Schluß

 

Henriette Roland Holst nennt Anfang 1918 Anton Pannekoek „einen der wissenschaftlichen Pioniere des neuen Sozialismus“. Ob man ihr zustimmen kann oder nicht, hängt davon ab, wie man den Begriff des „neuen Sozialismus“ verstehen will.

Sie selbst hatte darüber wenige Jahre später ganz andere Auffassungen als Pannekoek. Wenn man sich über den wesentlich voluntaristischen und idealistischen Charakter ihrer Denkweise nur ungenügend Klarheit verschafft, mag dieser Satz wunderlich erscheinen. [1] Denn in einem Werk über die revolutionäre Massenaktion von 1918 sagt sie gerade, „daß der Kampf um den neuen Sozialismus, das heißt um neue Ansichten, neue Organisationsformen und neue Kampfmethoden in der ganzen Arbeiterbewegung entbrannt ist“ und daß „dieser Kampf nicht enden wird, bevor der neue Sozialismus nicht gesiegt hat“ [2] . Sie verkündet hier etwas, das den Auffassungen Pannekoeks anscheinend sehr nahe steht. Und sie glaubt es in diesem Moment auch selbst. Sie ist während dieser Zeit – ihrer besten – stark von ihm beeinflußt. Bei näherer Betrachtung jedoch zeigt sich zwischen beiden ein Unterschied, der erklärt, weshalb sich später ihre Wege trennen werden.

Bei Henriette Roland Holst ist von einem „neuen Sozialismus“ die Rede, der sich dem gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß anpaßt, statt sich an Denkweisen, Organisationsformen und Kampfmethoden einer vergangenen Zeit zu klammern, wie es der alte Sozialismus der sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften tut. Für sie und andere ist der „neue Sozialismus“ eine Totalität neuer Anschauungen, von denen ihre Verfechter glauben, daß sie den Kampf der Arbeiterklasse positiv beeinflussen könnten, Anschauungen, für die Propaganda gemacht werden müßte, Ansichten, durch die die Arbeiter sich führen lassen sollten.

Für Pannekoek dagegen ist „der Sozialismus“ nicht etwas, nach dem sich das Handeln der Arbeiter zu richten hätte. Vor vielen Jahren schon hat er geschrieben, daß „der Marxismus die Triebkraft der gesellschaftlichen Umwälzungen nicht in den theoretischen Anschauungen sieht, sondern in der praktischen Tätigkeit einer täglich um das unmittelbare Leben ringenden und sich wehrenden Arbeiterklasse“ [3] . Für ihn ist der Sozialismus die Wissenschaft, die den Arbeitern ihr eigenes Handeln erklärt. In seiner Perspektive paßt sich nicht der „neue Sozialismus“, sondern die Arbeiterklasse den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen an, die gleichzeitig – so kompliziert ist die soziale Wirklichkeit – durch die Aktion der Arbeiterklasse verändert werden. Die Arbeiterklasse entwickelt neue Organisationsformen und bedient sich neuer Kampfmethoden, aus dem einfachen Grund, weil das unerläßliche Vorbedingungen sind für ihren Widerstand gegen das Kapital.

Für Pannekoek unterscheidet sich der neue Sozialismus vom alten in erster Linie nicht durch einen ganz anderen Inhalt – obwohl dieser Inhalt nicht übersehen werden sollte –, sondern dadurch, daß die Arbeiter selbsttätig handelnd die Bühne der Geschichte betreten. Der neue Inhalt (des „neuen Sozialismus“) ist erst die Folge dieses Faktums. Die Arbeiter handeln anders als früher; zum ersten Mal in der Geschichte treten sie selbst auf, nicht weil ein „neuer Sozialismus“ ihnen den Weg gezeigt hätte, sondern umgekehrt: weil sie anders handeln und neue Wege gehen, ändert sich der Inhalt des Sozialismus.

Tatsächlich zieht Pannekoek die Trennungslinien anderswo. Wenn er sagt, daß der englischen Chartistenbewegung ein bürgerlicher Charakter eignet, so trifft das gleiche auch für die sogenannte Arbeiterbewegung zu, die während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf parlamentarischem Wege die Verbesserung des Kapitalismus anstrebt. Sie hat diese Bemühungen bis heute durchgehalten – allerdings entstand zu bestimmten Zeitpunkt neben ihr und gegen sie eine Bewegung der Arbeiter.

Es ist richtig, daß, wie Henriette Roland Holst, so auch Pannekoek häufig vom „alten Sozialismus“ spricht. Natürlich ist er wie jeder andere dem herkömmlichen Sprachgebrauch verhaftet. Hinzu kommt, daß der wirkliche Verlauf der praktischen und theoretischen Trennungen erst allmählich sichtbar wird. Trotzdem hat man es in seiner Perspektive nicht nötig, einen alten und neuen Sozialismus zu unterscheiden, sondern man unterscheidet zunächst eine Reformbewegung, die später von selbständig kämpfenden Arbeitern abgelöst wird. Die politische Reformbewegung hat in der kapitalistischen Gesellschaft die Funktion einer radikalen bürgerlichen Opposition; die kämpfenden Arbeiter haben diese Funktion nicht. Ihr Kampf greift im wesentlichen die Grundlagen und Voraussetzungen des Kapitalismus an, auch wenn er sich gegen bestimmte Folgen des Kapitalismus richtet. [4] Deshalb sagt Rosa Luxemburg, daß hinter jedem Streik die Hydra der Revolution lauert; deshalb wurde 1955 in einem Amsterdamer Prozeß gegen Streikende gesagt, daß „ein wilder Streik schon fast eine Revolution“ sei.

Wenn man mit dem Wort „Sozialismus“ nicht eine Wissenschaft, sondern eine Bewegung bezeichnen will, so trifft das Wort auf die selbständig kämpfenden Arbeiter zu. Diese Bewegung wird den Kapitalismus zugrunde richten; weder ein mechanischer Zusammenbruch noch eine erhabene Ethik wird sie ersetzen können können. Der neue Sozialismus der Arbeiter, von dem Pannekoek spricht, ist kein „neuer Sozialismus“, der für die Arbeiter da wäre; er ist der „Sozialismus der Arbeiter“ in dem Sinne, daß ihrer Klassenbewegung der Charakter der gesellschaftlichen Umwälzung immanent ist. Ihr selbständiges Auftreten – entweder als Klasse oder als Teil der Klasse – ist das Neue, das erst dann möglich wird, wenn die Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat. Dieses selbständige Auftreten unterscheidet sich immer deutlicher vom Auftreten der Gewerkschaften und Parteien, die behaupten im Namen der Arbeiter zu handeln.

Anton Pannekoek ist tatsächlich einer der „wissenschaftlichen Pioniere“ dieses neuen Sozialismus der Arbeiter. Das ist nicht so zu verstehen, als sei er den Massen in Gedanken vorausgeeilt, oder als habe er als einer der ersten die Ansichten, die ihn kennzeichnen, entwickelt. Er ist ein Pionier in dem Sinne, daß er als einer der ersten die Bedeutung dieses neuen Sozialismus der Arbeiter erkannt hat; daß er verstanden hat, in welcher Hinsicht er sich grundsätzlich von den früheren Bewegungen der Geschichte unterscheidet.

Wir haben in diesem Buch versucht, nachzuweisen, daß Pannekoek dazu imstande ist, weil er seiner Methode aller Änderungen seiner Ansichten zum Trotz unverändert treu blieb. Die Erfahrung zeigte ihm, daß mit ihrer Hilfe die besten und zuverlässigsten Ergebnisse erzielt werden konnten. In einer seiner Betrachtungen über den Marxismus schreibt er, daß „der historische Materialismus die geistigen und sozialen Wissenschaften erst zur Wissenschaft macht, indem er auf diesen Gebieten den Zufall und die Willkür ausschließt und alle Erscheinungen in Kausalzusammenhang bringt.“ [5] Diesem Interesse, einen Kausalzusammenhang herzustellen, bleibt er stets verbunden. Es ist aber so, daß die Erscheinungsformen der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts ihn immer wieder dazu zwingen, diesen Kausalzusammenhang anders aufzufassen.

Die theoretischen Positionen, die er sich nach und nach erarbeitet, sind deshalb nicht immer klar und eindeutig. Die Ursache dieser Unklarheiten ergibt sich aus der Sache selbst. Zum Beispiel schreibt er: „Die Arbeiter werden ihre Kampfmethoden für die Zukunft mit Hilfe ihrer Praxis selbst finden und wählen müssen. ... Durch eigene Erfahrungen im Kampf, durch Niederlagen und Siege, durch eigene Anstrengung und Lernen werden sie die Fähigkeit erwerben müssen, ihre eigene Sache in der richtigen Weise zu wahren.“ [6] Er stellt hier fest, daß die Bewegung der Arbeiter sich nur im Fallen und Aufstehen, im Tasten, Fehlgreifen und Finden entfalten kann. Das Gleiche gilt für die Theorie der Arbeiterklasse und damit im wesentlichen auch für Pannekoeks eigene theoretische Arbeit.

Pannekoek ist als Theoretiker nicht unfehlbar, aus dem einfachen Grund, daß es einen unfehlbaren Theoretiker nicht geben kann. Der Glaube an die Unfehlbarkeit, wie man ihm zum Beispiel in der katholischen Kirche oder in den verschiedenen Strömungen des Leninismus antrifft – der Glaube an die Unfehlbarkeit des Papstes, Marx‘, Lenins, Stalins oder Mao Tse-tungs –, ist gerade deshalb ein Glaube, das heißt wissenschaftlich nicht begründet, weil die Wissenschaft sich nicht mit der Wissenschaft, die Theorie sich nicht mit der Theorie beschäftigt, sondern mit der Wirklichkeit, und weil die Wirklichkeit nun einmal einer stetigen Veränderung ausgesetzt ist, die ihrerseits wieder bestimmte Folgen für die Theorie hat. Diese muß wieder und wieder korrigiert werden, will sie den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit einlösen. Es gibt keine breite Straße, die zur Wissenschaft führt, sondern nur einen dornigen Pfad. Wenn Pannekoek ein großer Theoretiker ist, dann nicht trotz seiner häufigen Irrtümer, sondern gerade ihretwegen. Er ist es, weil er seine Irrtümer erkennen kann und fähig ist, nach einem neuen Ausgangspunkt zu suchen.

Überblickt man seine Arbeit im ganzen, so zeigt sich, daß die Anschauungen, die ihn schließlich ausmachen,. Schritt für Schritt mühsam erobert werden mußten, daß er jedoch trotz aller Wandlungen seines Standpunktes immer einen festen Kurs steuerte: die soziale Wirklichkeit, der er seine Aufmerksamkeit widmet, ist für ihn unabänderlich identisch mit dem Handeln der gesellschaftlichen Individuen oder Klassen. Immer wieder gelten seine Überlegungen der Frage, ob und wie die Massen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen werden. Immer wieder wird ist das sein eigentliches Thema. Das gilt für seine frühen Arbeiten wie den ersten Aufsatz 190l in „De Nieuwe Tijd“– die Betrachtung über Kants Philosophie und den Marxismus – ebenso wie für die späten, zum Beispiel einen seiner letzten, den kurzen Aufsatz über Atompolitik von 1955.

Daß wir gerade diesen Aufsatz anführen [7] , hat seinen Grund. Denn daran läßt sich sehen, daß Pannekoek einen eventuellen Widerstand gegen den Atomkrieg weitaus realistischer einschätzt als zum Beispiel die pazifistische Sozialistische Partei in Holland, für die der Kampf gegen die Atombombe die Grundlage ihrer Existenz bildet. Pannekoek spricht ihr gegenüber vom einzigen Widerstand, der wirklich Kraft entfalten kann: vom Widerstand der Millionen; die pazifistischen Sozialisten stoßen nur bis zum parlamentarischen Protest vor oder bestenfalls zu einem außerparlamentarischen Protest auf dem Boden der bürgerlichen Demokratie.

Pannekoek steht weder auf dem Boden des Parlamentarismus noch auf dem der bürgerlichen Demokratie. Er ist zweifellos Demokrat, aber nicht in dem Sinne, der diesem Begriff gemeinhin von der bürgerlichen Klasse verliehen wird. Die bürgerliche Demokratie, über die er häufig spricht, schildert er als ein System, das unzertrennlich mit der kapitalistischen Produktionsweise verknüpft ist und sich mit ihr entwickelt, „weil der Kapitalismus alle Menschen als freie und selbständige Warenbesitzer einander gleichstellt“ [8] . Die parlamentarische Form der bürgerlichen Demokratie betrachtet er als ein Mittel, „die Herrschaft des Kapitalismus zu garantieren, indem man den ausgebeuteten Massen die Illusion gibt, sie selbst seien die Herren“ [9] .

Pannekoek fügt hinzu, daß „diese innere Unwahrhaftigkeit der bürgerlichen Demokratie keine raffinierte Erfindung schlauer Gesetzgeber ist“, sondern „eine natürliche Spiegelung der inneren Gegensätze des Kapitalismus. Nicht dadurch, daß die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich die (für die kapitalistische Produktion und die Lohnarbeit notwendige; C.B.) juristische Gleichheit verletzt wird, sondern dadurch, daß sie in Anwendung gebracht wird, tritt ein Zustand ein, in dem die Gleichheit faktisch aufhört zu bestehen.“ Der Zustand, um den es sich handelt, ist jener, in dem „der Kapitalist zum Herren und Ausbeuter wird, der Arbeiter faktisch zum abhängigen Sklaven“. Aus diesem Grund steht es für Pannekoek fest, „daß es der Arbeiterklasse nicht möglich ist, den kapitalistischen Gegensatz, ihre eigene über die bürgerliche Freiheit vermittelte Sklaverei und Ausbeutung aufzuheben, ohne zugleich den politischen Widerspruch der bürgerlichen Demokratie zu durchschauen“ und aufzuheben.

Wo jedoch Pannekoek von der Aufhebung der bürgerlichen Demokratie spricht, will er keineswegs behaupten, daß sie durch die „proletarische Diktatur“ im bolschewistisch-leninistischen Sinne, durch die Diktatur irgendeiner Partei ersetzt werden solle. Im Gegenteil: Der bürgerlichen Demokratie stellt er – “stellen die Arbeiter in ihrer Praxis“, sagt er [10] – die proletarische Demokratie gegenüber, die Arbeiterdemokratie, die Demokratie der Räteorganisation, „die wahre Demokratie im Gegensatz zu der scheinbaren und trügerischen“. Denn „die formelle demokratische Gleichheit verliert ihren Sinn, sobald das praktische Leben selbst die Menschen zu gleichen, gemeinschaftlich arbeitenden Herren ihrer Verhältnisse macht.“ [11]

Zugleich wendet sich Pannekoek entschieden gegen die leninistische Konzeption von der „proletarischen Diktatur“. Gewiß, auch Pannekoek hatte in früheren Jahren von der „Diktatur des Proletariats“ gesprochen. Aber er hat sie, wie Marx, niemals anders begriffen denn als eine gegen die Bourgeoisie gerichtete Diktatur, mit einer ausgebildeten Demokratie innerhalb der Arbeitermassen; im gleichen Sinne, in dem die bürgerliche Demokratie eine gegen das Proletariat gerichtete Diktatur ist. Später vermeidet er den Gebrauch dieses Begriffs, nicht nur, weil er einen Ausdruck wie „Arbeiterdemokratie“ bevorzugt, sondern aus demselben Grund, weswegen er das Wort „Kommunismus“ nur noch dann gebraucht, wenn er nicht mißverstanden werden kann: weil diese Begriffe von den Bolschewisten mißbraucht werden.

Über die bolschewistische (blanquistische) Form der Diktatur sagt Pannekoek, sie habe „ihren Ursprung in den russischen Verhältnissen“ [12] , laufe auf „eine härtere Sklaverei als die des alten Kapitalismus in Westeuropa“ [13] hinaus, sie „(stelle) die Partei über die Klasse“ [14] und „(verhindere) jede Entwicklung einer wirklichen, selbständigen Arbeitermacht, indem sie das eigene Denken und das autonome Wachstum der organisierten Selbsttätigkeit unterdrückt“ [15] . Die bolschewistische Parteidiktatur hat mit Arbeitermacht nichts gemein, ebensowenig wie der russische Staatskapitalismus mit dem Kommunismus, ebensowenig wie der Leninismus mit dem Marxismus und ebensowenig wie die russische mit der proletarischen Revolution.

Was die proletarische Revolution demgegenüber tatsächlich ist, faßt Pannekoek vielleicht an keiner Stelle so scharf und so präzise zusammen wie in einem Artikel mit dem Titel „Partei und Arbeiterklasse“ aus der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, jener Periode, in der sich seine Kritik am Bolschewismus entscheidend vertieft hatte. Er definiert dort die proletarische Umwälzung als „einen historischen Prozeß, dessen eigentlicher Inhalt die Entwicklung der Selbstorganisation der Arbeiterklasse im Kampfe ist“. Er fügt hinzu, daß „die Revolution im selben Maße vorwärts schreitet und die unterdrückende Gewalt des Staates zerbricht, in dem die Fähigkeit der Massen zum selbständigen Handeln anwächst.“ „Es ist nicht so“, sagt er, „daß die Arbeiterklasse erst eine Organisation aufbaut und dann mit deren Hilfe die Bourgeoisie angreift und die politische Macht erobert. Diese beiden Dinge ereignen sich gleichzeitig und sind miteinander verflochten; sie sind näher besehen miteinander identisch. Es ist nicht so, daß zuerst die politische Macht erobert wird und dann die Regelung der Produktion in Angriff genommen werden kann; beides geschieht zugleich.“ [16] Es ist dieselbe Auffassung, die man in seinem Buch über die Arbeiterräte findet.

Das ist jedoch, wie bekannt, keineswegs die Auffassung seiner Frühzeit. Damals betrachtet er als Sozialdemokrat, auch als radikaler Sozialdemokrat, die Befreiung der Arbeiterklasse als die Aufgabe der Sozialdemokratie: das heißt als das Werk einer politischen Partei, die dabei von den Gewerkschaften unterstützt wird. Wenn er in dem oben angeführten Artikel schreibt, in der proletarischen Revolution habe eine Partei keine Aufgabe, eine Partei sei nicht dazu imstande, den Befreiungskampf des Proletariats zu führen, wenn er an anderer Stelle erklärt, die Gewerkschaften seien im Kapitalismus eine Notwendigkeit dergestalt, daß sie – obgleich eine Schöpfung der Arbeiter – der bürgerlichen Gesellschaft zugehören, so ist das ein Standpunkt, der sich bei ihm nicht nach und nach, sondern – wie wir gesehen haben – in Sprüngen entwickelt hat.

Von einem Theoretiker der Sozialdemokratie ist Anton Pannekoek zum Theoretiker des proletarischen Klassenkampfes geworden, allerdings in den Sprüngen, zu denen ihn die gesellschaftlichen Verhältnisse nötigten. In Sprüngen, da jede Weiterentwicklung seiner Ansichten erst möglich war, wenn die Arbeiter ihm durch ihre Praxis den Weg gebahnt hatten. Wenn die Arbeiter – weil sie eine Niederlage erlitten haben oder weil das Kapital neue Formen der Macht entwickelt hat, auf die sie die Antwort einstweilen schuldig bleiben – untätig bleiben, dann macht auch die Theorie keine Fortschritte. Es muß sich erst eine neue Wirklichkeit darbieten, bevor eine Weiterentwicklung der Gedanken möglich ist.

Aus diesem Grund sind die Aufsätze, die Pannekoek in den zwanziger Jahren schrieb – für die „Kommunistische Arbeiterzeitung“, für den „Proletarier“ und für eine Reihe anderer deutscher Blätter, ein einziges Mal auch für „De Kommunistische Arbeider“ der holländischen KAP [17] – nicht allesamt, aber doch sehr oft Wiederholungen früherer Überlegungen. Er schreibt über „Marxismus und Idealismus“ [18] , über „Prinzip und Taktik“ [19] , das heißt über Themen, für die er schon immer ein großes Interesse zeigte und die er schon immer – davon zeugen seine Beiträge in „De Nieuwe Tijd“ über Kant, über Dietzgen und über Theorie und Praxis – mit großer Sachkenntnis behandelt hat. Er schreibt weiter über „Sozialismus und Kommunismus“ [20] und über Gorter [21] , aber auch (unter seinem Pseudonym Karl Horner) über den Aufmarsch der Konterrevolution in Deutschland. [22] Außerdem führt er 1924 über bestimmte Fragen der Arbeiterbewegung eine Polemik gegen Erich Mühsam. Gleichzeitig pflegt er eine umfangreiche Korrespondenz, vor allem mit Gorter, diskutiert und tauscht Gedenken aus. [23] Der Charakter seiner Arbeit ändert sich jedoch, als nach einer gewissen Zeit die Arbeiter wieder den Kampf aufnehmen – nicht weil sie das für schön halten, sondern weil sie, wie Pannekoek schon früher dargelegt hat [24] , dazu gezwungen werden –, und er sich in ihren Kampf einreiht.

In diesem Kampf verschwindet alles, was er in seiner Vergangenheit für wichtig gehalten hat. Die Parteien – die radikalen ebenso wie die reformistischen –, die Gewerkschaften, die politischen Führer, bisweilen verunglimpft, häufig noch angebetet, sie alle entfernen sich immer mehr von Proletariat, bewegen sich auf den ausgetretenen Pfaden einer Praxis, die in immer stärkeren Gegensatz zum Handeln der Arbeiter gerät.

Das wirkliche Auftreten der Arbeiter zeigt sich immer deutlicher darin, daß sie selbst ihre Kampfbeschlüsse fassen, daß sie selbst, und niemand anderes, die ganze Verantwortung dafür tragen, daß sie selbst ihren Kampf führen, statt geführt zu werden, daß sie selbst – und niemand anderes – darüber bestimmen, wie sie sich bei jedem neuen Zusammenstoß mit dem Kapital verhalten werden.

Die volle Bedeutung dieser Tatsache drängt sich Pannekoek nicht unmittelbar auf. [25] Sobald er sie verstanden hat, erkennt er mit scharfem Blick den Charakter künftiger Klassenkämpfe aus dem Bilde jener, die vor seinen Augen stattfinden. In dieser Weise, systematisierend und ordnend angesichts der verwirrenden Mannigfaltigkeit neuer Kampfformen, die einander scheinbar ohne jeglichen Zusammenhang folgen und ablösen, auf der Suche nach Ursachen und Wirkungen, kommt er dem auf die Spur, was ihnen bei all ihrer Verschiedenheit gemeinsam ist. Er deckt auch das auf, worin sie den spontan gebildeten Arbeiterräten der Vergangenheit ähneln. Er wirft damit neues Licht sowohl auf diese Räte als auch auf die äußerlich manchmal noch unscheinbaren, aus der Notwendigkeit geborenen Aktionsausschüsse der „wilden“ Streiks. Nicht zuletzt ermöglicht er dadurch einen anderen Einblick in die Grundfragen des Sozialismus und der Arbeitermacht.

Als Krönung seiner gesamten sozialwissenschaftlichen Arbeit ist dies der geistige Beitrag Pannekoeks zu der neuen Bewegung der Arbeiter, die aus den Verhältnissen des heutigen Kapitalismus unaufhaltsam emporsteigt. Er gibt ihr eine Theorie, deren Umrisse wir auf den vorhergehenden Seiten zu schildern versucht haben. Es ist dies nicht eine Theorie in der falschen Bedeutung des Wortes, daß sie eine „Lehre“ sei, die von der proletarischen Klasse zu verwirklichen wäre. „Der Kampf der Arbeiter“, bemerkt Pannekoek schon 1901, „wird nicht des Sieges einer Theorie wegen geführt, sondern er ist der Kampf um die Macht.“ [26] Weshalb das so ist, und was die neuen Organisationsformen bedeuten, die sich die Arbeiter in ihrer täglichen Praxis für diesen Kampf schaffen, das will er darlegen, das hält er den Kämpfenden wie in einem Spiegel vor Augen. Dabei ist ihm bewußt, daß sie die Antwort auf die Probleme, die vor ihnen liegen, weniger in diesem Spiegel finden werden als im Kampf selbst.

Denn nicht nach der Theorie richtet sich der Arbeiterkampf oder, wie auch der junge Pannekoek noch meinte, sollte er sich richten, sondern es ist umgekehrt: die Theorie, die einen wirklichen Beitrag zum besseren Verständnis der Gesellschaft liefern will, wird sich am Arbeiterkampf orientieren müssen. Er ist der Motor ihrer Entwicklung. Die Theorie zeigt nicht den Weg, sie kann nur erklären, welcher Weg eingeschlagen wird und warum.

Vielleicht drängt sich manchem die Frage auf, ob damit der Theorie nicht eine zu bescheidene Rolle zugeschrieben wird. Hatte schon Marx nicht behauptet, die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme darauf an, sie zu verändern? Wäre Pannekoek noch am Leben, so würde er wahrscheinlich antworten, daß Marx dies zwar tatsächlich gesagt hat, daß daraus aber keineswegs gefolgert werden soll oder kann – was dann auch bei Marx nirgends zu finden ist –, daß die Veränderung der Gesellschaft von den Philosophen bewirkt werden solle. Diese Aufgabe können sie nicht vollbringen; dazu ist nur die Arbeiterklasse imstande.

Einst, zu einer Zeit als von einer selbständigen Arbeiterklasse noch keine Rede war, appellierten die Reformisten an die Gefühle der Arbeiter, um sie gegen die, des „unpraktischen Dogmatismus“ verschrieenen, Kritiker des Reformismus zu mobilisieren. Kaum ein halbes Jahrhundert später hat sich dieser Sachverhalt vollkommen geändert. In der Praxis des Klassenkampfes hat eine neue Periode angefangen. Jetzt ist es Pannekoek, der dem instinktiven Handeln und Fühlen der proletarischen Massen die größte Bedeutung beimißt. Die modernen Erben des Reformismus aber haben daran keinerlei Interesse mehr. Diese Tatsache charakterisiert nicht nur die geschichtliche Entwicklung der Arbeiterbewegung, sie charakterisiert gleichermaßen die Entwicklung Anton Pannekoeks als eines sozialistischen Theoretikers.


 



Anmerkungen 

[1] Siehe Kapitel 2.

[2] Henriette Roland Holst – van der Schalk, „Revolutionaire massaaktie“, Rotterdam 1918, S. 1.

[3] „Bremer Bürgerzeitung“, 12. März 1910.

[4] Vgl. Karl Marx, „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“.

[5] Anton Pannekoek, „Het marxisme“, in der Reihe „Pro en Contra“, Baarn 1908, S. 17.

[6] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, a.a.O., S. 90 u. 57.

[7] Anton Pannekoek, „Atompolitiek“, in: „Wetenschap en samenleving“, Mai 1955, S. 63 f.

[8] P. Aartsz, a.a.O., S. 134.

[9] Ebd., S. 137.

[10] Ebd., S. 141.

[11] Ebd., S. 142.

[12] Ebd., S. 158.

[13] Ebd., S. 160.

[14] Ebd., S. 162.

[15] Ebd., S. 161.

[16] „Partij en arbeidersklasse“, „Persdienst van de Groep van internationale Comunisten“, 9. Jahrgang Nr. 12, Juli 1936, Nr. 2, S. 13. Der Aufsatz ist wie alle Artikel im Pressedienst der Internationalen Kommunisten anonym. In seinen „Herinneringen“ (S. 215 f.) teilt Pannekoek mit, daß er in seinen Exemplaren des Pressedienstes gelegentlich angezeichnet habe, welche Artikel von ihm stammten. Diese Exemplare sind, so schreibt er 1944, dem Archiv des Dr. Posthumus (dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte) übergeben und möglicherweise während der Besatzungszeit vernichtet worden oder verloren gegangen. Der Verfasser dieses Buches hat dem nicht nachgehen können. In Bezug auf die Urheberschaft des hier zitierten Artikels hat er jedoch keine Zweifel. Daß er von Pannekoek stammt, lassen nicht nur der Stil, sondern auch manche andere Einzelheiten mit Sicherheit vermuten. Der Artikel wurde außerdem auch in der „Rätekorrespondenz“ veröffentlicht; auch das weist auf Pannekoek als auf den Verfasser hin, denn er teilt auch mit, daß er auch für die „Rätekorrespondenz“ eine Reihe von Artikeln geschrieben habe. Denkbar ist, daß Pannekoek den Artikel zuerst in deutscher Sprache verfaßt und dann ins Holländische übersetzt hat; einige Passagen lassen dies vermuten.

[17] Pannekoek hatte sich dieser Partei nicht angeschlossen, weil er seinen Standpunkt noch nicht als geklärt ansah. („Herinneringen“, S. 208f.).

[18] „Proletarier“, Jahrgang 1921.

[19] Ebd., Jahrgang 1929.

[20] „Kommunistische Arbeiterzeitung“, Berlin, 8. Jahrgang 1927 Nr. 43.

[21] Ebd., 8. Jahrgang 1927 (Gedenkartikel zum Tode Gorters).

[22] Karl Horner, „Der Weg nach rechts“, K.A.Z., 23. Januar 1920, 2. Jahrgang Nr. 19.

[23] „Herinneringen“, S. 210 f. Pannekoek sagt hier, er habe in dieser Periode nicht viel Bedeutendes geschrieben. Ein sehr bescheidenes Urteil, das vom Verfasser nicht geteilt wird..

[24] „Das Proletariat“, schreibt Pannekoek am 25. Mai 1912 in der „Bremer Bürgerzeitung“, „kämpft nicht, weil es den Kampf liebt, sondern weil es keine andere Wahl hat.“ Es ist der erste Satz eines Artikels mit der Überschrift „Zu neuem Kampf“.

[25] Vgl. „Herinneringen“, S. 214 f.

[26] Anton Pannekoek, „De filosofie van Kant en het marxisme“, „De Nieuwe Tijd“, 1901, S. 549.

 


Cajo Brendel: Anton Pannekoek  -  Denker der Revolution
© ça ira - Verlag Freiburg 2001
ISBN: 3-924627-75-4
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