklasse im Kampfe ist“. Er fügt
hinzu, daß „die Revolution im selben Maße vorwärts schreitet und die
unterdrückende Gewalt des Staates zerbricht, in dem die Fähigkeit der Massen
zum selbständigen Handeln anwächst.“ „Es ist nicht so“, sagt er, „daß
die Arbeiterklasse erst eine Organisation aufbaut und dann mit deren Hilfe die
Bourgeoisie angreift und die politische Macht erobert. Diese beiden Dinge
ereignen sich gleichzeitig und sind miteinander verflochten; sie sind näher
besehen miteinander identisch. Es ist nicht so, daß zuerst die politische Macht
erobert wird und dann die Regelung der Produktion in Angriff genommen werden
kann; beides geschieht zugleich.“
[16]
Es ist dieselbe Auffassung, die man in seinem Buch über die
Arbeiterräte findet.
Das
ist jedoch, wie bekannt, keineswegs die Auffassung seiner Frühzeit. Damals
betrachtet er als Sozialdemokrat, auch als radikaler Sozialdemokrat, die
Befreiung der Arbeiterklasse als die Aufgabe der Sozialdemokratie: das heißt
als das Werk einer politischen Partei, die dabei von den Gewerkschaften
unterstützt wird. Wenn er in dem oben angeführten Artikel schreibt, in der
proletarischen Revolution habe eine Partei keine Aufgabe, eine Partei sei nicht
dazu imstande, den Befreiungskampf des Proletariats zu führen, wenn er an
anderer Stelle erklärt, die Gewerkschaften seien im Kapitalismus eine
Notwendigkeit dergestalt, daß sie – obgleich eine Schöpfung der Arbeiter –
der bürgerlichen Gesellschaft zugehören, so ist das ein Standpunkt, der sich
bei ihm nicht nach und nach, sondern – wie wir gesehen haben – in Sprüngen
entwickelt hat.
Von
einem Theoretiker der Sozialdemokratie ist Anton Pannekoek zum Theoretiker des
proletarischen Klassenkampfes geworden, allerdings in den Sprüngen, zu denen
ihn die gesellschaftlichen Verhältnisse nötigten. In Sprüngen, da jede
Weiterentwicklung seiner Ansichten erst möglich war, wenn die Arbeiter ihm
durch ihre Praxis den Weg gebahnt hatten. Wenn die Arbeiter – weil sie eine
Niederlage erlitten haben oder weil das Kapital neue Formen der Macht entwickelt
hat, auf die sie die Antwort einstweilen schuldig bleiben – untätig bleiben,
dann macht auch die Theorie keine Fortschritte. Es muß sich erst eine neue
Wirklichkeit darbieten, bevor eine Weiterentwicklung der Gedanken möglich ist.
Aus
diesem Grund sind die Aufsätze, die Pannekoek in den zwanziger Jahren schrieb
– für die „Kommunistische Arbeiterzeitung“, für den „Proletarier“
und für eine Reihe anderer deutscher Blätter, ein einziges Mal auch für „De
Kommunistische Arbeider“ der holländischen KAP
[17]
– nicht allesamt, aber doch sehr oft Wiederholungen früherer
Überlegungen. Er schreibt über „Marxismus und Idealismus“
[18]
, über „Prinzip und Taktik“
[19]
, das heißt über Themen, für die er schon immer ein großes
Interesse zeigte und die er schon immer – davon zeugen seine Beiträge in „De
Nieuwe Tijd“ über Kant, über Dietzgen und über Theorie und Praxis – mit
großer Sachkenntnis behandelt hat. Er schreibt weiter über „Sozialismus und
Kommunismus“
[20]
und über Gorter
[21]
, aber auch (unter seinem Pseudonym Karl Horner) über den Aufmarsch
der Konterrevolution in Deutschland.
[22]
Außerdem führt er 1924 über bestimmte Fragen der Arbeiterbewegung
eine Polemik gegen Erich Mühsam. Gleichzeitig pflegt er eine umfangreiche
Korrespondenz, vor allem mit Gorter, diskutiert und tauscht Gedenken aus.
[23]
Der Charakter seiner Arbeit ändert sich jedoch, als nach einer
gewissen Zeit die Arbeiter wieder den Kampf aufnehmen – nicht weil sie das
für schön halten, sondern weil sie, wie Pannekoek schon früher dargelegt hat
[24]
, dazu gezwungen werden –, und er sich in ihren Kampf einreiht.
In
diesem Kampf verschwindet alles, was er in seiner Vergangenheit für wichtig
gehalten hat. Die Parteien – die radikalen ebenso wie die reformistischen –,
die Gewerkschaften, die politischen Führer, bisweilen verunglimpft, häufig
noch angebetet, sie alle entfernen sich immer mehr von Proletariat, bewegen sich
auf den ausgetretenen Pfaden einer Praxis, die in immer stärkeren Gegensatz zum
Handeln der Arbeiter gerät.
Das
wirkliche Auftreten der Arbeiter zeigt sich immer deutlicher darin, daß sie
selbst ihre Kampfbeschlüsse fassen, daß sie selbst, und niemand anderes, die
ganze Verantwortung dafür tragen, daß sie selbst ihren Kampf führen, statt
geführt zu werden, daß sie selbst – und niemand anderes – darüber
bestimmen, wie sie sich bei jedem neuen Zusammenstoß mit dem Kapital verhalten
werden.
Die
volle Bedeutung dieser Tatsache drängt sich Pannekoek nicht unmittelbar auf.
[25]
Sobald er sie verstanden hat, erkennt er mit scharfem Blick den
Charakter künftiger Klassenkämpfe aus dem Bilde jener, die vor seinen Augen
stattfinden. In dieser Weise, systematisierend und ordnend angesichts der
verwirrenden Mannigfaltigkeit neuer Kampfformen, die einander scheinbar ohne
jeglichen Zusammenhang folgen und ablösen, auf der Suche nach Ursachen und
Wirkungen, kommt er dem auf die Spur, was ihnen bei all ihrer Verschiedenheit
gemeinsam ist. Er deckt auch das auf, worin sie den spontan gebildeten
Arbeiterräten der Vergangenheit ähneln. Er wirft damit neues Licht sowohl auf
diese Räte als auch auf die äußerlich manchmal noch unscheinbaren, aus der
Notwendigkeit geborenen Aktionsausschüsse der „wilden“ Streiks. Nicht
zuletzt ermöglicht er dadurch einen anderen Einblick in die Grundfragen des
Sozialismus und der Arbeitermacht.
Als
Krönung seiner gesamten sozialwissenschaftlichen Arbeit ist dies der geistige
Beitrag Pannekoeks zu der neuen Bewegung der Arbeiter, die aus den
Verhältnissen des heutigen Kapitalismus unaufhaltsam emporsteigt. Er gibt ihr
eine Theorie, deren Umrisse wir auf den vorhergehenden Seiten zu schildern
versucht haben. Es ist dies nicht eine Theorie in der falschen Bedeutung des
Wortes, daß sie eine „Lehre“ sei, die von der proletarischen Klasse zu
verwirklichen wäre. „Der Kampf der Arbeiter“, bemerkt Pannekoek schon 1901,
„wird nicht des Sieges einer Theorie wegen geführt, sondern er ist der Kampf
um die Macht.“
[26]
Weshalb das so ist, und was die neuen Organisationsformen bedeuten,
die sich die Arbeiter in ihrer täglichen Praxis für diesen Kampf schaffen, das
will er darlegen, das hält er den Kämpfenden wie in einem Spiegel vor Augen.
Dabei ist ihm bewußt, daß sie die Antwort auf die Probleme, die vor ihnen
liegen, weniger in diesem Spiegel finden werden als im Kampf selbst.
Denn
nicht nach der Theorie richtet sich der Arbeiterkampf oder, wie auch der junge
Pannekoek noch meinte, sollte er sich richten, sondern es ist umgekehrt: die
Theorie, die einen wirklichen Beitrag zum besseren Verständnis der Gesellschaft
liefern will, wird sich am Arbeiterkampf orientieren müssen. Er ist der Motor
ihrer Entwicklung. Die Theorie zeigt nicht den Weg, sie kann nur erklären,
welcher Weg eingeschlagen wird und warum.
Vielleicht
drängt sich manchem die Frage auf, ob damit der Theorie nicht eine zu
bescheidene Rolle zugeschrieben wird. Hatte schon Marx nicht behauptet, die
Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme darauf an,
sie zu verändern? Wäre Pannekoek noch am Leben, so würde er wahrscheinlich
antworten, daß Marx dies zwar tatsächlich gesagt hat, daß daraus aber
keineswegs gefolgert werden soll oder kann – was dann auch bei Marx nirgends
zu finden ist –, daß die Veränderung der Gesellschaft von den Philosophen
bewirkt werden solle. Diese Aufgabe können sie nicht vollbringen; dazu ist nur
die Arbeiterklasse imstande.
Einst,
zu einer Zeit als von einer selbständigen Arbeiterklasse noch keine Rede war,
appellierten die Reformisten an die Gefühle der Arbeiter, um sie gegen die, des
„unpraktischen Dogmatismus“ verschrieenen, Kritiker des Reformismus zu
mobilisieren. Kaum ein halbes Jahrhundert später hat sich dieser Sachverhalt
vollkommen geändert. In der Praxis des Klassenkampfes hat eine neue Periode
angefangen. Jetzt ist es Pannekoek, der dem instinktiven Handeln und Fühlen der
proletarischen Massen die größte Bedeutung beimißt. Die modernen Erben des
Reformismus aber haben daran keinerlei Interesse mehr. Diese Tatsache
charakterisiert nicht nur die geschichtliche Entwicklung der Arbeiterbewegung,
sie charakterisiert gleichermaßen die Entwicklung Anton Pannekoeks als eines
sozialistischen Theoretikers.
[1] Siehe Kapitel 2.
[2] Henriette Roland Holst – van der Schalk, „Revolutionaire massaaktie“, Rotterdam 1918, S. 1.
[3] „Bremer Bürgerzeitung“, 12. März 1910.
[4] Vgl. Karl Marx, „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“.
[5] Anton Pannekoek, „Het marxisme“, in der Reihe „Pro en Contra“, Baarn 1908, S. 17.
[6] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, a.a.O., S. 90 u. 57.
[7] Anton Pannekoek, „Atompolitiek“, in: „Wetenschap en samenleving“, Mai 1955, S. 63 f.
[8]
P.
Aartsz, a.a.O., S. 134.
[9] Ebd., S. 137.
[10] Ebd., S. 141.
[11] Ebd., S. 142.
[12] Ebd., S. 158.
[13] Ebd., S. 160.
[14] Ebd., S. 162.
[15] Ebd., S. 161.
[16] „Partij en arbeidersklasse“, „Persdienst van de Groep van internationale Comunisten“, 9. Jahrgang Nr. 12, Juli 1936, Nr. 2, S. 13. Der Aufsatz ist wie alle Artikel im Pressedienst der Internationalen Kommunisten anonym. In seinen „Herinneringen“ (S. 215 f.) teilt Pannekoek mit, daß er in seinen Exemplaren des Pressedienstes gelegentlich angezeichnet habe, welche Artikel von ihm stammten. Diese Exemplare sind, so schreibt er 1944, dem Archiv des Dr. Posthumus (dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte) übergeben und möglicherweise während der Besatzungszeit vernichtet worden oder verloren gegangen. Der Verfasser dieses Buches hat dem nicht nachgehen können. In Bezug auf die Urheberschaft des hier zitierten Artikels hat er jedoch keine Zweifel. Daß er von Pannekoek stammt, lassen nicht nur der Stil, sondern auch manche andere Einzelheiten mit Sicherheit vermuten. Der Artikel wurde außerdem auch in der „Rätekorrespondenz“ veröffentlicht; auch das weist auf Pannekoek als auf den Verfasser hin, denn er teilt auch mit, daß er auch für die „Rätekorrespondenz“ eine Reihe von Artikeln geschrieben habe. Denkbar ist, daß Pannekoek den Artikel zuerst in deutscher Sprache verfaßt und dann ins Holländische übersetzt hat; einige Passagen lassen dies vermuten.
[17] Pannekoek hatte sich dieser Partei nicht angeschlossen, weil er seinen Standpunkt noch nicht als geklärt ansah. („Herinneringen“, S. 208f.).
[18] „Proletarier“, Jahrgang 1921.
[19] Ebd., Jahrgang 1929.
[20] „Kommunistische Arbeiterzeitung“, Berlin, 8. Jahrgang 1927 Nr. 43.
[21] Ebd., 8. Jahrgang 1927 (Gedenkartikel zum Tode Gorters).
[22] Karl Horner, „Der Weg nach rechts“, K.A.Z., 23. Januar 1920, 2. Jahrgang Nr. 19.
[23] „Herinneringen“, S. 210 f. Pannekoek sagt hier, er habe in dieser Periode nicht viel Bedeutendes geschrieben. Ein sehr bescheidenes Urteil, das vom Verfasser nicht geteilt wird..
[24] „Das Proletariat“, schreibt Pannekoek am 25. Mai 1912 in der „Bremer Bürgerzeitung“, „kämpft nicht, weil es den Kampf liebt, sondern weil es keine andere Wahl hat.“ Es ist der erste Satz eines Artikels mit der Überschrift „Zu neuem Kampf“.
[25] Vgl. „Herinneringen“, S. 214 f.
[26]
Anton Pannekoek, „De
filosofie van Kant en het marxisme“, „De Nieuwe Tijd“, 1901, S. 549.
| Cajo Brendel: Anton
Pannekoek - Denker der Revolution © ça ira - Verlag Freiburg 2001 ISBN: 3-924627-75-4 www.isf-freiburg.org |
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