Die
Arbeiterräte
Als
Pannekoeks Werk über die Arbeiterräte 1946 erschien, erklärten die
holländischen Herausgeber in ihrem Vorwort, der Verfasser zeichne ein Bild von
hundert Jahren Arbeiterbewegung und fasse dabei zusammen, was aus den
Erfahrungen dieser Epoche sowohl für den aktuellen Kampf der proletarischen
Klasse als auch für dessen Zukunft gefolgert werden könne.
Wie
richtig diese Bemerkung über die Bedeutung der Pannekoekschen Arbeit für den
künftigen Arbeiterkampf ist, ergibt sich aus einem einzigen Beispiel. Pannekoek
setzt an einer Stelle auseinander, daß es unvermeidlich ist, daß jede
Entfaltung der Arbeitermacht und jeder Massenkampf den heftigsten Widerstand der
Herrschenden hervorruft, und er behandelt anschließend die Frage, ob die
Arbeiter in einem derartigen Kampfe eine Chance haben.
„Es
ist nicht wahr“, schreibt er, „daß bei einer gewaltsamen Unterdrückung
ihrer Organisationen alles verloren ist. Diese sind nur die äußerliche Form
dessen, was in ihrem Inneren lebt. ... In ihren Herzen bleibt dieselbe
Solidarität erhalten, ... dieselbe Hingabe wie zuvor, jetzt noch verstärkt,
weil sie höheren Ansprüchen ausgesetzt ist. Sie werden Formen zu finden
wissen, in denen diese sich äußern können. Wenn diese inneren Kräfte stark
genug sind, kann keine Gewalt von oben sie vernichten. Wenn die Arbeiter eine
Niederlage erleiden, dann deshalb, weil die Entmutigung sich ihrer bemächtigt.
Die Staatsmacht kann nicht Millionen zum Arbeiten zwingen. Sie kann Taten
verbieten und verhindern: Versammlung, Demonstration, Aktion; aber all das wirkt
nur als Mittel zur Einschüchterung, zum Zerbrechen der Einheit. Es hängt von
der inneren Kraft der Arbeiter ab, ob das gelingt. ohne Zweifel werden dabei die
höchsten Anforderungen an Mut und Charakter gestellt. Gerade dadurch aber
werden sie im höchsten Maße gehärtet, wie Stahl im Feuer.“
[1]
Mehr
als zehn Jahre, bevor es Wirklichkeit wurde, beschreibt Pannekoek hier in
allgemeinen Worten einen Prozeß, den man – fast genau so, wie er ihn
schildert – konkret während der Endphase der ungarischen Revolution von 1956
hat beobachten können. Die Gewalt der von Janos Kadar gerufenen russischen
Panzer vermochte den Widerstand der ungarischen Intellektuellen und
Mittelschichten zu brechen, nicht aber die Kraft der ungarischen Arbeiter. Viele
Tage, nachdem die bolschewistischen Truppen des General Iwan Serow am 4.
November die Regierung Imre Nagy ausgeschaltet hatten, war die Arbeit in Ungarn
noch immer nicht wieder aufgenommen. Die streikenden Arbeiter führten ihren
Kampf unerschrocken weiter. Ihnen gegenüber war Kadars konterrevolutionäres
Regime vollkommen machtlos. Es mangelte ihm an jeder wirklichen Autorität.
Monate später war der im Untergrund noch immer bestehende Zentrale Arbeiterrat
von Budapest zweifellos die einzige anerkannte Macht im Lande. Nicht mit den
Waffen, sondern erst mit Hilfe heimtückischer Methoden wurde die Auflösung
erreicht.
[2]
In
seinem Buch, das die potentielle Macht der Arbeiter mit großer Schärfe
aufzeigt, zieht Pannekoek tatsächlich die Bilanz der gesamten vorhergehenden
Periode, in der er unter großen Anstrengungen seine Ansichten entwickelte. Er
tut dies in einer für ihn äußerst charakteristischen Weise, das heißt: ein
Auge auf die Methode gerichtet, das andere auf die Praxis.
Von
der Methode ist zum Beispiel die Rede, wenn er feststellt, daß „die Theorie
niemals aus sich heraus Einsichten schaffen kann“, sondern „auf die
Erfahrung warten muß, um diese in Begriffen zusammenzufassen, zu erklären und
weitere Schlüsse daraus zu ziehen.“
[3]
Man erkennt hierin leicht das wieder, was wir schon öfter als
Pannekoeks Auffassung der wirklichen Aufgabe der gesellschaftlichen Forschung
beschrieben haben.
In
seinem Buch über die Arbeiterräte verbindet er damit den Schluß, daß die „faktische
Schwäche der Arbeiter und ihres Kampfes sich auch in der Schwäche der Theorie
zeigt.“ Wie das gemeint ist, erläutert er an Hand des Verlaufs der
Massenstreikdebatte. Vor dem ersten Weltkrieg schon waren auf der Grundlage der
bis dahin gemachten Erfahrungen die Wirkung und Bedeutung von Massenstreiks
erkannt. Mehr oder weniger massenhafte Streiks hatte es bereits gegeben; man
konnte also zu einer Einsicht über ihre weiteren Auswirkungen gelangen. Es
entstand eine schematische Vorstellung von der primitiven, unschuldigen Form des
Massenkampfes, die – wie sich zeigen sollte –der Wirklichkeit keineswegs
entsprach. Die damalige Diskussion blieb beschränkt. Dies mußte dazu führen,
daß der Gedankenaustausch damals ohne Ergebnis blieb.
An
anderer Stelle entwickelt Pannekoek den Gedanken noch einmal auf andere Weise.
Er erzählt dort
[4]
, daß Henriette Roland Holst auf Anregung von Karl Kautsky eine
Broschüre über die Frage des Generalstreiks schrieb.
[5]
Darin brachte sie einen historischen Überblick über die damaligen
Verhältnisse. Die Schrift fand viel Anerkennung, bis – ein gutes Jahr später
– Rosa Luxemburg aufgrund der Erfahrungen, die sie in der russischen
Revolution von 1905 gemacht hatte, ihre Schrift „Massenstreik, Partei und
Gewerkschaft“ veröffentlichte.
[6]
Kurz darauf stellte Franz Mehring in einem Gespräch fest, im
Vergleich hierzu sei die Broschüre von Henriette Roland Holst „eine
Wassersuppe“. Pannekoek hielt den harten Spruch für richtig. Die russische
Revolution von 1905 hatte ganz neue Formen des Massenstreiks gezeigt, die bis
dahin unbekannt gewesen waren. Nach der kühlen, nüchternen Analyse der alten
Formen durch Roland Holst wirkte Rosa Luxemburgs Broschüre „wie ein feuriger
Sturmwind, der die solide deutsche Arbeiterbewegung zu entzünden droht“. Mit
anderen Worten: was die eine Verfasserin (noch) nicht vermochte, das vermochte
wenig später die andere auf der Grundlage neuer Erfahrungen.
Selbstverständlich
läßt sich der enge Zusammenhang zwischen der Praxis des Kampfes und der Höhe
der Theorie an einem derartigen, ziemlich einfachen Beispiel leicht
demonstrieren. Schwieriger wird es, wenn man sich abstraktere Fragen ansieht,
wie jene der Akkumulation, die von Rosa Luxemburg, oder jene der Goldproduktion,
die zur gleichen Zeit (1912/13) von dem ungarischen, später russischen
Ökonomen Eugen Varga angeschnitten worden war. Aber auch diesbezüglich gilt
nach Pannekoek, daß die Unklarheit um so größer ist, je mehr die
Arbeiterbewegung in ihren Anfängen steht.
Mangelndes
Verständnis hierfür bringt den holländischen Schriftsteller Van Ravesteyn
dazu, die theoretische Verwirrung über eine Reihe von Problemen, die am
Vorabend des ersten Weltkriegs offenbar wird, der persönlichen Unfähigkeit der
Theoretiker zuzuschreiben.
[7]
Er betrachtet diejenigen, die in den Spalten der „Neuen Zeit“,
der „Bremer Bürgerzeitung“ oder der „Leipziger Volkszeitung“
miteinander streiten, als Leute, die es besser wissen sollten. Er hält die
Tatsache, daß es offenbar, Pannekoek eingeschlossen, niemand von ihnen genau
weiß, für ein ebenso unerfreuliches wie beschämendes Schauspiel. Daß
Pannekoek sich in der Frage der Goldproduktion mehr oder weniger der Auffassung
Kautskys anschließt, obgleich zwischen ihnen zugleich die schärfsten
Kontroversen über den Massenstreik, das Problem der Aufhebung des Staates und
den Kampf gegen den Imperialismus oder gegen das preußische
Dreiklassenwahlrecht bestehen, hält Van Ravesteyn für wunderlich. Es ist ihm
bekannt, daß Rosa Luxemburg nachdrücklich auf den engen Zusammenhang zwischen
dem theoretischen und dem praktischen Standpunkt hinweist. „Wie ist es nun?“
fragt er, „ist dieser Zusammenhang ein Märchen oder ist das theoretische
Chaos eine Folge dessen, daß die Theoretiker den Stoff nicht beherrschen, weil
es mit ihren theoretischen Fähigkeiten nicht so weit her ist?“
[8]
Siebzehn
Jahre früher hatte auch Pannekoek schon konstatiert, daß „die
Trennungslinien im praktischen und im theoretischen Kampf nicht (immer)
zusammenfallen“
[9]
. Das scheint zu dem engen Zusammenhang von Theorie und Praxis –
über den er genau so denkt wie Rosa Luxemburg – in Widerspruch zu stehen. Ihm
zufolge ist es jedoch ein vorläufiger Widerspruch, der aufgehoben wird, sobald
man in der Praxis mehr Material für allgemeine Schlußfolgerungen findet. Dann
werden die auf den ersten Blick so merkwürdigen Widersprüche verschwinden,
weil praktische und theoretische Differenzen sich decken werden.
Was
also Van Ravesteyn für einen Widerspruch hält, ist Pannekoek zufolge nicht
mehr als ein Paradox, das gerade aus der Verbindung von Theorie und Praxis
erklärt werden kann. Daß die Theoretiker es wissen „sollen“, ist ein
Gedanke, der niemandem einfallen kann, der die Dinge so betrachtet wie
Pannekoek. Die theoretische Verwirrung, die Van Ravesteyn „beschämend“
findet, ist für Pannekoek eine normale Sache.
[10]
Der möglichen Schlußfolgerung, daß die Schwäche der II.
Internationale der Verwirrung ihrer Theoretiker entspringt, steht Pannekoeks
Auffassung gegenüber, daß es sich in Wahrheit gerade umgekehrt verhält.
Bei
den Arbeiterräten verhält es sich natürlich ebenso wie bei den Massenstreiks
oder der – zu einem bestimmten Zeitpunkt – neuen Taktik der
Betriebsbesetzungen, von der Pannekoek bemerkt, daß sie „nicht von der
Theorie ausgedacht wurde, sondern durch die schaffende Tat entstand. Wie jede
Kampfweise der Arbeiter entsprang sie spontan aus den Verhältnissen; die
Theorie hat nachher zu versuchen, Ursache und Bedeutung darzulegen.“
[11]
Auch für die Räte trifft Goethes bekanntes Wort zu: „Im Anfang
war die Tat.“ Wie immer beim Handeln von Klassen oder Massen wird die
Bedeutung des Handelns erst nachträglich klar. Dem Begriff, dem Gedanken, eilt
die Tat voraus. Erst muß es eine Praxis der Arbeiterräte geben, ehe sie den
Gegenstand einer allgemeinen Betrachtung oder Abhandlung bilden können.
Daß
Pannekoek schließlich imstande ist, eine derartige Abhandlung zu schreiben,
verdankt er nicht zuletzt seinen Fähigkeiten in der Anwendung einer
durchdringenden Forschungsmethode. Aber auch sie ist nicht entscheidend.
Ausschlaggebend ist, daß die Quantität der praktischen Erfahrungen, der
Tatsachen, es ihm ermöglicht, ihre qualitative Bedeutung zu verstehen. Neben
diesem allgemeinen Zusammenhang von Theorie und Praxis besteht noch ein
besonderer Zusammenhang: der historische Umstand, daß die wirkliche Praxis der
Arbeiterräte gerade in Westeuropa stattfindet.
In
Rußland sind die Arbeiterräte zum ersten Male in der Geschichte aufgetreten.
Auf ihre Bedeutung weist Lenin – verbal – als einer der ersten hin. Aber
trotz dieses Lippenbekenntnisses nehmen die Bolschewiki die faktisch gar nicht
in das leninistische System hineinpassenden Arbeiterräte überhaupt nicht
ernst. Pannekoek nimmt sie ernst. Diese vollkommen gegensätzliche Einstellung
entspringt Pannekoeks Stellung als Westeuropäer. Sie ist eine Folge dessen,
daß die Arbeiterräte in Rußland zu einem Zeitpunkt entstanden, zu dem dieses
Land am Anfang seiner kapitalistischen Entwicklung stand und man folglich mit
Arbeiterräten nichts anzufangen wußte.
[12]
In
Westeuropa ist die Bildung von Arbeiterräten das Ergebnis einer langen
kapitalistischen Entwicklung, die den beständig mit ihr verbundenen, alles
andere als primitiven Klassenkampf vorantreibt. Demzufolge muß Pannekoek die
Bedeutung der Räte nicht nur besser, sondern auch anders verstehen als die
Bolschewiki. Er deckt den ganzen Prozeß auf. Dadurch gerade wird sein Werk
über die Arbeiterräte zu jener „historischen Zusammenfassung des
Arbeiterkampfes“, als die es bezeichnet worden ist.
Gezeigt
wird, daß die Arbeiterräte nicht nur
die Organe sind, die die Arbeiter dazu befähigen, die Produktionsmittel selbst
zu verwalten, sondern gleichzeitig die
Organe ihres täglichen Kampfes gegen das Kapital. Die Arbeiterräte bilden die
unentbehrliche Bedingung ihrer Herrschaft über die Betriebe, und sie sind
zugleich das Mittel zu ihrer Eroberung.
Pannekoek
sagt hierzu, daß diese Gleichzeitigkeit nicht so aufgefaßt werden darf wie
jene Gleichzeitigkeit beim Wiederaufbau der Stadtmauern von Jerusalem im
Altertum. Der erfolgte „mit dem Schwerte in der einen und der Kelle in der
anderen Hand“. Denn bei der kämpfenden Arbeiterklasse „sind Schwert und
Kelle eins. Der Aufbau und die Durchführung der Produktion durch die Arbeiter
selbst ist die schärfste, ja die einzig nachhaltige Waffe im Kampf gegen die
Bourgeoisie.“
[13]
Pannekoek
ist jedoch nicht nur der Meinung, daß die Bildung von Arbeiterräten
gleichzeitig ein Kampf gegen die herrschende Gesellschaftsordnung ist. Er sagt
auch, daß umgekehrt der tägliche Klassenkampf die Bildung von Arbeiterräten
nach sich zieht. Er hebt hervor, daß die sogenannten „wilden“, das heißt
inoffiziellen, von den Gewerkschaften nicht proklamierten oder sanktionierten
Streiks in ihren Kampfausschüssen Organe entwickeln, die sich von
Arbeiterräten nicht wesentlich unterscheiden. Er gibt keine konkreten Beispiele
an und drückt sich nur allgemein aus. Aber es wird trotzdem klar, daß er das
Tatsachenmaterial für sein Schlüsse in beträchtlichem Maße aus den Streiks
und Klassenkämpfen der dreißiger Jahre bezieht.
[14]
„Wenn“,
sagt er, „wilde Streiks in größerem Umfang ausbrechen, wenn sie große
Massen, ganze Industriezweige oder ganze Gegenden mitreißen, nimmt die
Organisation des Kampfes neue Formen an. Dann brauchen die Belegschaften der
verschiedenen Betriebe und die Arbeiter der verschiedenen Orte unaufhörlich
Kontakt untereinander, und dazu müssen Organe gebildet werden. Zu Beratung und
Besprechung kommen Ausschüsse von Abgeordneten der verschiedenen Betriebe
ständig zusammen. Diese Streikausschüsse haben einen ganz anderen Charakter
als Gewerkschaftsvorstände; sie tragen schon das Merkmal von Arbeiterräten.
Sie gehen unmittelbar aus dem Kampf selbst hervor, sie geben dem Ganzen Einheit
und eine Führung und sind doch keine Führer im herkömmlichen Sinne des
Wortes; sie haben nicht die geringste selbständige Macht. Sie tagen – oft
jedesmal andere Personen –, um die Meinung und den Willen jener Gruppen, von
denen sie entsandt wurden, zum Ausdruck zu bringen. Denn die Gruppe, die
Gemeinschaft, steht für die Taten, in denen sich dieser Wille manifestiert.
Dennoch sind sie keine passiven Laufburschen, sondern leidenschaftliche
Verfechter von Positionen, die zu formen sie selbst mitgeholfen haben. Sie haben
sich selbst mit vollem Einsatz an den Aktionen und Diskussionen beteiligt; in
ihnen konzentriert sich der Wille und die Überzeugung der Gruppen, die sie
schickten. In den Ausschußversammlungen werden diese Ansichten ausgetauscht und
es wird dort geprüft, inwieweit sie den immer sich ändernden Verhältnissen
des Kampfes entsprechen. Dort werden auch die Beschlüsse gefaßt, mit denen die
Abgeordneten zu ihren Gruppen zurückkehren. Durch sie als Zwischenpersonen
nehmen die Betriebsversammlungen selbst unausgesetzt, mittels Diskussion und
Aktion, intensiv Anteil an den Entscheidungen. So wird die Einheit des Handelns
und die Geschlossenheit bei der Aktion großer Massen gewährleistet; jedoch
auch wiederum nicht in der Weise, daß jede Gruppe sich gehorsam verbeugt,
sobald das Zentralkomitee gesprochen hat.“
[15]
„Die
Einheit mittels der gemeinsamen Arbeit“, so fährt Pannekoek fort, „wird
nicht realisiert in einer Atmosphäre rational ausgedachter Regelung der
Befugnisse, sondern in einer Arena der Aktion und des Kampfes, aus spontaner
Notwendigkeit. Die Arbeiter selbst haben schließlich zu entscheiden, nicht weil
sie in der Satzung als höchste Obrigkeit anerkannt werden, sondern weil sie
faktisch durch ihr Handeln, den Lauf der Dinge bestimmen. Es kann sich ereignen,
daß eine Betriebsgruppe nicht durch Argumentation, sondern durch die aktive Tat
ihre Auffassungen äußert und damit Andere mitreißt, die sie theoretisch sonst
nicht überzeugen könnten. Die Selbstbestimmung der Arbeiter über ihre
Kampfaktion ist keine theoretische Forderung, keine Vorschrift, die angibt, was
erwünscht ist, sondern eine Tatsache, die sich von selbst aus der Praxis
ergibt. In großen Kampfbewegungen ist es häufig vorgekommen – und wird noch
oft vorkommen – daß die Taten von den Beschlüssen abweichen.“
[16]
Am
anderer Stelle drückt Pannekoek diese allgemeinen Erfahrungen so aus: „In
Massenaktionen und Streiks treten die Arbeiter sofort in ihren natürlichen
Gliederungen auf, als Betriebsgruppen. Die Belegschaften der Betriebe formen die
Gruppen, die im Voraus schon durch Arbeit und Diskussion eine Einheit bilden und
vereint in den Streik treten. In den Streikausschüssen sammeln sich die
Abgeordneten der verschiedenen Betriebe zur Beratung. Sie bilden die
Arbeiterräte, die bei größerem Umfang und größerer Intensität der Kämpfe
in immer größerem Ausmaß ... die größtmögliche Einheit der Aktion
verbürgen und dadurch auch die Einheit der Ansichten, der Taktik, der Methoden
fördern, so daß die Beschlüsse und Ideen ohne Unterbrechung von ihnen aus in
die Betriebsversammlungen gelangen und die von dort ausgehenden Kampfimpulse in
den Räten gesammelt und geprüft werden. Wächst die Bewegung so kräftig an,
daß die Organe der Staatsmacht gelähmt werden ..., so müssen die Arbeiter die
öffentliche Ordnung aufrecht erhalten, den Fortgang des gesellschaftlichen
Lebens garantieren. Dafür bieten die Arbeiterräte wiederum die erforderliche
Einheit und den Zusammenhang. Die Arbeiterräte sind die natürliche
Organisationsform. der Arbeiterklasse in der Revolution. Je nach den
Fortschritten der Umwälzung wächst auch das Maß ihrer Aufgaben. Sie werden
von selbst zu den Organen, die beginnen, die Produktion zu regeln. Der Kampf,
die Revolution, schafft nicht nur den innerlichen Organisationsgeist, der den
Kitt der neuen Gesellschaft bildet, sondern er schafft auch die Organe, die
Organisationsform, die die neue Gesellschaft braucht.“
[17]
Und Pannekoek folgert: „Die Organisation ist die Bedingung für
den Kampf. Aber gerade dadurch ist die Organisation auch die Frucht des Kampfes.“
[18]
In
seinem Buch über die Arbeiterräte beschäftigt sich Pannekoek auch mit einer
Frage, mit der er sich schon früher, in seiner Schrift über die
philosophischen Grundlagen des Leninismus, auseinandergesetzt hat. Dort bemerkt
er am Schluß, daß der Bolschewismus, der mittels der von ihm geführten
Arbeiterklasse eine Schicht von Führern und Intellektuellen zur Herrschaft
bringen will, die dann mittels der Staatsmacht eine Planwirtschaft schaffen
sollen, nicht nur die Intellektuellen anzieht, sondern umgekehrt in ihnen seine
natürlichen Bundesgenossen erblickt.
[19]
Sie sind dazu bestimmt, einer neuen herrschenden Klasse
anzugehören. Das ist Pannekoek zufolge auch der Grund, warum Lenins Buch über
Materialismus und Empiriokritizismus sich insbesondere an die Intelligenz
richtet.
Weder
die Intellektuellen noch die Bolschewisten bilden eine ernstliche Bedrohung der
kapitalistischen Gesellschaft. Wenn aber der Kapitalismus infolge des
revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse einer wirklichen Gefahr ausgesetzt
ist, dann kann, Pannekoek zufolge, eine Front der Bolschewisten und
Intellektuellen zur Bedrohung der Arbeiter werden. Wenn sie die Macht ergreifen,
wird die Verwaltung der Produktionsmittel durch die Produzenten vereitelt. Dann
wird der Kapitalismus in seiner staatskapitalistischen Form auf Kosten der
privaten Unternehmensform gerettet, in die gerade die Gruppe der Intellektuellen
schon längst kein Vertrauen mehr setzt, ohne ihr Vertrauen aber den Arbeitern
selbst zu schenken.
Was
den Intellektuellen dabei im Wege steht, nämlich ihre besondere Stellung in der
Gesellschaft, untersucht Pannekoek näher, weil die Ansprüche der
Intellektuellen, „die sich als wohlmeinende Reformatoren der Arbeiterklasse
anschließen, ihre Kräfte in ihren Dienst stellen, Führerplätze besetzen, die
Umwälzung nach ihren Auffassungen in ihre Richtung zu lenken versuchen, ... bei
den Arbeitern entweder Mißtrauen in die eigene Kraft wecken oder verstärken,
sie entmutigen und damit schwächen und ihre klare Einsicht in das, was sie
selbst sind und tun müssen, verfinstern.“
[20]
Pannekoek
kritisiert „das bürgerliche Denken, das einen Gesellschaftszustand, in dem
die Arbeiter selbst als Herren ihre Arbeit regeln, ohne Führung von oben, nur
als ein Chaos auffassen kann“. „Die Intellektuellen“, sagt er, „glauben,
nur sie seien dazu befähigt und vorbestimmt, die Führung der Gesellschaft in
die Hand zu nehmen. ... Sie kennen ihre eigene Beschränktheit nicht... Zwar ist
der menschliche Geist das höchste Produkt der Natur ..., aber das bedeutet
nicht, daß die geistige Arbeit über die körperliche Arbeit herrschen muß.
Der Gegensatz von geistiger und körperlicher Arbeit stammt nicht aus der Natur,
sondern aus der Gesellschaft her, er ist kein wesentlicher und natürlicher
Gegensatz, sondern ein künstlicher Klassengegensatz.“
[21]
Eine neue Gesellschaft „kann nicht von Einzelnen, wie genial sie
auch seien, herbeigeführt werden“, sondern nur durch die Anstrengung der
Massen, und „damit wird jeder Existenzgrund für eine intellektuelle
Führerschaft hinfällig“. Das betreffende Kapitel beendet er mit den Worten:
„Wenn die Arbeiterklasse selbstbewußt ihre Kraft entfaltet, deren sie bedarf,
um ihres eigenen Schicksals Herr zu werden, widerlegt sie praktisch alle
theoretischen Einwendungen, die unter den Intellektuellen gegen die
Räteorganisation erhoben werden könnten.“
[22]
Ein
besonderes Kapitel der „Arbeiterräte“ widmet Pannekoek dem Nationalismus,
den er als „die eigentümlichste Ideologie der Bourgeoisie“ bezeichnet“
[23]
. Es ist eine Ideologie, gegen die er schon mehr als ein
Vierteljahrhundert zuvor ins Feld gezogen ist.
Als
1913 die Jahrhundertfeier der Leipziger Völkerschlacht bevorstand, als ganz
Deutschland in der Erinnerung an „die Befreiung von den napoleonischen Armeen“
schwelgte und auch die Parteipresse der biedermännischen Sozialdemokratie ihr
Scherflein beitrug, kritisierte Pannekoek in der „Bremer Bürgerzeitung“ den
bürgerlichen Rausch mit großer Schärfe. Er hielt eine „Leipzig-Gedenkfeier“
für ein Stück Nationalismus und bezeichnete sie als „eine Orgie des
Byzantinismus und der Geschichtsfälschung“. Dann führte er aus, daß jene
Ereignisse, die als „Völkerschlacht“
hingestellt werden, mit dem proletarischen Klassenkampf nichts zu schaffen
haben.
[24]
In
seinem Buch über die Arbeiterräte trägt Pannekoek seinen Standpunkt nochmals
vor. Er macht klar, daß die Arbeiterklasse, sobald sie revolutionär vorgeht,
sich vom Nationalismus befreien wird, daß ihre Organisation, ihre gegenseitige
und freiwillige Zusammenarbeit, nicht an den Landesgrenzen aufhört. Er legt
dar, daß das nicht-nationale Wesen der Arbeiterklasse etwas anderes bedeutet
als „Internationalismus“. Dieser kann auch eine friedliche Zusammenarbeit
der verschiedenen Nationen ausdrücken, „wie in einem imaginären
bürgerlichen Idealvölkerbund“. Aber „für die sich befreienden Arbeiter
sind die Nationen ganz verschwunden. ... Der Nationalismus verschwindet von der
Erde mit der Klasse, zu der er gehört.“
[25]
„Die
Arbeiterräte“ zeigt Anton Pannekoek nicht nur als Theoretiker, der aus dem
praktischen Verhalten der Arbeiter heraus zu allgemeinen Entwicklungsgesetzen
gelangt, sondern auch als Historiker nicht nur der Geschichte des
Klassenkampfes, sondern auch der des Kapitalismus. Er sagt, daß die „Bekanntschaft
mit dem Gegner, mit seinen Hilfsquellen mit und mit seinen Machtmitteln,
Bekanntschaft auch mit seinen Schwächen, erste Bedingung eines jeden Kampfes
ist“
[26]
. Dieser Auffassung verdankt der Leser fesselnde und bisweilen
mitreißende Seiten über die Entwicklung des Kapitalismus in England,
Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten, China und Japan.
Der
Abschnitt über „Die deutsche Bourgeoisie“ zum Beispiel ist ein
Musterbeispiel der historisch-materialistischen Analyse. Nicht angeborenen
Nationaleigenschaften schreibt er die Eigentümlichkeiten der deutschen
herrschenden Klasse zu, sondern dem Verlauf ihrer Geschichte seit dem Ausgang
des Mittelalters. „Als der Welthandel sich nach dem Atlantik verlegte, nach
Portugal, England und Holland, und sich aus Italien und Deutschland zurückzog,
verarmten die deutschen Kaufleute, verkümmerten Reichtum und wirtschaftliche
Spannkraft des Landes, in dem zwei Jahrhunderte hindurch machtlose Kleinbürger
und Bauern von Despoten und Junkern gemaßregelt wurden.“ Über das mit
großer Verspätung dann doch aufsteigende Bürgertum heißt es: „Die deutsche
Bourgeoisie wurde eingeklammert zwischen einer herrschenden Macht von Königtum,
adliger Beamtenregierung und Heer oben, der drohenden Arbeitermacht unten.“
[27]
Dann betont er, daß die verschiedenen wirtschaftlichen und
politischen Umstände, unter denen in den drei großen europäischen Ländern
der Kapitalismus aufstieg, der Bourgeoisie dieser Staaten einen
unterschiedlichen Charakter aufgeprägt haben. „Wie in England blieb in
Deutschland der Adel faktisch an der Regierung.“ Aber die englische
Bourgeoisie konnte sich dies erlauben, weil sie selbst in Wirklichkeit Herrin
des Landes war. Die deutsche Bourgeoisie mußte es erdulden, eben weit sie es
nicht war. Hierauf sind die auffallendsten Unterschiede zurückzuführen. Weiter
führt er aus, daß die charakteristischen Merkmale der deutschen Kapitalisten
es ihnen erleichterten, sich der modernen, monopolistischen Entwicklung mit
ihren nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik straff
disziplinierten Formen anzupassen, daß aber umgekehrt die wirtschaftliche
Machtentfaltung der deutschen Bourgeoisie die Selbständigkeit und das
unabhängige Denken der deutschen Arbeiterschaft bremste.
In
seinem Buch über die Arbeiterräte setzt Pannekoek sich nicht zum ersten Mal
mit der Geschichte auseinander. Er hatte schon früher historische Abhandlungen
verfaßt, z. B. den umfangreichen Aufsatz, den er 1916 über die englische
Chartistenbewegung veröffentlichte.
[28]
Er verdient Aufmerksamkeit, weil er für die Gesamtheit der
Pannekoekschen Auffassungen charakteristisch ist. So stellt er zum Beispiel
gleich eingangs fest, daß die Chartistenbewegung zu einem Zeitpunkt auftrat,
als es noch keinerlei Theorie gab. Der Marxismus entwickelt sich als solcher
erst aus der Praxis gerade dieser englischen Bewegung.
Zweitens
fällt auf, daß Pannekoek den Chartismus als eine im wesentlichen noch
bürgerliche Bewegung betrachtet, die – zusammen mit einer Reihe anderer
gesellschaftlicher Erscheinungen wie der Freihandelsbewegung und dem Owenismus
– zum Ausdruck bringt, daß „die Zeit für eine große proletarische
Revolution noch nicht reif war, daß England sich noch nicht am Ende, sondern
erst am schweren Beginn seiner kapitalistischen Entwicklung befand“
[29]
.
Daß
Marx und Engels in ihren Betrachtungen über den Chartismus der Sache nicht bis
auf diesen Grund gegangen sind, sondern an erster Stelle auf die gleichermaßen
unbestreitbare, hierzu keineswegs im Widerspruch stehende Tatsache hingewiesen
haben, daß der Chartismus auch die erste Massenbewegung des modernen
Industrieproletariats darstellt, ist vollkommen begreiflich. Es ging ihnen um
etwas anderes als Pannekoek. Sie bedienten sich des Beispiels des Chartismus
ihrer Tage, um mit dessen Hilfe die Klassennatur der modernen Gesellschaft
aufzuzeigen; Pannekoek blickt ein Dreivierteljahrhundert später aus einer Zeit
zurück, in der ihm der bürgerliche Charakter der alten, parlamentarischen
Arbeiterbewegung klar geworden ist. Mit seinen Aufsätzen über den Chartismus
schließt er endgültig die Periode ab, in der er sich von seinen Illusionen
befreit. Daß bei ihm die Entlarvung dieser Illusionen im Mittelpunkt steht, ist
unvermeidlich, weil er an einen Wendepunkt gekommen ist, an dem, wie er sagt,
„der neue Sozialismus der Arbeitermassen“ an die Tür klopft.
In
„Die Arbeiterräte“ weisen Pannekoeks historische Schilderungen einen ganz
anderen Charakter auf. Sie dienen auch als Illustration jener Warnung, die er
schon in seiner Schrift über „Weltrevolution und kommunistische Taktik“
ausgesprochen hatte, daß nämlich der Kapitalismus mächtiger ist, als es sich
die optimistischen politischen Idealisten vorzustellen vermögen. So deutlich
ihm die größere Macht des Feindes jedoch vor Augen steht, so scharf beobachtet
er auch innerhalb der veränderten Situation die Perspektiven des
Arbeiterkampfes. Das zeigt sich, wenn er über die Entwicklungstendenzen in
Großbritannien spricht. „Wenn politische Katastrophen die Weltmacht der
britischen Bourgeoisie untergraben, ihre Geldherrschaft erschüttern und die
Vorzugsstellung der britischen Arbeiterklasse vernichten, dann wird diese reif
für den Kampf um die Herrschaft über die Produktion. Dieser Kampf wird dann
... mehr als andernorts den Charakter nacheinander folgender Schritte tragen,
jeder von der praktischen Notwendigkeit des Augenblicks bestimmt. So wie nach
dem ersten Weltkrieg sich unter den englischen Arbeitern die
shop-steward-Bewegung entwickelte, die gegenseitige Beratung der
Betriebsabgeordneten, die sich hinter dem Rücken der Gewerkschaften die
gemeinsame Kampfaktion überlegten, oder die Propaganda des Gildensozialismus,
die von der eigenen Verwaltung der Unternehmen redete, so ist jetzt zu erwarten,
daß Arbeiterräte entstehen werden, wenn nicht als bewußtes neues System, so
doch aus dem unmittelbar praktisch empfundenen Bedürfnis heraus, und tastend
werden diese sich in der Praxis ihren Weg suchen.“
[30]
Kaum
zehn Jahre später zeigen sich während einer Reihe von „wilden“ Aktionen
der britischen Arbeiterschaft scharfe Gegensätze zwischen Bergarbeitern und
Transportarbeitern einerseits, den traditionellen Gewerkschaften andererseits.
Die Kluft, die die alten Organisationen von den Arbeitern trennt, ist breiter
und tiefer als je zuvor, aber der Weg zum selbsttätigen Handeln wird nur
zögernd eingeschlagen. Es herrscht die Illusion vor, andere Gewerkschaften mit
neuen Führern würden es besser machen als jene, die sich an die sogenannte
Labour-Regierung Clement Attlees anlehnen, an eine Regierung, die auf jede
soziale Unruhe, namentlich unter den Dockarbeitern, ausschließlich mit Truppen
zu antworten weiß.
[31]
Fast
fünf Jahre später aber haben die britischen Proletarier diese Illusion schon
wieder aufgegeben. Wieder zehn Jahre später – also fünfundzwanzig Jahre nach
der Niederschrift dieses Buches – bereitet die überhandnehmende Zahl der „wilden“
Streiks dem Ministerpräsidenten Harold Wilson und der Ministerin Barbara Castle
schlaflose Nächte. Die bisher immer so anständige britische
Gewerkschaftsbewegung wird von den Aktionen der inoffiziellen Kampfausschüsse
erschüttert.
Wenn
dann ein von den traditionellen Organisationen unabhängiges Blatt wie „Solidarity“
dieses Vorgehen der britischen Werktätigen eingehend und sachlich beschreibt,
so entsteht von selbst eine Prosa, die aus Pannekoeks Feder stammen könnte.
[1] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 70.
[2] Tatsachenmaterial u.a. bei Tibor Meray, „Thirteen days that shook the Kremlin“, London 1958, und bei George Mikes, „La révolution hongroise“, Paris 1957.
[3] P.Aartsz, „De Arbeidersraden“, S. 71.
[4] Anton Pannekoek, „Herinneringen“, S. 126 f.
[5] Henriette Roland Holst, „Generalstreik und Sozialdemokratie“, Berlin 1905.
[6] Rosa Luxemburg „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ – Die Broschüre erschien ursprünglich im Herbst des Jahres 1906.
[7]
Dr. W. van Ravesteyn, „Het
socialisme aan de vooravond van de wereldoorlog“, Band I, S. 357 f.
[8] Man könnte Anhänger dieser Denkweise fragen, ob denn in der Sozialwissenschaft die Höhe der theoretischen Entwicklung nicht immer übereinstimmt mit der Entwicklung der Gesellschaft. Hat Quesnay, der im agrarischen Frankreich des 18. Jahrhunderts lebte, nicht nur die Agrarproduzenten für eine „classe productive“ (das heißt für Mehrwertproduzenten) gehalten? Ricardo dagegen, im industriellen England, verkündet, daß auch das Gewerbe produktiv sei.
[9]
Anton Pannekoek, „De
ekonomische noodzakelijkheid van het imperialisme“, „De Nieuwe Tijd“,
1916, S. 269 f.
[10] Dr. Van Ravesteyn hat die Eigenart – auf die wir beiläufig bereits hingewiesen haben –, daß er Pannekoeks Irrtümer besonders vermerkt, obwohl er davon spricht, daß Kautsky, Varga und Karski sich nicht weniger irren. Daß übrigens Pannekoek sich in der Kontroverse über die Goldproduktion (und die Teuerung) hauptsächlich darauf beschränkt, eine – auch nach Van Ravesteyn besonders klare – Zusammenfassung zu geben (in der „Bremer Bürgerzeitung“ vom 5.3.1913), ist darauf zurückzuführen, daß Pannekoek keine Kenntnisse vorspiegelt, die er nicht besitzt.
[11] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 59.
[12] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 77.
[13] Ebd., S. 92.
[14] In den dreißiger Jahren erfolgten nicht nur die spektakulären Betriebsbesetzungen in Frankreich, Belgien, Spanien und der amerikanischen Automobilindustrie; es gab auch eine Anzahl kleinerer Betriebsbesetzungen, die weniger spektakulär, doch im wesentlichen gleich wichtig sind: in Großbritannien bei den Schiffswerften am Clyde; in Holland im Textilbetrieb von Bendien in Almelo und bei der Werft Wilton im Gebiet der Rheinmündung. Darüber hinaus gab es in diesen Jahren in Holland eine Reihe von Streiks, die in typischer Weise die von Pannekoek beschriebenen Züge tragen. Zum Beispiel im Textilgewerbe in Tilburg, bei den Blechfabriken in Krommenie, im Ijmuider Fischereigewerbe, bei der Spinnerei Spanjaard in Borne und bei der Arbeitsbeschaffung in Diever. Pannekoek kannte aus dem Pressedienst der Gruppe Internationaler Kommunisten, für den er selbst bisweilen Beiträge schrieb („Herinneringen“, S. 215 und 216), viele Einzelheiten. Man kann daraus folgern, daß er sein Anfang der vierziger Jahre geschriebenes Buch „Die Arbeiterräte“ nicht viel früher hätte schreiben können, als er es tatsächlich tat.
[15] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 56. – Hier liegt zum Beispiel der Grund, weshalb die Arbeiterräte zum zentralistischen System des Bolschewismus in Widerspruch stehen. Der angeführte Passus macht auch klar, weshalb während der Maistreiks 1968 in Frankreich Vertrauensleute der bolschewistischen Gewerkschaft CGT in der Hauptstelle der Versicherungsgesellschaft „Assurances Générales sur la Vie“ in der Pariser Richelieustraße die Telefonzentrale besetzt hielten, um zu verhindern, daß das Personal dieser Hauptstelle mit den Belegschaften der anderen Pariser Zweigstellen Kontakt aufnimmt. (Der Verfasser verdankt diese Information einem Belegschaftsmitglied der Lebensversicherungsgesellschaft).
[16] Am 9. November 1918 brachte die Belegschaft von Schwarzkopf in Berlin die Angestellten und Arbeiter der AEG mit einem Schlag zum Streiken, indem sie als streikende Gruppe massenhaft vor den Toren des AEG-Betriebs erschienen. Dies wird von Theodor Plievier in seiner auch später von ihm selbst nie übertroffenen Reportage „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“ beschrieben. In den dreißiger Jahren versuchte in der holländischen Provinz Drente eine Gruppe von Arbeitern der Arbeiterbeschaffung ohne Erfolg, eine andere Gruppe mittels primitiver Flugblätter zu einem Solidaritätsstreik zu bewegen. Als sie als Streikende an der anderen Arbeitsstelle erschienen, wurde die Arbeit innerhalb weniger Minuten niedergelegt.
[17] P.Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 91. – Hier liegt der Grund, warum sie beim ostdeutschen Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 überall spontan gebildet wurden.
[18] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 89.
[19] Anton Pannekoek, „Lenin als Philosoph“, S. 123 f.
[20] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 26.
[21] Ebd., S. 27 ff. – Man vergleiche hierzu die Ausführungen über „Die Entstehung des Menschen“ im XIII. Kapitel.
[22] P. Aartsz, a.a.O., S. 30.
[23] Ebd., S. 120.
[24] Der Aufsatz „Nachbetrachtung zur Völkerschlachtfeier“ erschien am 25. Oktober 1913. Er wurde auch in der „Leipziger Volkszeitung“ veröffentlicht. Er war keineswegs Pannekoeks erste Stellungnahme zu dieser Frage. Er erzählt, daß Franz Mehring gegen ihn polemisierte, da dieser gegenüber dem preußischen Militarismus und Absolutismus häufig frühbürgerliche Vorstellungen von „Demokratie“ und „Freiheit“ hervorgehoben hatte. Pannekoeks Auffassung hierzu unterscheidet sich deutlich von der des bekanntesten Historikers der deutschen Partei. Mit dem Pannekoekschen Satz: „Wer Leipzig feiern will, soll auch Sedan feiern“, wurde Mehring in seiner ganzen Denkart getroffen (vgl. „Herinneringen“, S. 174).
[25] P.Aartsz, a.a.O., S. 130 f.
[26] Ebd., S. 171.
[27] Ebd., S. 182 ff.
[28] Anton Pannekoek, „De Chartistenbeweging“, „De Nieuwe Tijd“, 1916, S. 554-571 und 680-694.
[29] Ebd., S. 688.
[30] P.Aartsz, a.a.O., S. 176.
[31]
Vgl.
u.a. „The Labour Government versus the Dockers“, „Solidarity Pamphlet“,
2. Auflage,
London 1966.
| Cajo Brendel: Anton
Pannekoek - Denker der Revolution © ça ira - Verlag Freiburg 2001 ISBN: 3-924627-75-4 www.isf-freiburg.org |
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