Die Arbeiterräte

 

Als Pannekoeks Werk über die Arbeiterräte 1946 erschien, erklärten die holländischen Herausgeber in ihrem Vorwort, der Verfasser zeichne ein Bild von hundert Jahren Arbeiterbewegung und fasse dabei zusammen, was aus den Erfahrungen dieser Epoche sowohl für den aktuellen Kampf der proletarischen Klasse als auch für dessen Zukunft gefolgert werden könne.

Wie richtig diese Bemerkung über die Bedeutung der Pannekoekschen Arbeit für den künftigen Arbeiterkampf ist, ergibt sich aus einem einzigen Beispiel. Pannekoek setzt an einer Stelle auseinander, daß es unvermeidlich ist, daß jede Entfaltung der Arbeitermacht und jeder Massenkampf den heftigsten Widerstand der Herrschenden hervorruft, und er behandelt anschließend die Frage, ob die Arbeiter in einem derartigen Kampfe eine Chance haben.

„Es ist nicht wahr“, schreibt er, „daß bei einer gewaltsamen Unterdrückung ihrer Organisationen alles verloren ist. Diese sind nur die äußerliche Form dessen, was in ihrem Inneren lebt. ... In ihren Herzen bleibt dieselbe Solidarität erhalten, ... dieselbe Hingabe wie zuvor, jetzt noch verstärkt, weil sie höheren Ansprüchen ausgesetzt ist. Sie werden Formen zu finden wissen, in denen diese sich äußern können. Wenn diese inneren Kräfte stark genug sind, kann keine Gewalt von oben sie vernichten. Wenn die Arbeiter eine Niederlage erleiden, dann deshalb, weil die Entmutigung sich ihrer bemächtigt. Die Staatsmacht kann nicht Millionen zum Arbeiten zwingen. Sie kann Taten verbieten und verhindern: Versammlung, Demonstration, Aktion; aber all das wirkt nur als Mittel zur Einschüchterung, zum Zerbrechen der Einheit. Es hängt von der inneren Kraft der Arbeiter ab, ob das gelingt. ohne Zweifel werden dabei die höchsten Anforderungen an Mut und Charakter gestellt. Gerade dadurch aber werden sie im höchsten Maße gehärtet, wie Stahl im Feuer.“ [1]

Mehr als zehn Jahre, bevor es Wirklichkeit wurde, beschreibt Pannekoek hier in allgemeinen Worten einen Prozeß, den man – fast genau so, wie er ihn schildert – konkret während der Endphase der ungarischen Revolution von 1956 hat beobachten können. Die Gewalt der von Janos Kadar gerufenen russischen Panzer vermochte den Widerstand der ungarischen Intellektuellen und Mittelschichten zu brechen, nicht aber die Kraft der ungarischen Arbeiter. Viele Tage, nachdem die bolschewistischen Truppen des General Iwan Serow am 4. November die Regierung Imre Nagy ausgeschaltet hatten, war die Arbeit in Ungarn noch immer nicht wieder aufgenommen. Die streikenden Arbeiter führten ihren Kampf unerschrocken weiter. Ihnen gegenüber war Kadars konterrevolutionäres Regime vollkommen machtlos. Es mangelte ihm an jeder wirklichen Autorität. Monate später war der im Untergrund noch immer bestehende Zentrale Arbeiterrat von Budapest zweifellos die einzige anerkannte Macht im Lande. Nicht mit den Waffen, sondern erst mit Hilfe heimtückischer Methoden wurde die Auflösung erreicht. [2]

In seinem Buch, das die potentielle Macht der Arbeiter mit großer Schärfe aufzeigt, zieht Pannekoek tatsächlich die Bilanz der gesamten vorhergehenden Periode, in der er unter großen Anstrengungen seine Ansichten entwickelte. Er tut dies in einer für ihn äußerst charakteristischen Weise, das heißt: ein Auge auf die Methode gerichtet, das andere auf die Praxis.

Von der Methode ist zum Beispiel die Rede, wenn er feststellt, daß „die Theorie niemals aus sich heraus Einsichten schaffen kann“, sondern „auf die Erfahrung warten muß, um diese in Begriffen zusammenzufassen, zu erklären und weitere Schlüsse daraus zu ziehen.“ [3] Man erkennt hierin leicht das wieder, was wir schon öfter als Pannekoeks Auffassung der wirklichen Aufgabe der gesellschaftlichen Forschung beschrieben haben.

In seinem Buch über die Arbeiterräte verbindet er damit den Schluß, daß die „faktische Schwäche der Arbeiter und ihres Kampfes sich auch in der Schwäche der Theorie zeigt.“ Wie das gemeint ist, erläutert er an Hand des Verlaufs der Massenstreikdebatte. Vor dem ersten Weltkrieg schon waren auf der Grundlage der bis dahin gemachten Erfahrungen die Wirkung und Bedeutung von Massenstreiks erkannt. Mehr oder weniger massenhafte Streiks hatte es bereits gegeben; man konnte also zu einer Einsicht über ihre weiteren Auswirkungen gelangen. Es entstand eine schematische Vorstellung von der primitiven, unschuldigen Form des Massenkampfes, die – wie sich zeigen sollte –der Wirklichkeit keineswegs entsprach. Die damalige Diskussion blieb beschränkt. Dies mußte dazu führen, daß der Gedankenaustausch damals ohne Ergebnis blieb.

An anderer Stelle entwickelt Pannekoek den Gedanken noch einmal auf andere Weise. Er erzählt dort [4] , daß Henriette Roland Holst auf Anregung von Karl Kautsky eine Broschüre über die Frage des Generalstreiks schrieb. [5] Darin brachte sie einen historischen Überblick über die damaligen Verhältnisse. Die Schrift fand viel Anerkennung, bis – ein gutes Jahr später – Rosa Luxemburg aufgrund der Erfahrungen, die sie in der russischen Revolution von 1905 gemacht hatte, ihre Schrift „Massenstreik, Partei und Gewerkschaft“ veröffentlichte. [6] Kurz darauf stellte Franz Mehring in einem Gespräch fest, im Vergleich hierzu sei die Broschüre von Henriette Roland Holst „eine Wassersuppe“. Pannekoek hielt den harten Spruch für richtig. Die russische Revolution von 1905 hatte ganz neue Formen des Massenstreiks gezeigt, die bis dahin unbekannt gewesen waren. Nach der kühlen, nüchternen Analyse der alten Formen durch Roland Holst wirkte Rosa Luxemburgs Broschüre „wie ein feuriger Sturmwind, der die solide deutsche Arbeiterbewegung zu entzünden droht“. Mit anderen Worten: was die eine Verfasserin (noch) nicht vermochte, das vermochte wenig später die andere auf der Grundlage neuer Erfahrungen.

Selbstverständlich läßt sich der enge Zusammenhang zwischen der Praxis des Kampfes und der Höhe der Theorie an einem derartigen, ziemlich einfachen Beispiel leicht demonstrieren. Schwieriger wird es, wenn man sich abstraktere Fragen ansieht, wie jene der Akkumulation, die von Rosa Luxemburg, oder jene der Goldproduktion, die zur gleichen Zeit (1912/13) von dem ungarischen, später russischen Ökonomen Eugen Varga angeschnitten worden war. Aber auch diesbezüglich gilt nach Pannekoek, daß die Unklarheit um so größer ist, je mehr die Arbeiterbewegung in ihren Anfängen steht.

Mangelndes Verständnis hierfür bringt den holländischen Schriftsteller Van Ravesteyn dazu, die theoretische Verwirrung über eine Reihe von Problemen, die am Vorabend des ersten Weltkriegs offenbar wird, der persönlichen Unfähigkeit der Theoretiker zuzuschreiben. [7] Er betrachtet diejenigen, die in den Spalten der „Neuen Zeit“, der „Bremer Bürgerzeitung“ oder der „Leipziger Volkszeitung“ miteinander streiten, als Leute, die es besser wissen sollten. Er hält die Tatsache, daß es offenbar, Pannekoek eingeschlossen, niemand von ihnen genau weiß, für ein ebenso unerfreuliches wie beschämendes Schauspiel. Daß Pannekoek sich in der Frage der Goldproduktion mehr oder weniger der Auffassung Kautskys anschließt, obgleich zwischen ihnen zugleich die schärfsten Kontroversen über den Massenstreik, das Problem der Aufhebung des Staates und den Kampf gegen den Imperialismus oder gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht bestehen, hält Van Ravesteyn für wunderlich. Es ist ihm bekannt, daß Rosa Luxemburg nachdrücklich auf den engen Zusammenhang zwischen dem theoretischen und dem praktischen Standpunkt hinweist. „Wie ist es nun?“ fragt er, „ist dieser Zusammenhang ein Märchen oder ist das theoretische Chaos eine Folge dessen, daß die Theoretiker den Stoff nicht beherrschen, weil es mit ihren theoretischen Fähigkeiten nicht so weit her ist?“ [8]

Siebzehn Jahre früher hatte auch Pannekoek schon konstatiert, daß „die Trennungslinien im praktischen und im theoretischen Kampf nicht (immer) zusammenfallen“ [9] . Das scheint zu dem engen Zusammenhang von Theorie und Praxis – über den er genau so denkt wie Rosa Luxemburg – in Widerspruch zu stehen. Ihm zufolge ist es jedoch ein vorläufiger Widerspruch, der aufgehoben wird, sobald man in der Praxis mehr Material für allgemeine Schlußfolgerungen findet. Dann werden die auf den ersten Blick so merkwürdigen Widersprüche verschwinden, weil praktische und theoretische Differenzen sich decken werden.

Was also Van Ravesteyn für einen Widerspruch hält, ist Pannekoek zufolge nicht mehr als ein Paradox, das gerade aus der Verbindung von Theorie und Praxis erklärt werden kann. Daß die Theoretiker es wissen „sollen“, ist ein Gedanke, der niemandem einfallen kann, der die Dinge so betrachtet wie Pannekoek. Die theoretische Verwirrung, die Van Ravesteyn „beschämend“ findet, ist für Pannekoek eine normale Sache. [10] Der möglichen Schlußfolgerung, daß die Schwäche der II. Internationale der Verwirrung ihrer Theoretiker entspringt, steht Pannekoeks Auffassung gegenüber, daß es sich in Wahrheit gerade umgekehrt verhält.

Bei den Arbeiterräten verhält es sich natürlich ebenso wie bei den Massenstreiks oder der – zu einem bestimmten Zeitpunkt – neuen Taktik der Betriebsbesetzungen, von der Pannekoek bemerkt, daß sie „nicht von der Theorie ausgedacht wurde, sondern durch die schaffende Tat entstand. Wie jede Kampfweise der Arbeiter entsprang sie spontan aus den Verhältnissen; die Theorie hat nachher zu versuchen, Ursache und Bedeutung darzulegen.“ [11] Auch für die Räte trifft Goethes bekanntes Wort zu: „Im Anfang war die Tat.“ Wie immer beim Handeln von Klassen oder Massen wird die Bedeutung des Handelns erst nachträglich klar. Dem Begriff, dem Gedanken, eilt die Tat voraus. Erst muß es eine Praxis der Arbeiterräte geben, ehe sie den Gegenstand einer allgemeinen Betrachtung oder Abhandlung bilden können.

Daß Pannekoek schließlich imstande ist, eine derartige Abhandlung zu schreiben, verdankt er nicht zuletzt seinen Fähigkeiten in der Anwendung einer durchdringenden Forschungsmethode. Aber auch sie ist nicht entscheidend. Ausschlaggebend ist, daß die Quantität der praktischen Erfahrungen, der Tatsachen, es ihm ermöglicht, ihre qualitative Bedeutung zu verstehen. Neben diesem allgemeinen Zusammenhang von Theorie und Praxis besteht noch ein besonderer Zusammenhang: der historische Umstand, daß die wirkliche Praxis der Arbeiterräte gerade in Westeuropa stattfindet.

In Rußland sind die Arbeiterräte zum ersten Male in der Geschichte aufgetreten. Auf ihre Bedeutung weist Lenin – verbal – als einer der ersten hin. Aber trotz dieses Lippenbekenntnisses nehmen die Bolschewiki die faktisch gar nicht in das leninistische System hineinpassenden Arbeiterräte überhaupt nicht ernst. Pannekoek nimmt sie ernst. Diese vollkommen gegensätzliche Einstellung entspringt Pannekoeks Stellung als Westeuropäer. Sie ist eine Folge dessen, daß die Arbeiterräte in Rußland zu einem Zeitpunkt entstanden, zu dem dieses Land am Anfang seiner kapitalistischen Entwicklung stand und man folglich mit Arbeiterräten nichts anzufangen wußte. [12]

In Westeuropa ist die Bildung von Arbeiterräten das Ergebnis einer langen kapitalistischen Entwicklung, die den beständig mit ihr verbundenen, alles andere als primitiven Klassenkampf vorantreibt. Demzufolge muß Pannekoek die Bedeutung der Räte nicht nur besser, sondern auch anders verstehen als die Bolschewiki. Er deckt den ganzen Prozeß auf. Dadurch gerade wird sein Werk über die Arbeiterräte zu jener „historischen Zusammenfassung des Arbeiterkampfes“, als die es bezeichnet worden ist.

Gezeigt wird, daß die Arbeiterräte nicht nur die Organe sind, die die Arbeiter dazu befähigen, die Produktionsmittel selbst zu verwalten, sondern gleichzeitig die Organe ihres täglichen Kampfes gegen das Kapital. Die Arbeiterräte bilden die unentbehrliche Bedingung ihrer Herrschaft über die Betriebe, und sie sind zugleich das Mittel zu ihrer Eroberung.

Pannekoek sagt hierzu, daß diese Gleichzeitigkeit nicht so aufgefaßt werden darf wie jene Gleichzeitigkeit beim Wiederaufbau der Stadtmauern von Jerusalem im Altertum. Der erfolgte „mit dem Schwerte in der einen und der Kelle in der anderen Hand“. Denn bei der kämpfenden Arbeiterklasse „sind Schwert und Kelle eins. Der Aufbau und die Durchführung der Produktion durch die Arbeiter selbst ist die schärfste, ja die einzig nachhaltige Waffe im Kampf gegen die Bourgeoisie.“ [13]

Pannekoek ist jedoch nicht nur der Meinung, daß die Bildung von Arbeiterräten gleichzeitig ein Kampf gegen die herrschende Gesellschaftsordnung ist. Er sagt auch, daß umgekehrt der tägliche Klassenkampf die Bildung von Arbeiterräten nach sich zieht. Er hebt hervor, daß die sogenannten „wilden“, das heißt inoffiziellen, von den Gewerkschaften nicht proklamierten oder sanktionierten Streiks in ihren Kampfausschüssen Organe entwickeln, die sich von Arbeiterräten nicht wesentlich unterscheiden. Er gibt keine konkreten Beispiele an und drückt sich nur allgemein aus. Aber es wird trotzdem klar, daß er das Tatsachenmaterial für sein Schlüsse in beträchtlichem Maße aus den Streiks und Klassenkämpfen der dreißiger Jahre bezieht. [14]

„Wenn“, sagt er, „wilde Streiks in größerem Umfang ausbrechen, wenn sie große Massen, ganze Industriezweige oder ganze Gegenden mitreißen, nimmt die Organisation des Kampfes neue Formen an. Dann brauchen die Belegschaften der verschiedenen Betriebe und die Arbeiter der verschiedenen Orte unaufhörlich Kontakt untereinander, und dazu müssen Organe gebildet werden. Zu Beratung und Besprechung kommen Ausschüsse von Abgeordneten der verschiedenen Betriebe ständig zusammen. Diese Streikausschüsse haben einen ganz anderen Charakter als Gewerkschaftsvorstände; sie tragen schon das Merkmal von Arbeiterräten. Sie gehen unmittelbar aus dem Kampf selbst hervor, sie geben dem Ganzen Einheit und eine Führung und sind doch keine Führer im herkömmlichen Sinne des Wortes; sie haben nicht die geringste selbständige Macht. Sie tagen – oft jedesmal andere Personen –, um die Meinung und den Willen jener Gruppen, von denen sie entsandt wurden, zum Ausdruck zu bringen. Denn die Gruppe, die Gemeinschaft, steht für die Taten, in denen sich dieser Wille manifestiert. Dennoch sind sie keine passiven Laufburschen, sondern leidenschaftliche Verfechter von Positionen, die zu formen sie selbst mitgeholfen haben. Sie haben sich selbst mit vollem Einsatz an den Aktionen und Diskussionen beteiligt; in ihnen konzentriert sich der Wille und die Überzeugung der Gruppen, die sie schickten. In den Ausschußversammlungen werden diese Ansichten ausgetauscht und es wird dort geprüft, inwieweit sie den immer sich ändernden Verhältnissen des Kampfes entsprechen. Dort werden auch die Beschlüsse gefaßt, mit denen die Abgeordneten zu ihren Gruppen zurückkehren. Durch sie als Zwischenpersonen nehmen die Betriebsversammlungen selbst unausgesetzt, mittels Diskussion und Aktion, intensiv Anteil an den Entscheidungen. So wird die Einheit des Handelns und die Geschlossenheit bei der Aktion großer Massen gewährleistet; jedoch auch wiederum nicht in der Weise, daß jede Gruppe sich gehorsam verbeugt, sobald das Zentralkomitee gesprochen hat.“ [15]

„Die Einheit mittels der gemeinsamen Arbeit“, so fährt Pannekoek fort, „wird nicht realisiert in einer Atmosphäre rational ausgedachter Regelung der Befugnisse, sondern in einer Arena der Aktion und des Kampfes, aus spontaner Notwendigkeit. Die Arbeiter selbst haben schließlich zu entscheiden, nicht weil sie in der Satzung als höchste Obrigkeit anerkannt werden, sondern weil sie faktisch durch ihr Handeln, den Lauf der Dinge bestimmen. Es kann sich ereignen, daß eine Betriebsgruppe nicht durch Argumentation, sondern durch die aktive Tat ihre Auffassungen äußert und damit Andere mitreißt, die sie theoretisch sonst nicht überzeugen könnten. Die Selbstbestimmung der Arbeiter über ihre Kampfaktion ist keine theoretische Forderung, keine Vorschrift, die angibt, was erwünscht ist, sondern eine Tatsache, die sich von selbst aus der Praxis ergibt. In großen Kampfbewegungen ist es häufig vorgekommen – und wird noch oft vorkommen – daß die Taten von den Beschlüssen abweichen.“ [16]

Am anderer Stelle drückt Pannekoek diese allgemeinen Erfahrungen so aus: „In Massenaktionen und Streiks treten die Arbeiter sofort in ihren natürlichen Gliederungen auf, als Betriebsgruppen. Die Belegschaften der Betriebe formen die Gruppen, die im Voraus schon durch Arbeit und Diskussion eine Einheit bilden und vereint in den Streik treten. In den Streikausschüssen sammeln sich die Abgeordneten der verschiedenen Betriebe zur Beratung. Sie bilden die Arbeiterräte, die bei größerem Umfang und größerer Intensität der Kämpfe in immer größerem Ausmaß ... die größtmögliche Einheit der Aktion verbürgen und dadurch auch die Einheit der Ansichten, der Taktik, der Methoden fördern, so daß die Beschlüsse und Ideen ohne Unterbrechung von ihnen aus in die Betriebsversammlungen gelangen und die von dort ausgehenden Kampfimpulse in den Räten gesammelt und geprüft werden. Wächst die Bewegung so kräftig an, daß die Organe der Staatsmacht gelähmt werden ..., so müssen die Arbeiter die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten, den Fortgang des gesellschaftlichen Lebens garantieren. Dafür bieten die Arbeiterräte wiederum die erforderliche Einheit und den Zusammenhang. Die Arbeiterräte sind die natürliche Organisationsform. der Arbeiterklasse in der Revolution. Je nach den Fortschritten der Umwälzung wächst auch das Maß ihrer Aufgaben. Sie werden von selbst zu den Organen, die beginnen, die Produktion zu regeln. Der Kampf, die Revolution, schafft nicht nur den innerlichen Organisationsgeist, der den Kitt der neuen Gesellschaft bildet, sondern er schafft auch die Organe, die Organisationsform, die die neue Gesellschaft braucht.“ [17] Und Pannekoek folgert: „Die Organisation ist die Bedingung für den Kampf. Aber gerade dadurch ist die Organisation auch die Frucht des Kampfes.“ [18]

In seinem Buch über die Arbeiterräte beschäftigt sich Pannekoek auch mit einer Frage, mit der er sich schon früher, in seiner Schrift über die philosophischen Grundlagen des Leninismus, auseinandergesetzt hat. Dort bemerkt er am Schluß, daß der Bolschewismus, der mittels der von ihm geführten Arbeiterklasse eine Schicht von Führern und Intellektuellen zur Herrschaft bringen will, die dann mittels der Staatsmacht eine Planwirtschaft schaffen sollen, nicht nur die Intellektuellen anzieht, sondern umgekehrt in ihnen seine natürlichen Bundesgenossen erblickt. [19] Sie sind dazu bestimmt, einer neuen herrschenden Klasse anzugehören. Das ist Pannekoek zufolge auch der Grund, warum Lenins Buch über Materialismus und Empiriokritizismus sich insbesondere an die Intelligenz richtet.

Weder die Intellektuellen noch die Bolschewisten bilden eine ernstliche Bedrohung der kapitalistischen Gesellschaft. Wenn aber der Kapitalismus infolge des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse einer wirklichen Gefahr ausgesetzt ist, dann kann, Pannekoek zufolge, eine Front der Bolschewisten und Intellektuellen zur Bedrohung der Arbeiter werden. Wenn sie die Macht ergreifen, wird die Verwaltung der Produktionsmittel durch die Produzenten vereitelt. Dann wird der Kapitalismus in seiner staatskapitalistischen Form auf Kosten der privaten Unternehmensform gerettet, in die gerade die Gruppe der Intellektuellen schon längst kein Vertrauen mehr setzt, ohne ihr Vertrauen aber den Arbeitern selbst zu schenken.

Was den Intellektuellen dabei im Wege steht, nämlich ihre besondere Stellung in der Gesellschaft, untersucht Pannekoek näher, weil die Ansprüche der Intellektuellen, „die sich als wohlmeinende Reformatoren der Arbeiterklasse anschließen, ihre Kräfte in ihren Dienst stellen, Führerplätze besetzen, die Umwälzung nach ihren Auffassungen in ihre Richtung zu lenken versuchen, ... bei den Arbeitern entweder Mißtrauen in die eigene Kraft wecken oder verstärken, sie entmutigen und damit schwächen und ihre klare Einsicht in das, was sie selbst sind und tun müssen, verfinstern.“ [20]

Pannekoek kritisiert „das bürgerliche Denken, das einen Gesellschaftszustand, in dem die Arbeiter selbst als Herren ihre Arbeit regeln, ohne Führung von oben, nur als ein Chaos auffassen kann“. „Die Intellektuellen“, sagt er, „glauben, nur sie seien dazu befähigt und vorbestimmt, die Führung der Gesellschaft in die Hand zu nehmen. ... Sie kennen ihre eigene Beschränktheit nicht... Zwar ist der menschliche Geist das höchste Produkt der Natur ..., aber das bedeutet nicht, daß die geistige Arbeit über die körperliche Arbeit herrschen muß. Der Gegensatz von geistiger und körperlicher Arbeit stammt nicht aus der Natur, sondern aus der Gesellschaft her, er ist kein wesentlicher und natürlicher Gegensatz, sondern ein künstlicher Klassengegensatz.“ [21] Eine neue Gesellschaft „kann nicht von Einzelnen, wie genial sie auch seien, herbeigeführt werden“, sondern nur durch die Anstrengung der Massen, und „damit wird jeder Existenzgrund für eine intellektuelle Führerschaft hinfällig“. Das betreffende Kapitel beendet er mit den Worten: „Wenn die Arbeiterklasse selbstbewußt ihre Kraft entfaltet, deren sie bedarf, um ihres eigenen Schicksals Herr zu werden, widerlegt sie praktisch alle theoretischen Einwendungen, die unter den Intellektuellen gegen die Räteorganisation erhoben werden könnten.“ [22]

Ein besonderes Kapitel der „Arbeiterräte“ widmet Pannekoek dem Nationalismus, den er als „die eigentümlichste Ideologie der Bourgeoisie“ bezeichnet“ [23] . Es ist eine Ideologie, gegen die er schon mehr als ein Vierteljahrhundert zuvor ins Feld gezogen ist.

Als 1913 die Jahrhundertfeier der Leipziger Völkerschlacht bevorstand, als ganz Deutschland in der Erinnerung an „die Befreiung von den napoleonischen Armeen“ schwelgte und auch die Parteipresse der biedermännischen Sozialdemokratie ihr Scherflein beitrug, kritisierte Pannekoek in der „Bremer Bürgerzeitung“ den bürgerlichen Rausch mit großer Schärfe. Er hielt eine „Leipzig-Gedenkfeier“ für ein Stück Nationalismus und bezeichnete sie als „eine Orgie des Byzantinismus und der Geschichtsfälschung“. Dann führte er aus, daß jene Ereignisse, die als „Völkerschlacht“ hingestellt werden, mit dem proletarischen Klassenkampf nichts zu schaffen haben. [24]

In seinem Buch über die Arbeiterräte trägt Pannekoek seinen Standpunkt nochmals vor. Er macht klar, daß die Arbeiterklasse, sobald sie revolutionär vorgeht, sich vom Nationalismus befreien wird, daß ihre Organisation, ihre gegenseitige und freiwillige Zusammenarbeit, nicht an den Landesgrenzen aufhört. Er legt dar, daß das nicht-nationale Wesen der Arbeiterklasse etwas anderes bedeutet als „Internationalismus“. Dieser kann auch eine friedliche Zusammenarbeit der verschiedenen Nationen ausdrücken, „wie in einem imaginären bürgerlichen Idealvölkerbund“. Aber „für die sich befreienden Arbeiter sind die Nationen ganz verschwunden. ... Der Nationalismus verschwindet von der Erde mit der Klasse, zu der er gehört.“ [25]

„Die Arbeiterräte“ zeigt Anton Pannekoek nicht nur als Theoretiker, der aus dem praktischen Verhalten der Arbeiter heraus zu allgemeinen Entwicklungsgesetzen gelangt, sondern auch als Historiker nicht nur der Geschichte des Klassenkampfes, sondern auch der des Kapitalismus. Er sagt, daß die „Bekanntschaft mit dem Gegner, mit seinen Hilfsquellen mit und mit seinen Machtmitteln, Bekanntschaft auch mit seinen Schwächen, erste Bedingung eines jeden Kampfes ist“ [26] . Dieser Auffassung verdankt der Leser fesselnde und bisweilen mitreißende Seiten über die Entwicklung des Kapitalismus in England, Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten, China und Japan.

Der Abschnitt über „Die deutsche Bourgeoisie“ zum Beispiel ist ein Musterbeispiel der historisch-materialistischen Analyse. Nicht angeborenen Nationaleigenschaften schreibt er die Eigentümlichkeiten der deutschen herrschenden Klasse zu, sondern dem Verlauf ihrer Geschichte seit dem Ausgang des Mittelalters. „Als der Welthandel sich nach dem Atlantik verlegte, nach Portugal, England und Holland, und sich aus Italien und Deutschland zurückzog, verarmten die deutschen Kaufleute, verkümmerten Reichtum und wirtschaftliche Spannkraft des Landes, in dem zwei Jahrhunderte hindurch machtlose Kleinbürger und Bauern von Despoten und Junkern gemaßregelt wurden.“ Über das mit großer Verspätung dann doch aufsteigende Bürgertum heißt es: „Die deutsche Bourgeoisie wurde eingeklammert zwischen einer herrschenden Macht von Königtum, adliger Beamtenregierung und Heer oben, der drohenden Arbeitermacht unten.“ [27] Dann betont er, daß die verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Umstände, unter denen in den drei großen europäischen Ländern der Kapitalismus aufstieg, der Bourgeoisie dieser Staaten einen unterschiedlichen Charakter aufgeprägt haben. „Wie in England blieb in Deutschland der Adel faktisch an der Regierung.“ Aber die englische Bourgeoisie konnte sich dies erlauben, weil sie selbst in Wirklichkeit Herrin des Landes war. Die deutsche Bourgeoisie mußte es erdulden, eben weit sie es nicht war. Hierauf sind die auffallendsten Unterschiede zurückzuführen. Weiter führt er aus, daß die charakteristischen Merkmale der deutschen Kapitalisten es ihnen erleichterten, sich der modernen, monopolistischen Entwicklung mit ihren nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik straff disziplinierten Formen anzupassen, daß aber umgekehrt die wirtschaftliche Machtentfaltung der deutschen Bourgeoisie die Selbständigkeit und das unabhängige Denken der deutschen Arbeiterschaft bremste.

In seinem Buch über die Arbeiterräte setzt Pannekoek sich nicht zum ersten Mal mit der Geschichte auseinander. Er hatte schon früher historische Abhandlungen verfaßt, z. B. den umfangreichen Aufsatz, den er 1916 über die englische Chartistenbewegung veröffentlichte. [28] Er verdient Aufmerksamkeit, weil er für die Gesamtheit der Pannekoekschen Auffassungen charakteristisch ist. So stellt er zum Beispiel gleich eingangs fest, daß die Chartistenbewegung zu einem Zeitpunkt auftrat, als es noch keinerlei Theorie gab. Der Marxismus entwickelt sich als solcher erst aus der Praxis gerade dieser englischen Bewegung.

Zweitens fällt auf, daß Pannekoek den Chartismus als eine im wesentlichen noch bürgerliche Bewegung betrachtet, die – zusammen mit einer Reihe anderer gesellschaftlicher Erscheinungen wie der Freihandelsbewegung und dem Owenismus – zum Ausdruck bringt, daß „die Zeit für eine große proletarische Revolution noch nicht reif war, daß England sich noch nicht am Ende, sondern erst am schweren Beginn seiner kapitalistischen Entwicklung befand“ [29] .

Daß Marx und Engels in ihren Betrachtungen über den Chartismus der Sache nicht bis auf diesen Grund gegangen sind, sondern an erster Stelle auf die gleichermaßen unbestreitbare, hierzu keineswegs im Widerspruch stehende Tatsache hingewiesen haben, daß der Chartismus auch die erste Massenbewegung des modernen Industrieproletariats darstellt, ist vollkommen begreiflich. Es ging ihnen um etwas anderes als Pannekoek. Sie bedienten sich des Beispiels des Chartismus ihrer Tage, um mit dessen Hilfe die Klassennatur der modernen Gesellschaft aufzuzeigen; Pannekoek blickt ein Dreivierteljahrhundert später aus einer Zeit zurück, in der ihm der bürgerliche Charakter der alten, parlamentarischen Arbeiterbewegung klar geworden ist. Mit seinen Aufsätzen über den Chartismus schließt er endgültig die Periode ab, in der er sich von seinen Illusionen befreit. Daß bei ihm die Entlarvung dieser Illusionen im Mittelpunkt steht, ist unvermeidlich, weil er an einen Wendepunkt gekommen ist, an dem, wie er sagt, „der neue Sozialismus der Arbeitermassen“ an die Tür klopft.

In „Die Arbeiterräte“ weisen Pannekoeks historische Schilderungen einen ganz anderen Charakter auf. Sie dienen auch als Illustration jener Warnung, die er schon in seiner Schrift über „Weltrevolution und kommunistische Taktik“ ausgesprochen hatte, daß nämlich der Kapitalismus mächtiger ist, als es sich die optimistischen politischen Idealisten vorzustellen vermögen. So deutlich ihm die größere Macht des Feindes jedoch vor Augen steht, so scharf beobachtet er auch innerhalb der veränderten Situation die Perspektiven des Arbeiterkampfes. Das zeigt sich, wenn er über die Entwicklungstendenzen in Großbritannien spricht. „Wenn politische Katastrophen die Weltmacht der britischen Bourgeoisie untergraben, ihre Geldherrschaft erschüttern und die Vorzugsstellung der britischen Arbeiterklasse vernichten, dann wird diese reif für den Kampf um die Herrschaft über die Produktion. Dieser Kampf wird dann ... mehr als andernorts den Charakter nacheinander folgender Schritte tragen, jeder von der praktischen Notwendigkeit des Augenblicks bestimmt. So wie nach dem ersten Weltkrieg sich unter den englischen Arbeitern die shop-steward-Bewegung entwickelte, die gegenseitige Beratung der Betriebsabgeordneten, die sich hinter dem Rücken der Gewerkschaften die gemeinsame Kampfaktion überlegten, oder die Propaganda des Gildensozialismus, die von der eigenen Verwaltung der Unternehmen redete, so ist jetzt zu erwarten, daß Arbeiterräte entstehen werden, wenn nicht als bewußtes neues System, so doch aus dem unmittelbar praktisch empfundenen Bedürfnis heraus, und tastend werden diese sich in der Praxis ihren Weg suchen.“ [30]

Kaum zehn Jahre später zeigen sich während einer Reihe von „wilden“ Aktionen der britischen Arbeiterschaft scharfe Gegensätze zwischen Bergarbeitern und Transportarbeitern einerseits, den traditionellen Gewerkschaften andererseits. Die Kluft, die die alten Organisationen von den Arbeitern trennt, ist breiter und tiefer als je zuvor, aber der Weg zum selbsttätigen Handeln wird nur zögernd eingeschlagen. Es herrscht die Illusion vor, andere Gewerkschaften mit neuen Führern würden es besser machen als jene, die sich an die sogenannte Labour-Regierung Clement Attlees anlehnen, an eine Regierung, die auf jede soziale Unruhe, namentlich unter den Dockarbeitern, ausschließlich mit Truppen zu antworten weiß. [31]

Fast fünf Jahre später aber haben die britischen Proletarier diese Illusion schon wieder aufgegeben. Wieder zehn Jahre später – also fünfundzwanzig Jahre nach der Niederschrift dieses Buches – bereitet die überhandnehmende Zahl der „wilden“ Streiks dem Ministerpräsidenten Harold Wilson und der Ministerin Barbara Castle schlaflose Nächte. Die bisher immer so anständige britische Gewerkschaftsbewegung wird von den Aktionen der inoffiziellen Kampfausschüsse erschüttert.

Wenn dann ein von den traditionellen Organisationen unabhängiges Blatt wie „Solidarity“ dieses Vorgehen der britischen Werktätigen eingehend und sachlich beschreibt, so entsteht von selbst eine Prosa, die aus Pannekoeks Feder stammen könnte.



Anmerkungen 

[1] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 70.

[2] Tatsachenmaterial u.a. bei Tibor Meray, „Thirteen days that shook the Kremlin“, London 1958, und bei George Mikes, „La révolution hongroise“, Paris 1957.

[3] P.Aartsz, „De Arbeidersraden“, S. 71.

[4] Anton Pannekoek, „Herinneringen“, S. 126 f.

[5] Henriette Roland Holst, „Generalstreik und Sozialdemokratie“, Berlin 1905.

[6] Rosa Luxemburg „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ – Die Broschüre erschien ursprünglich im Herbst des Jahres 1906.

[7] Dr. W. van Ravesteyn, „Het socialisme aan de vooravond van de wereldoorlog“, Band I, S. 357 f.

[8] Man könnte Anhänger dieser Denkweise fragen, ob denn in der Sozialwissenschaft die Höhe der theoretischen Entwicklung nicht immer übereinstimmt mit der Entwicklung der Gesellschaft. Hat Quesnay, der im agrarischen Frankreich des 18. Jahrhunderts lebte, nicht nur die Agrarproduzenten für eine „classe productive“ (das heißt für Mehrwertproduzenten) gehalten? Ricardo dagegen, im industriellen England, verkündet, daß auch das Gewerbe produktiv sei.

[9] Anton Pannekoek, „De ekonomische noodzakelijkheid van het imperialisme“, „De Nieuwe Tijd“, 1916, S. 269 f.

[10] Dr. Van Ravesteyn hat die Eigenart – auf die wir beiläufig bereits hingewiesen haben –, daß er Pannekoeks Irrtümer besonders vermerkt, obwohl er davon spricht, daß Kautsky, Varga und Karski sich nicht weniger irren. Daß übrigens Pannekoek sich in der Kontroverse über die Goldproduktion (und die Teuerung) hauptsächlich darauf beschränkt, eine – auch nach Van Ravesteyn besonders klare – Zusammenfassung zu geben (in der „Bremer Bürgerzeitung“ vom 5.3.1913), ist darauf zurückzuführen, daß Pannekoek keine Kenntnisse vorspiegelt, die er nicht besitzt.

[11] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 59.

[12] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 77.

[13] Ebd., S. 92.

[14] In den dreißiger Jahren erfolgten nicht nur die spektakulären Betriebsbesetzungen in Frankreich, Belgien, Spanien und der amerikanischen Automobilindustrie; es gab auch eine Anzahl kleinerer Betriebsbesetzungen, die weniger spektakulär, doch im wesentlichen gleich wichtig sind: in Großbritannien bei den Schiffswerften am Clyde; in Holland im Textilbetrieb von Bendien in Almelo und bei der Werft Wilton im Gebiet der Rheinmündung. Darüber hinaus gab es in diesen Jahren in Holland eine Reihe von Streiks, die in typischer Weise die von Pannekoek beschriebenen Züge tragen. Zum Beispiel im Textilgewerbe in Tilburg, bei den Blechfabriken in Krommenie, im Ijmuider Fischereigewerbe, bei der Spinnerei Spanjaard in Borne und bei der Arbeitsbeschaffung in Diever. Pannekoek kannte aus dem Pressedienst der Gruppe Internationaler Kommunisten, für den er selbst bisweilen Beiträge schrieb („Herinneringen“, S. 215 und 216), viele Einzelheiten. Man kann daraus folgern, daß er sein Anfang der vierziger Jahre geschriebenes Buch „Die Arbeiterräte“ nicht viel früher hätte schreiben können, als er es tatsächlich tat.

[15] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 56. – Hier liegt zum Beispiel der Grund, weshalb die Arbeiterräte zum zentralistischen System des Bolschewismus in Widerspruch stehen. Der angeführte Passus macht auch klar, weshalb während der Maistreiks 1968 in Frankreich Vertrauensleute der bolschewistischen Gewerkschaft CGT in der Hauptstelle der Versicherungsgesellschaft „Assurances Générales sur la Vie“ in der Pariser Richelieustraße die Telefonzentrale besetzt hielten, um zu verhindern, daß das Personal dieser Hauptstelle mit den Belegschaften der anderen Pariser Zweigstellen Kontakt aufnimmt. (Der Verfasser verdankt diese Information einem Belegschaftsmitglied der Lebensversicherungsgesellschaft).

[16] Am 9. November 1918 brachte die Belegschaft von Schwarzkopf in Berlin die Angestellten und Arbeiter der AEG mit einem Schlag zum Streiken, indem sie als streikende Gruppe massenhaft vor den Toren des AEG-Betriebs erschienen. Dies wird von Theodor Plievier in seiner auch später von ihm selbst nie übertroffenen Reportage „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“ beschrieben. In den dreißiger Jahren versuchte in der holländischen Provinz Drente eine Gruppe von Arbeitern der Arbeiterbeschaffung ohne Erfolg, eine andere Gruppe mittels primitiver Flugblätter zu einem Solidaritätsstreik zu bewegen. Als sie als Streikende an der anderen Arbeitsstelle erschienen, wurde die Arbeit innerhalb weniger Minuten niedergelegt.

[17] P.Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 91. – Hier liegt der Grund, warum sie beim ostdeutschen Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 überall spontan gebildet wurden.

[18] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 89.

[19] Anton Pannekoek, „Lenin als Philosoph“, S. 123 f.

[20] P. Aartsz, „De arbeidersraden“, S. 26.

[21] Ebd., S. 27 ff. – Man vergleiche hierzu die Ausführungen über „Die Entstehung des Menschen“ im XIII. Kapitel.

[22] P. Aartsz, a.a.O., S. 30.

[23] Ebd., S. 120.

[24] Der Aufsatz „Nachbetrachtung zur Völkerschlachtfeier“ erschien am 25. Oktober 1913. Er wurde auch in der „Leipziger Volkszeitung“ veröffentlicht. Er war keineswegs Pannekoeks erste Stellungnahme zu dieser Frage. Er erzählt, daß Franz Mehring gegen ihn polemisierte, da dieser gegenüber dem preußischen Militarismus und Absolutismus häufig frühbürgerliche Vorstellungen von „Demokratie“ und „Freiheit“ hervorgehoben hatte. Pannekoeks Auffassung hierzu unterscheidet sich deutlich von der des bekanntesten Historikers der deutschen Partei. Mit dem Pannekoekschen Satz: „Wer Leipzig feiern will, soll auch Sedan feiern“, wurde Mehring in seiner ganzen Denkart getroffen (vgl. „Herinneringen“, S. 174).

[25] P.Aartsz, a.a.O., S. 130 f.

[26] Ebd., S. 171.

[27] Ebd., S. 182 ff.

[28] Anton Pannekoek, „De Chartistenbeweging“, „De Nieuwe Tijd“, 1916, S. 554-571 und 680-694.

[29] Ebd., S. 688.

[30] P.Aartsz, a.a.O., S. 176.

[31] Vgl. u.a. „The Labour Government versus the Dockers“, „Solidarity Pamphlet“, 2. Auflage, London 1966.

 


Cajo Brendel: Anton Pannekoek  -  Denker der Revolution
© ça ira - Verlag Freiburg 2001
ISBN: 3-924627-75-4
www.isf-freiburg.org

The Council Communist Archive
www.kurasje.org