Kritik der Sozialisierung, des Staatssozialismus und der Arbeiterkontrolle

Die theoretischen Argumente, die Pannekoek seit 1920 gegen den Bolschewismus ins Feld führt, gründen sich auf die Kampferfahrungen der Arbeiter. Umgekehrt aber ermöglichen es ihm die Erfahrungen der russischen Revolution, das Wesen des proletarischen Klassenkampfes besser zu verstehen. Mit der Einsicht, daß die Umwälzung in Rußland keine proletarische Revolution ist, schärft sich gleichzeitig sein Blick dafür, was die proletarische Revolution im Gegensatz dazu ist; seine Schlußfolgerung, daß in Rußland von Sozialismus keine Rede sein kann, führt ihn zu einem besseren Verständnis dessen, was man unter Sozialismus zu verstehen hat: nämlich etwas ganz anderes, als von der Sozialdemokratie und auch ihrem radikalsten Flügel – dem er selbst angehörte – je darunter verstanden wurde.

Hand in Hand mit dieser Einsicht entwickeln sich bei ihm viel klarere Vorstellungen über das Wesen des Kapitalismus. Das ist für jeden eine Selbstverständlichkeit, der sich bewußt wird, daß der Sozialismus nicht nur ein Gesellschaftszustand ist, der sich aus den bestehenden Produktionsverhältnissen vermittels der Revolution der Arbeiter heraus entwickeln muß, sondern zugleich eine Gesellschaftsauffassung, eine Kritik an der herrschenden Produktionsweise, die durch die Vorstellungen über das Wesen des Sozialismus bestimmt wird. Gerade an Pannekoeks theoretischer Entwicklung läßt sich dies recht klar erläutern.

In einem Aufsatz aus dem Jahre 1921 sagt er, daß Rußland zwar „nicht kommunistisch ist in dem Sinne eines Landes mit kommunistischer Produktionsweise“ [1] ; doch im gleichen Aufsatz behauptet er, daß die „Ausbeutung durch das Kapital dort aufgehoben“ sei. [2] Es ist dies ein Urteil, das er schon bald darauf zurückgenommen hat, das jedoch in dem Moment, in dem er es ausspricht, auf die alte sozialdemokratische Auffassung zurückgeht, daß der Kapitalismus erledigt sei, wenn nur das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft und die Kapitalisten als Klasse verschwanden seien.

Dennoch muß festgestellt werden, daß sich Pannekoeks Gedanken natürlich deutlich von jenen unterscheiden, die man bei den meisten Sozialdemokraten jener Zeit antrifft, wenn sie von „Sozialisierung“ reden. Daß Pannekoek nicht zu den Reformisten vom Typus Ebert und Scheidemann gehört, die die „Sozialisierung“ in Deutschland zu einer Phrase machten, ist von vornherein klar. Aber ebensowenig gehört er zum Typus der Otto Bauer oder Karl Renner in Österreich, die zwar keine Wortkrämer sind und die Sozialisierung nach dem ersten Weltkrieg durchzusetzen versuchen. Sie jedoch hegen die Illusion, eine „juristische Enteignung“ mit Schadensersatz für die früheren Eigentümer sei ein Mittel zur Erreichung des „sozialistischen Ziels“.

In einem Aufsatz über „Sozialisierung“, den er 1919 in „De Nieuwe Tijd“ veröffentlicht, zeigt Pannekoek – nachdem er festgestellt hat, daß Marx niemals von „Sozialisierung“ sprach – den Unterschied zwischen dieser „juristischen Enteignung“ und der von ihm so genannten „wirtschaftlichen Enteignung“ auf. Die erste ist seiner Ansicht nach als „eine rein-kapitalistische Enteignung, die den Arbeitern keine wesentliche Änderung bringt“, zu kennzeichnen. Es „muß den früheren Eigentümern Zins bezahlt werden; die Arbeiter bleiben Mehrwertproduzenten, obgleich man dafür vielleicht einen neuen Namen erfunden hat. Die Ausbeutung besteht in vollem Umfang weiter.“ Eine derartige „Sozialisierung“, sagt Pannekoek, „ersetzt den Privatkapitalismus durch den Staatskapitalismus, das heißt: der Staat unternimmt es, den Mehrwert aus den Arbeitern zu pressen und ihn den Kapitalbesitzern daheim zuzuleiten.“ [3] „Der Staat geht als der einzige große Arbeitgeber und Ausbeuter vor.“ [4]

Für Pannekoek verhalten sich „die Aufhebung des kapitalistischer Eigentums und die Aufhebung der Ausbeutung nicht wie Mittel und Ziel, nicht wie vorhergehende Maßnahme zu der ihr entsprechenden Folge. Sie sind ein und dasselbe“ [5] , nicht voneinander zu trennen. Aus diesem Grunde betont er den anderen Inhalt der „wirtschaftlichen Enteignung“. Die Quelle des Mehrwerts, die Ausbeutung, ist dabei trockengelegt, was „die politische Herrschaft der Arbeiter voraussetzt. ... Das Recht auf Ausbeutung wird nicht mehr anerkannt und die Aufhebung des Kapitalprofits ist wirtschaftlich gleich der Konfiskation des Kapitals.“ [6]

Es wird hier – mit einer Reihe glänzender Argumente, die hier nicht alle wiedergegeben werden können – nicht nur gegen Otto Bauer polemisiert. Dessen Grundgedanken sind keinesfalls als persönliche Abweichung zu betrachten, sondern es wird der ganze „Sozialisierungsgedanke“ angegriffen, wie er damals in der offiziellen Sozialdemokratie herrscht. Pannekoek nennt ihre „Sozialisierung“ „die Festnagelung der alten proletarischen Sklaverei durch gesetzliche Verewigung des alten Kapitalzinses, das heißt „den juristischen Ausdruck der politischen Tatsache, daß die Arbeiter nur dem Scheine nach Herr im Hause sind“ [7] . Pannekoek wendet sich jedoch nicht deshalb gegen die Auffassung der Russen, weil sie nicht die „Sozialisierung“ mit Schadensersatz durchgeführt hätten. Im Gegenteil sie haben ja, wie Pannekoek feststellt, „die Verneinung jedes Rechts auf Ausbeutung durch das Kapital“ proklamiert. Er nennt das im Jahre 1919 „die Kodifikation der Ergebnisse der neuen proletarischen Macht“ [8] .

Die russische Erfahrung lehrt jedoch, daß die formelle Verneinung des „Rechts auf Ausbeutung“ an sich keinerlei reale Bedeutung in sich trägt; daß trotzdem, und sogar dann, wenn kein Zins an das alte Kapital bezahlt wird, von Ausbeutung die Rede sein kann, so daß dadurch ein neues Kapitalverhältnis durchaus nicht ausgeschlossen wird. [9]

Später, mit der russischen Wirklichkeit vor Augen, war die Erklärung einfach. Für die Bolschewiki, die Exponenten einer politischen Umwälzung, sind alle Fragen der Revolution entweder politische oder organisatorische Probleme. Was sie – aus bereits erwähnten Gründen – eine „proletarische Revolution“ nennen, ist nicht die Schaffung neuer Produktionsverhältnisse, das heißt neuer Verhältnisse der Produzenten untereinander und zwischen ihnen und dem gesellschaftlichen Produkt, sondern die einer neuen politischen Situation. An die Stelle der zaristischen Macht tritt die Macht der bolschewistischen Partei. Die Herrschaft über die Produktion fällt nicht den Arbeitern zu, sondern dem Obersten Wirtschaftsrat als einem der Exekutivorgane des Bolschewismus. Insofern die russischen Arbeiter – im damaligen, hauptsächlich noch agrarischen Rußland noch verhältnismäßig wenig an der Zahl und damit auch noch zu schwach, um ihren Willen durchzusetzen – infolge ihrer spontan gebildeten Räte schon ein gewisses Maß an Herrschaft über die Produktion erobert hatten, wird sie ihnen wieder genommen. Innerhalb weniger Monate nach der Machtübernahme der Bolschewiki werden die Sowjets entmachtet, weil sie den bolschewistischen politischen Auffassungen nicht entsprechen. [10]

Dort aber, wo die Arbeiter nicht die Herren der Produktion sind, dort sind sie auch nicht die Herren der Produkte. In einer derartigen Gesellschaft verfügen sie bloß über ihre Arbeitskraft. Die einzige Möglichkeit, über andere Güter zu verfügen, besteht für sie darin, sie gegen ihre Arbeitskraft einzutauschen. In einem derartigen Austauschprozeß werden verschiedenartige Produkte unter bestimmten Verhältnissen einander gleichgesetzt und damit in Waren verwandelt. Dann schafft der Warenverkehr selbst das Bedürfnis nach einer allgemeinen Ware – dem Geld –, in dem der (Tausch)Wert aller übrigen Waren ausgedrückt wird. In der Warenwirtschaft ist das Geld eine unvermeidliche Erscheinungsform. [11]

Der Austausch der Ware Arbeitskraft gegen andere Waren auf dem Umweg über die Ware Geld, das heißt mittels des Lohnes, bedeutet, daß der Arbeiter Lohnarbeiter ist, daß er den Tauschwert seiner Arbeitskraft empfängt, daß er Mehrwert produziert, mehr Wert nämlich als den Wert seiner eigenen Arbeitskraft. Diese Tatsache kann nicht durch eine Politik der Inflation, wie sie die Bolschewiki anfangs betrieben, aus der Welt geschafft werden. [12] Versuche, das Geld mittels Inflation oder sonstiger Methoden bei gleichzeitiger Erhaltung der Warenproduktion abzuschaffen, sind zum Scheitern verurteilt. Deshalb verspottete bereits Marx derartige Bestrebungen, indem er anmerkte, man könne ebenso gut den Papst abschaffen und den Katholizismus bestehen lassen. [13] Die Probe aufs Exempel liegt darin, daß in Rußland die Quelle des Mehrwerts nicht – wie Pannekoek 1919 noch glaubte – trockengelegt wurde, sondern im Gegenteil weiterhin sehr sprudelte. Das enthält einen Widerspruch in sich, den Klassenwiderspruch, der auch keineswegs verborgen bleibt.

Auf dem XI. Parteitag der Bolschewiki (März/April 1922) wurde in einer Resolution festgestellt, „die unwiderstehliche Notwendigkeit zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur Herstellung einer Rentabilität aller Betriebe (bringe) ... die Interessen der Arbeitermassen in einen gewissen Gegensatz zu denen der Fabrikdirektoren.“ Im Jahre 1928 schreibt die Gewerkschaftszeitung „Trud“ (Nr. 31), „der Zentralrat der Gewerkschaften (habe) festgestellt, daß der Oberste Wirtschaftsrat sich in der Frage des Arbeitsschutzes nicht von den Arbeiterinteressen, sondern von den Finanzinteressen der Industrie leiten“ lasse. [14]

Die unvermeidliche Folge dessen ist natürlich der Klassenkampf, an dem es im bolschewistischen Rußland denn auch durchaus nicht fehlte. Die Gewerkschaftszeitung „Voprocy Truda“ (1924, Nr. 7/8) berichtete, daß es 1921 477 Streiks mit insgesamt 184 000 Streikenden gab, 1922 505 Streiks mit insgesamt 154 000 Streikenden. Fast alle diese Streiks waren „wild“, denn nur 11 von ihnen wurden zum großen Ärger der zentralen Gewerkschaften von lokalen Gewerkschaften unterstützt. Auf dem siebten Gewerkschaftskongreß ermittelte ein gewisser Dogadev, daß es 1924 267 Streiks gab, von denen 151 in Staatsbetrieben ausbrachen, und 1925 199 Streiks, davon 99 in Staatsbetrieben. Von diesen Streiks wurde kein einziger von den – in den staatlichen Apparat integrierten – Gewerkschaften unterstützt. [15]

Alle diese Gründe zwangen Pannekoek dazu, seine Auffassung zu ändern. Er schreibt 1919, daß „für eine kommunistische Verwaltung, die den Kapitalprofit und die Ausbeutung aufgehoben hat“, sodann „das große Werk der Organisation der Produktion beginnt“ [16] . Später wird er betonen, daß die Aufhebung der Ausbeutung, das heißt der Lohnarbeit, nicht mit einem Federstrich geleistet werden kann, sondern nur dann zustande kommt, wenn die Arbeiter die Führung und die Verwaltung der gesellschaftlichen Produktion selbst in die Hand nehmen und – im Gegensatz zum System der Lohnarbeit – mit ihrer Arbeit zugleich ihr Verhältnis zum gesellschaftlichen Produkt bestimmen.

Diese Einsicht drängt zu dem Schluß, daß Lohnarbeit weniger dadurch gekennzeichnet wird, daß Mehrwert in die Taschen des Kapitalisten oder in seine Unternehmung fließt, als dadurch, daß nicht die Arbeiter diesen Mehrwert erhalten, weil sie von den Produktionsmitteln und somit von den Produkten getrennt sind. Nicht wer den Mehrwert erhält, charakterisiert die kapitalistische Produktionsweise; sie wird vielmehr dadurch charakterisiert, daß Mehrwert produziert wird, einen Wert, den die Lohnarbeiter nicht erhalten, eben weil sie Lohnarbeiter sind, daß heißt, daß ihnen etwa der Wert ihrer Arbeitskraft gezahlt wird, alsdann aber im Produktionsprozeß mehr Wert geschafft wird als jener; eine Tatsache, die bei der ganzen Produktion auf der Grundlage der Lohnarbeit bereits vorausgesetzt ist. Pannekoek sagte 1919, daß der Mehrwert den Kapitalisten zufällt. Das bolschewistische Rußland zeigt, daß dies gar nicht grundsätzlich so sein muß. Es handelt sich nicht darum, daß die Kapitalisten ihre Herrschaft über die Produktion verlieren, es handelt sich darum, daß die Arbeiter sie erobern.

„Für die Arbeiterklasse“, so formuliert Pannekoek seine neue Anschauung, „für alle Werktätigen tritt die Notwendigkeit hervor, die Produktion selbst in die Hand zu nehmen. Die Arbeiter müssen Herr der Betriebe, Herr der Maschinen, der Produktionsmittel sein. ... Damit wird die Grundlage der Produktion, die Grundlage der ganzen Gesellschaft geändert. ... Viel wichtiger als das Fortfallen des Kapitalisten-Anteils am Produkt ist es, daß ihre Herrschaft über die Produktion aufgehoben wird.“ [17]

Dies ist eine ganz andere Betrachtungsweise, als man sie zum Beispiel bei Lenin oder bei Bucharin vorfindet. Lenin hält die Konfiskationen deshalb für unzureichend, weil sie „kein organisatorisches Element“ enthielten [18] ; er will „die ganze Volkswirtschaft nach dem Vorbilde der Post organisieren“ [19] . Bucharin meint, die gesellschaftlichen Organisationsformen dessen, was er den Staatskapitalismus nennt („die Rationalisierung des Produktionsprozesses auf der Grundlage der antagonistischen Beziehungen und der Herrschaft des Kapitals; die Verknüpfung des bürgerlichen Staats mit den kapitalistischen Trusts“) dauerten unter „der proletarischen Diktatur“ fort, verlören dann jedoch ihren kapitalistischen Charakter. [20]

Lenin wiederum versteht unter „Sozialismus nichts anderes als den nächsten Schritt vorwärts über das staatskapitalistische Monopol hinaus, oder mit anderen Worten: das staatskapitalistische Monopol zum besten des gesamten Volkes angewendet“ [21] . Bei einer derartigen Auffassung ist es nur logisch, daß er an anderer Stelle erklärt: „Es ist unsere Aufgabe, vom Staatskapitalismus der Deutschen zu lernen, ihn mit aller Anstrengung zu übernehmen“ [22] , oder daß er zum Beispiel „die Konfiskation des Eigentums ... ersetzen“ will „durch die Erhebung einer gerechten Steuer“ [23] .

Bei Pannekoek handelt es sich nicht um eine organisatorische Lösung der Probleme, sondern um eine ökonomische. Nicht um eine (Neu-)Ordnung der Produktion geht es, sondern um deren Organisation „auf neuer Grundlage“ [24] , um „den Aufbau einer neuen Produktionsweise“ [25] , das heißt: um eine andere als die kapitalistische. Das ist ein Problem, das bei den Bolschewiki kaum erscheint, da es in Rußland – wo der Kapitalismus eben erst entsteht – nicht auf der Tagesordnung steht.

Die Organisation der Gesellschaft nach dem Vorbild der monopolistischen Trusts ist nichts anderes als eine konsequente Weiterführung der Organisationsformen, die der Kapitalismus in und durch seinen Konzentrationsprozeß annimmt. Dieser Produktionsorganismus ist die Beherrschung der Arbeit, die organisierte Beherrschung der Lohnarbeiter. Das ist so im Westen, das ist auch in Rußland so gewesen. Es geht aus Trotzkis Worten hervor, als er noch an der Macht war: „Wenn die Arbeitskraft dem Produktionsplan entsprechend auf einer gegebenen Entwicklungsstufe verteilt werden soll, darf die Arbeiterklasse kein Nomadenleben führen. Sie muß wie eine Armee transportiert, verteilt, abkommandiert werden.“ [26] Das ist eben das, was in der Praxis geschehen ist.

Über diese Praxis schreibt Pannekoek: „Die Produktionsweise, die sich in Rußland entwickelte, kann man am besten als Staatssozialismus bezeichnen, da sie ein organisiertes Ganzes bildet, wobei die Produktionsmittel in den Händen des Staates als dem einzigen Großunternehmer liegen. Die Arbeiter sind ebensowenig Herr der Produktionsmittel wie im westeuropäischen Kapitalismus; sie bekommen Lohn und werden vom Staat als dem einzigen Großkapitalisten ausgebeutet. Staatssozialismus bedeutet also genau dasselbe wie Staatskapitalismus.“ [27] An anderer Stelle heißt es, „Der Plan der gesellschaftlichen Ordnung, der in dieser staatssozialistischen Betrachtungsweise zum Ausdruck kommt, unterscheidet sich grundsätzlich von einer wirklichen Verfügung der Produzenten über die Produktion.“ [28]

Zu der Praxis der Bolschewiki stand die Praxis der Arbeiter in Widerspruch, die – 1917 in Rußland, 1918 in Deutschland und zu anderen Zeiten in anderen Ländern – mit ihren spontan gebildeten Räten nicht nur ein Machtinstrument geschaffen hatten, sondern damit zugleich die Produktion auf eine neue Grundlage stellten. „Die Arbeiterräte“, so Pannekoek, „sind die natürliche Organisationsform für die Menschheit in der Übergangszeit vom Kapitalismus zu einer freien Gesellschaft. ... Mit dem Wechsel der Produktionsweisen ändern sich auch die Organisationsformen. Die Arbeiterräte sind die Organisationsform der kommenden Zeiten, in denen die Arbeiter selbst die Organisation der Arbeit in die Hand nehmen und die Ausbeutung aufheben.“ [29]

Was Pannekoek hier formuliert, das ist trotz des Hinweises auf „kommende Zeiten“ kein Programm, nach dem der Klassenkampf oder der Sozialismus sich zu richten hätte. Pannekoek ist auch hier, wie immer, damit beschäftigt, bestimmte gesellschaftliche Vorgänge zu analysieren; er legt die Ergebnisse einer Untersuchung in allgemeinen Worten fest, die jeden besonderen Aspekt außer Acht lassen.

Wenn Pannekoek von den Arbeiterräten spricht, die ihre Kraft der Tatsache verdanken, „daß Willen und Einsicht der aktiv sich beteiligenden Massen in ihnen zum Ausdruck kommen“ [30] , dann spricht er nicht von sorgfältig ausgedachten theoretischen Konstruktionen oder von Idealen. Er spricht von einer Wirklichkeit, deren Bedeutung man mit Hilfe einer eindringlichen und dabei alle Probleme auf ein allgemeines Niveau hebenden Forschungsmethode sehr wohl zu ergründen vermag, auch dann, wenn diese Wirklichkeit sich erst in allerersten Anzeichen zeigt.

Lenin schreibt: „Wir sind keine Utopisten. Wir wissen, daß ein beliebiger ungelernter Arbeiter und eine beliebige Köchin nicht imstande sind, sofort in die Staatsverwaltung einzutreten.“ [31] Nicht sofort, sagt er. Aber er irrt sich insofern, daß davon auch nach einem bestimmten Termin keine Rede sein kann; und zwar nicht aufgrund der Kompliziertheit der Staatsverwaltung, sondern aufgrund ihres Charakters. Denn nur dort erscheint die Gesellschaft in der Form des Staates, wo zwischen Herrschenden und Unterdrückten ein Interessengegensatz besteht; und zum Wesen des Staates gehört es nun einmal, daß die Unterdrückten von der aktiven Teilnahme an der Verwaltung ausgeschlossen sind, auch dort, wo künstlich und krampfhaft der Anschein des Gegenteils aufrechterhalten wird.

Pannekoek beobachtet dagegen, daß mittels der Arbeiterräte der beliebige Arbeiter und die beliebige Köchin sehr wohl sofort in die gesellschaftliche Entwicklung einbezogen werden können. Pannekoek hält gerade die Auffassungen Lenins für eine Utopie. Denn die Vorstellung, man könne den vom Kapitalismus geschaffenen Apparat fix und fertig übernehmen, der politischen Führung einer revolutionären Partei unterwerfen und so den Weg zum Sozialismus beschreiten, hat sich in der Tat als Utopie erwiesen. [32] Eine Utopie ist es, daß eine Produktion von Staats wegen – auch wenn dieser Staat per Dekret zum „proletarischen Staat“ proklamiert wird – die Mehrwertproduktion, die Lohnarbeit, kurz die typische Klassenlage des Proletariats auch nur um ein Jota ändern könne.

Daß es sich hier um eine Utopie handelt, kann auch Lenin nicht immer leugnen. 1922 sagt er zum Beispiel zu den Delegierten des IV. Kongresses der Komintern: „Wir haben den alten Staatsapparat übernommen ..., das war unser Unglück.“ [33] Im selben Jahr sagt er auf dem XI. Kongreß der russischen Partei: „Das Steuer entgleitet den Händen: scheinbar sitzt ein Mensch da, der den Wagen lenkt, aber der Wagen fährt nicht dorthin, wohin er lenkt, sondern dorthin, wohin ihn ein anderer lenkt – jemand, der illegal ist, der gesetzwidrig handelt, der von Gott weiß woher kommt, Spekulanten oder Privatkapitalisten, oder beides zugleich –, jedenfalls fährt der Wagen nicht ganz so, und sehr häufig ganz und gar nicht so, wie es sich derjenige einbildet, der am Steuer dieses Wagens sitzt.“ [34] Diese geheimen Kräfte, die überall wirksam und nirgends zu fassen sind, die das gesellschaftliche Leben mit unsichtbarer Hand lenken, das sind Wert und Mehrwert.

Die Bedeutung der Arbeiterräte beruht auf der Tatsache, daß die Arbeiter die Produktion selbst in die Hand nehmen und Herr über die Produktionsmittel werden, da in den Unternehmen außer ihnen niemand etwas zu sagen hat; auf der Tatsache, daß „die Gemeinschaft aller in einem Betrieb Arbeitenden ihre Beschlüsse auf Versammlungen faßt, an denen jeder unmittelbar teilnimmt“ [35] ; auf der Tatsache, daß auf diese Weise die Trennung von Produzenten und Produktionsmitteln und damit die Trennung von Produzenten und Produkten aufgehoben wird und folglich die Mehrwertquelle wahrhaft „trockengelegt“ wird.

Pannekoek betont die Bedeutung der Arbeiterräte nicht deshalb, weil sie von der revolutionären Empfindung oder der revolutionären Romantik her vorzuziehen oder erstrebenswert seien, auch nicht deshalb, weil schon das Wort „nach Revolution riecht“ – wie Lenin im November 1917 von der Bezeichnung „Volkskommissar“ meinte [36] –, sondern weil sie – im Lichte der russischen Erfahrungen – eine Notwendigkeit sind. Er hält die Macht der Räte nicht für besser als die Macht einer Partei; vielmehr mußte er feststellen, daß seine schon auf anderem Wege gereifte Einsicht, daß nämlich keine Partei, und sei sie noch so demokratisch, den Sozialismus bringen könne, von der bolschewistischen Umwälzung erneut und aus ganz neuen Gründen bestätigt wurde.

Sowohl im Klassenkampf als auch in der proletarischen Revolution, in die dieser Kampf mündet, geht es um die Macht der Arbeiter selbst. Das ist, in einem Satz zusammengefaßt der Inhalt seiner ausführlichen, hier bereits des öfteren zitierten Schrift über die Arbeiterräte, in der Pannekoek, als ihm die dunkelsten Jahre der deutschen Okkupation die Zeit dazu ließen, die Bilanz aller seiner sozialwissenschaftlichen Erfahrungen zog. Sechs Jahre nach ihrem Erscheinen faßt er die Bedeutung der Arbeiterräte in einem Aufsatz für die deutsche Zeitschrift „Funken“ [37] nochmals zusammen. Anknüpfend an einen darin veröffentlichten Artikel eines gewissen Kondor über „Bürgerliche und sozialistische Organisation“ schreibt er:

„Die Entwicklung zum Staatskapitalismus – in Westeuropa vielfach unter dem Namen Sozialismus propagiert – bedeutet nicht die Befreiung der Arbeiterklasse, sondern größere Unfreiheit. Was die Arbeiterklasse in ihrem Kampfe erstrebt, nämlich Freiheit und Sicherheit, Herr des eigenen Lebens zu sein, das wird nur durch die Herrschaft über die Produktionsmittel möglich. Staatssozialismus ist nicht die Herrschaft der Arbeiter, sondern die der Staatsorgane über die Produktionsmittel. Wenn er zugleich demokratisch ist, so bedeutet er nichts anderes, als daß die Arbeiter selbst ihre Herren wählen dürfen.“ [38]

„Direkte Verfügungsgewalt der Arbeiter über die Produktion“, so fährt Pannekoek fort, „bedeutet dagegen, daß die Belegschaften die Betriebe leiten und von unten die höheren und zentralen Organisationen aufbauen. Das ist, was als System der Arbeiterräte bezeichnet wird. Der Autor (des Aufsatzes „Bürgerliche oder sozialistische Organisation“ – C.B.) hat daher vollkommen recht, wenn er diese als das neue und zukünftige Organisationsprinzip der Arbeiterklasse hervorhebt. Als organisierte Selbstverwaltung der produktiven Massen steht sie in scharfem Gegensatz zu der Organisation von oben im Staatssozialismus.“

„Aber dabei soll man eins im Auge behalten. ‘Arbeiterräte’ bedeutet nicht eine bestimmte sorgsam ausgeklügelte Organisationsform, die nun noch weiter im Detail auszuarbeiten wäre; sie bedeuten ein Prinzip, das Prinzip der Verfügungsgewalt der Arbeiter selbst über Betrieb und Produktion. Seine Verwirklichung ist nicht Sache der theoretischen Diskussion über die beste praktische Ausführung; sie ist Sache des praktischen Kampfes gegen den Herrschaftsapparat des Kapitalismus. Die Losung der Arbeiterräte bedeutet heutzutage nicht brüderliches Zusammentreten zu genossenschaftlicher Arbeit; sie bedeutet Klassenkampf – die Brüderlichkeit findet in diesem Kampf ihren Platz; sie bedeutet revolutionäre Aktion der Massen gegen die Staatsgewalt.“

„Revolutionen“, so sagt Pannekoek zum Schluß, „werden allerdings nicht gemacht, sie entspringen spontan aus unhaltbaren Verhältnissen, aus Krisenzuständen. Sie entstehen nur, wenn dieses Gefühl der Unhaltbarkeit in den Massen lebt, und wenn zugleich ein gewisses einheitliches Bewußtsein darüber vorhanden ist, was zu tun sei. … So erscheint die Idee der Arbeiterräte nicht als ein Programm zur praktischen Durchführung – morgen oder in ein paar Jahren –, sondern als eine Richtlinie für den langen und schweren Befreiungskampf, der der Arbeiterklasse noch bevorsteht Zwar kennzeichnete Marx ihn einmal mit den Worten: die Stunde des Kapitalismus schlägt; aber er hat keinen Zweifel daran gelassen, daß diese Stunde eine ganze Geschichtsepoche bedeutet.“

In diesem ziemlich kurzen, hier ausführlich zitierten Artikel stellt Pannekoek sehr nachdrücklich die Herrschaft der Arbeiter selbst – mittels ihrer Räte – jeder Form von „Staatssozialismus“ oder Staatskapitalismus gegenüber. Er wiederholt dies, als er im November 1954 in derselben deutschen Zeitschrift die Arbeit im Kapitalismus mit jener im Sozialismus vergleicht. Gleich zu Beginn seines Artikels weist er darauf hin, daß der Ausdruck „Sozialismus“ für sehr verschiedene Dinge gebraucht wird. „Wenn wir von Sozialismus reden, denken wir immer an ein grundsätzlich vom Kapitalismus verschiedenes Arbeitssystem. Beim russischen Staatskapitalismus ist das nicht der Fall, auch wenn er sich als Sozialismus bezeichnet. Ebensowenig ist dies bei den von der englischen Labour-Regierung verstaatlichten Industriezweigen der Fall.“ [39]

„Hier“, sagt Pannekoek, „sind die Arbeiter noch immer Untergebene, die dem Kommando eines von oben eingesetzten Direktors zu gehorchen haben. Eine grundsätzliche Änderung tritt erst ein, wenn die Arbeiter selbst Herren in der Fabrik, Meister des Produktionsapparates sind, und selber, durch den gemeinsamen Beschluß der Belegschaft, ihre Arbeit regeln. Bedingung hierfür ist, daß die Machtmittel des Kapitals, wodurch es die Produktion beherrscht, durch die Revolution der Arbeiterklasse vernichtet werden. Damit wird die Ausbeutung aufgehoben.“

„Die kapitalistische Ausbeutung bedeutet nicht nur, daß das Kapital das Produkt der Arbeit als sein Eigentum beschlagnahmt und davon den Arbeitern nur den zum Leben notwendigen Teil überläßt. Sie bedingt auch den besonderen Charakter der Arbeit im Kapitalismus. Diese ist Verausgabung von Arbeitskraft schlechthin, von unterschiedsloser, quantitativer Arbeitskraft, und deren Umsetzung in ein Quantum Mehrwert für das Kapital. Das Produkt selbst ist gleichgültig, wenn es nur verkäuflich ist. Ob es Schund ist oder Qualitätsware, ob es dem Arbeiter Freude macht oder ihn anekelt, spielt keine Rolle. Er kann in dem Produkt seine Schaffensfreude nicht zum Ausdruck bringen, er hat durch Verausgabung seiner Arbeitskraft bis zur Erschöpfung ein möglichst großes Quantum Mehrwert zu liefern. Hier ist der Mensch zu einer Maschine degradiert, die Profit für das Kapital produziert.“

„Die Arbeit im Sozialismus unterscheidet sich durch das Verschwinden all dessen, was sie im Kapitalismus unerträglich macht. Statt der Produktion von Mehrwert wird sie zur Produktion der zum Leben notwendigen Dinge, zugleich natürliche Betätigung aller menschlichen Kräfte und Anlagen.“

Schließlich weist Pannekoek noch darauf hin, daß im Kapitalismus unter dem Kommando des Kapitals gearbeitet wird, im Sozialismus dagegen „nach dem Beschluß und Willen der Gemeinschaft der Arbeitenden, durch die Belegschaft. Die die Arbeit verrichten, regeln sie auch.“ [40]

Dies sind einige Beispiele für eine Auffassung des Sozialismus, wie sie durch die negativen Erfahrungen der russischen Revolution vertieft worden ist. Der Unterschied zur Sozialdemokratie – reformistischer oder radikaler Prägung – oder zum Bolschewismus – in der russischen oder chinesischen Form – ist deutlich genug. Damit brauchen wir uns nach der Gesamtheit des Vorstehenden nicht mehr zu befassen. Aber es ist vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß, wer an Hand von Pannekoeks Erfahrungen Klassenkampf und Sozialismus als den Kampf und die Herrschaft der Arbeiter selbst zu verstehen gelernt hat, zugleich die Absurdität der sogenannten „Arbeiterkontrolle über die Produktion“ verstanden hat.

Über die historischen Erfahrungen mit dieser Losung haben wir bereits kurz gesprochen. [41] „Arbeiterkontrolle über die Produktion“ ist eine Losung, die im Laufe des Jahres 1917 zuerst von den Bolschewiki erhoben wurde. Die russischen Arbeiter faßten sie völlig anders auf, als sie von den Bolschewiki gemeint war. Die Praxis der „Arbeiterkontrolle“ bestand darin, daß nichts aus ihr wurde. Das wird sofort begreiflich, wenn man die russischen Autoren selbst hört.

„Die Arbeiterkontrolle“, so schreiben die bolschewistischen Ökonomen Larin und Kritzmann, „sollte darin bestehen, daß die Unternehmer ohne vorhergehende Zustimmung der Betriebsräte nichts vornehmen durften. Die Oktoberrevolution versuchte diese Losung zu verwirklichen. Das Dekret (über die Arbeiterkontrolle, C.B.) verpflichtete die Unternehmer, in allen Betrieben die Kontrolle der Arbeiter einzuführen.“ [42]

Was immer es dazu zu bemerken gäbe: es ist jedenfalls eine klare Sprache. Die „Arbeiterkontrolle“ bezieht sich deutlich auf eine gesellschaftliche Situation, in der es einerseits Kapitalisten gibt, andererseits Arbeiter, die jene kontrollieren sollen. Das wird auch von Trotzki nicht bestritten, wenn er elf Jahre später für das von Krise und Arbeitslosigkeit heimgesuchte Deutschland des Reichskanzlers Heinrich Brüning die „Arbeiterkontrolle“ empfiehlt. [43]

Die „Arbeiterkontrolle“ ist nach Trotzki mit einer Art „Doppelherrschaft in der Industrie“ verbunden, mit „einem Übergangsregime in den Betrieben, wo Kapitalist und Administration keinen Schritt mehr ohne Zustimmung der Arbeiter tun können, andererseits aber die Arbeiter noch nicht … die Leitung erobert haben.“ [44] Die Kontrollierten sind hier die Unternehmer, die Kontrollierenden die Lohnarbeiter, die selbst weder ihre Arbeit noch die Produktion regeln und die es mit kapitalistischen Herren zu tun haben, da die bloße Tatsache der Lohnarbeit nun einmal die Herrschaft des Kapitals über die Arbeit und die Arbeiter voraussetzt. Man fragt sich also, was die Arbeiter eigentlich kontrollieren.

Trotzki hat mit dieser Frage keine Mühe. „Produktionskosten und Profit“, antwortet er, als er über die Möglichkeit einer „Arbeiterkontrolle“ in Brüning-Deutschland zu sprechen kommt. [45] Das ist insofern ein realistischer Traum, als mit der Lohnarbeit tatsächlich die Mehrwertproduktion und der Profit gegeben ist. Aber ein Traum bleibt es trotzdem, denn nur im Traum kann man sich vorstellen, daß die Arbeiter, die die Unternehmer offenbar an jedem Schritt hindern können, sie nicht daran hindern sollten, die Mehrwertproduktion ruhig (oder vielleicht auch unruhig) weiter zu betreiben.

Wer so etwas träumt, muß selbstverständlich grausam geweckt werden; entweder muß er feststellen, daß die Arbeiter nicht im geringsten eine Herrschaft ausüben, oder er muß feststellen, daß sie die Herrschaft des Kapitals nicht länger tolerieren. Letzteres ist in Rußland tatsächlich kurze Zeit der Fall gewesen. Die russischen Arbeiter, teilen Larin und Kritzmann mit, waren nicht bereit, freiwillig Objekt der Arbeitsausbeutung zu bleiben. Deshalb, so sagen auch sie, erwies sich die Idee der Arbeiterkontrolle als „nicht durchführbar“ [46] .

Was Trotzki angeht, so verlangt er eigentlich, man solle sich vorstellen, die Bewohner eines Hauses würden von bewaffneten Räubern überfallen und zur Aufgabe ihres Eigentums gezwungen, könnten dabei jedoch sorgfältig „kontrollieren“, wieviel und was von den Räubern mitgenommen wird.

Wäre Trotzki noch am Leben, so würde er sicherlich entgegnen, daß wir die Situation unrichtig wiedergegeben haben. Die Position der Diebe, so würde er feststellen, ist trotz ihrer Waffen weniger stark, als sie scheint. Draußen auf der Straße werden die Räuber bestimmt entwaffnet werden. Es ist so etwas wie eine ‘proletarische Revolution’ im Ginge. Deshalb gerade herrscht in den Betrieben ein Übergangsregime.

Ein Übergang wohin? Trotzki antwortet: „Zur staatlichen Produktionsleitung“ [47] . Gleichzeitig fügt er hinzu, daß dies die Enteignung der Kapitalisten bedeute. Dagegen kann man nun mit Pannekoek einwenden, daß die „staatliche Produktionsleitung“ nicht die Befreiung der Arbeiterklasse, nicht die Aufhebung der Lohnarbeit bedeutet, da diese voraussetzt, daß die Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln verschwindet, daß nicht der Staat die Produktion leitet, sondern daß die Arbeiter dies selbst tun.

Das ist etwas, woran der Bolschewist, das heißt der bürgerliche Revolutionär Trotzki nicht glaubt. „Die Betriebe besetzen kann man“, so schreibt er, „mit Hilfe der Roten Garde; sie zu leiten bedarf es … der Kenntnisse, der Fertigkeiten... Eine gewisse Lehrzeit ist notwendig.“ Darum „ist das Proletariat daran interessiert, die Leitung in den Händen der erfahrenen Administration zu belassen.“ [48] Gewiß, auch bei Trotzki ist dennoch von der Leitung der Produktion durch die Arbeiter die Rede. Aber zu einem späteren Zeitpunkt!

Daß die Produktionsleitung durch die Arbeiter gar keine Frage des „Glaubens“ ist, sondern unumgängliche Bedingung einer wirklichen Arbeitermacht, und daß also deren Einführung zu einem späteren Zeitpunkt eine Illusion bedeutet, dafür hat Trotzki nicht das geringste Verständnis. Sein Denkfehler entspringt der Tatsache, daß für ihn als Bolschewiken die proletarische Umwälzung eine Art politisches Ereignis ist, daß sich auf der Straße abspielt, statt der Herrschaft des Kapitals in den Betrieben ein Ende zu machen. Für ihn ist die Aufhebung der Lohnarbeit keineswegs das wesentliche Problem dieser Revolution. Er betrachtet die Enteignung der Kapitalisten als eine Aufgabe des „Arbeiterstaates“, wobei es „auf einen Wirtschaftsplan“ ankommt. [49]

Trotzki versteht nicht, daß die „Lehrzeit“ der Arbeiter dadurch gekennzeichnet wird, daß sie lernen, indem sie selbst handeln, selbst Erfahrungen im eigenen Kampf machen [50] , und daß sie während dieser „Lehrzeit“ also nicht bei der „erfahrenen Administration“ in die Schule gehen können, sondern daß die Schule der Praxis, zum Beispiel der Praxis der Betriebsbesetzungen durch die französischen Arbeiter im Juni 1936 und im Mai 1968, dazu die einzige Möglichkeit bietet. Der Nachweis für dieses mangelnde Verständnis zeigt sich in seiner und seiner Jünger Tendenz, bei Ereignissen wie den französischen immer aufs Neue das Fehlen einer politischen Organisation zu beklagen, ohne einzusehen, daß sich – wie Pannekoek bemerkt – „die politische Herrschaft auf die ökonomische Herrschaft stützen muß“, daß „die Arbeiter nur dann politisch – das heißt: über die allgemeinen gesellschaftlichen Regeln – gebieten, wenn sie zugleich Herren der Produktion sind.“ [51]

Trotz seiner höchst ernsthaft gemeinten Ausführungen über die „Arbeiterkontrolle“ gesteht auch Trotzki ein, daß in Rußland daraus nichts geworden ist. Er hat dafür jedoch eine andere Erklärung als Larin und Kritzmann. Diese führen den Fehlschlag der Arbeiterkontrolle auf den Umstand zurück, daß sie „eine halbe Maßnahme“ gewesen sei, ein Begriff, mit dem sie ihren inneren, hier bereits aufgedeckten Widerspruch bezeichnen, ohne aber diesen Widerspruch, als Bolschewisten, völlig zu verstehen. Bei Trotzki dagegen wird der Bankrott der „Arbeiterkontrolle“ in Rußland mit „der Sabotage der Bourgeoisie und der technischen Intelligenz“ [52] begründet. In bezug auf die Arbeiterkontrolle, so sagt er, liefern die russischen Erfahrungen nur wenig Erkenntnis. Aber, meint er, da die russischen Arbeiter trotz allgemeiner Sabotage dennoch die Leitung der Industrie übernehmen konnten (was er kurz zuvor als eine Unmöglichkeit bezeichnete!), bietet Rußland nichtsdestoweniger eine wichtige Lehre. wenn das selbst in einem rückständigen Lande möglich war, so heißt es wörtlich, was könnte dann nicht die deutsche Arbeiterklasse vollbringen!

Daß die Bolschewiki sich beeilt haben, das „eigenmächtige Auftreten“ der russischen Arbeiter zu verhindern oder rückgängig zu machen, darüber informiert Trotzki die Leser seiner Broschüre „Was nun?“ nicht, wenigstens nicht direkt. Dagegen behandelt er ausführlich und mit Nachdruck die Frage, ob eventuell für die „Arbeiterkontrolle“ als eine besondere Etappe in Deutschland Raum wäre, wenn dort eine revolutionäre Entwicklung einsetzte. Einerseits hält er nicht für unmöglich, daß es keinen Raum für sie gäbe. Andererseits aber betont er, daß gerade für Deutschland die „Arbeiterkontrolle“ doch von großer Bedeutung sein könne. Könnten dann nicht, so möchte man fragen, im viel höher entwickelten Deutschland, mit einem viel stärker ausgebildeten Kapitalismus, als Rußland ihn 1917 kannte, die Krupp, Hugenberg, Stinnes und Thyssen noch viel erfolgreicher sabotieren?

Merkwürdig ist, daß sich Trotzki, der zur Erklärung des russischen Fehlschlags der „Arbeiterkontrolle“ die Sabotage zitiert, diese Frage gar nicht stellt. Er hat es viel zu eilig, zu dem Schluß zu kommen, daß es jedenfalls unzulässig sei, auf die Losung der „Arbeiterkontrolle“ von vornherein zu verzichten. Denn, so legt er dar, „mit dieser Losung bringt die proletarische Avantgarde die konservativen Schichten des Proletariats vorwärts“ und „neutralisiert sie gewisse Gruppen des Kleinbürgertums.“ [53]

Bei Trotzki tritt die „Arbeiterkontrolle über die Produktion“ an die Stelle der Enteignung des Kapitals, die Lenin übrigens – aber auch hierüber schweigt Trotzki – als sekundäres Interesse bezeichnete. Der wichtigste Punkt der proletarischen Revolution, ihr eigentliches Wesen, wird mit einer Konzeption verschleiert, die bei näherer Betrachtung eine immer trübere Gestalt annimmt und sich schließlich ganz und gar in Nebel auflöst; einer Konzeption, deren Ziel darin liegt, dem Kleinbürgertum Konzessionen zu machen oder kleinbürgerliche Gefühle zu schonen.

Das ist dieselbe Methode, deren sich auch der klassische Reformismus immer bedient hat. So kann es nicht überraschen, daß Pannekoek schon 1920 den Glauben an eine „Schritt für Schritt zu erobernde Betriebskontrolle“ als eine „neureformistische Vorstellung“ charakterisierte.

In dem fraglichen Artikel sind seine Auffassungen noch keineswegs auskristallisiert. Er sagt das beiläufig selbst und stellt zum Beispiel nur fest, daß die kritisierte Vorstellung „den Bedingungen der altkapitalistischen Länder nicht entspricht“ [54] . Das hängt damit zusammen, daß er zu diesem Zeitpunkt soeben erst mit der Kritik am Bolschewismus begonnen hat. Erst als seine Analysen infolge der russischen Erfahrungen an Präzision gewinnen, tritt bei ihm der unversöhnliche Gegensatz zwischen der „Arbeiterkontrolle“ einerseits und der Verwaltung der Produktionsmittel durch die Arbeiter andererseits in voller Schärfe zutage.

Wie Pannekoek einen 1968 veröffentlichten Artikel von Bernd Rabehl über das „Problem der Rätedemokratie in der hochindustrialisierten Gesellschaft“ [55] eingeschätzt hätte, läßt sich leicht denken. Rabehl spricht in einem Atemzug über die Arbeiterräte und über die „Arbeiterkontrolle“, und er konstruiert einen Zusammenhang zwischen ihnen. [56] Rabehl ist der Ansicht, daß die „Arbeiterkontrolle“ „das ganze kapitalistische System in Frage stellen muß“. Daß die Kontrolle der Produktion durch die Lohnarbeiter zum wesentlichen Charakter der Lohnarbeit selbst in Widerspruch steht, sieht Rabehl nicht. Seine Anschauung ist von der Pannekoeks meilenweit entfernt.

Nach Pannekoek ist „die Eroberung ... der Macht in der Gesellschaft durch die Arbeiterklasse, der Untergang des Kapitalismus, die Besitzergreifung der Produktionsmittel ... ein und dasselbe.“ Ihm zufolge sind das „nicht verschiedene, nacheinander kommende, sondern zur gleichen Zeit stattfindende Ereignisse in einem ... fortschreitenden Kampfprozeß“. Es sind seiner Ansicht nach „die verschiedenen Seiten, unter verschiedenen Namen, einer und derselben gesellschaftlichen Umwälzung“ [57] .

Nach Pannekoek kann die Herrschaft der Arbeiterräte nur bedeuten: Herrschaft über die Betriebe, das heißt: aktive Regelung der Produktion. [58]



Anmerkungen

[1] Anton Pannekoek, „De krisis in Rusland“, in: „De Nieuwe Tijd“, 1921, S. 263.

[2] Ebd., S. 264.

[3] Anton Pannekoek, „Socialisering“, in: „De Nieuwe Tijd“, 1919, S. 559.

[4] Ebd., S. 554.

[5] Ebd., S. 558.

[6] Ebd., S. 558 f.

[7] Ebd., S. 560.

[8] Ebd., S. 560.

[9] Der Unterschied zwischen Otto Bauer und den Bolschewiki ist viel geringer, als er auf den ersten Blick erscheint. Schrieb Lenin nicht, daß „die allgemeine, umfassende Arbeiterkontrolle über die Kapitalisten und ihre möglichen Anhänger die Hauptsache sein wird, nicht die Konfiskation des Eigentums der Kapitalisten“? („Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?“ Lenin, Werke 21, S. 332). Die russischen Arbeiter haben die bolschewistische Losung der „Arbeiterkontrolle über die Produktion“ in der Weise verwirklicht, daß sie selbst, auf eigene Faust und eigenmächtig, Enteignungen durchführten. Rosenberg („Geschichte“, S. 115) hat Recht, wenn er behauptet, daß „nicht die Bolschewiki das russische Unternehmertum enteignet haben, sondern die Arbeiter, spontan gegen den Willen der Bolschewiki“. Daher bestimmte das Dekret über die Arbeiterkontrolle vom 14.11.1917 (neuer Kalender), daß die Arbeiter keine Betriebe aus eigener Initiative enteignen dürften und sich nicht in die tägliche Führung der Betriebe einmischen sollten!

[10] Im Mai 1918 faßte der erste Allrussische Kongreß der Wirtschaftsräte den Beschluß, „die Durchführung der Nationalisierungen (dürfe) nur durch den Obersten Wirtschaftsrat geschehen oder durch den Rat der Volkskommissare unter Genehmigung des Obersten Wirtschaftsrates“ (zitiert nach A. Goldschmidt, „Die Wirtschaftsorganisation Sowjetrußlands“, Berlin 1920, S. 220). Kurz zuvor, im April 1918, war die „persönliche Verantwortung“ des „Betriebsdirektors“ eingeführt worden, der zukünftig nicht mehr den Arbeitern verantwortlich war, sondern den höheren Behörden. Noch früher schon, im Januar 1919, war die Selbständigkeit der Betriebsräte beträchtlich eingeschränkt worden.

[11] Vgl. Karl Marx, „Das Kapital“, Bd. I, S. 92, und „Zur Kritik der politischen Ökonomie“, MEW Bd. 13, S. 35.

[12] Eine Denkschrift des Volkskommissariats für Finanzwesen, die 1921 in Moskau unter den Teilnehmern des dritten Kongresses der Komintern verteilt wurde, lobt diese Inflationspolitik, weil sie ein Weg zum „Sozialismus“ wäre!

[13] Karl Marx, „Das Kapital“, a.a. O., S. 93, Fußnote 40.

[14] Die Angaben sind dem aufschlußreichen Buch Friedrich Pollocks, „Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917-1927“, Leipzig 1929, entnommen.

[15] Pollock, a.a.O.

[16] Anton Pannekoek, „Socialisering“, „De Nieuwe Tijd“, 1919,S. 562.

[17] P. Aartsz, „De Arbeidersraden“, Amsterdam 1946, S. 7 f.

[18] Lenin, „Werden die Bolschewiki...“, a.a.O.

[19] Lenin, „Staat und Revolution“, Werke 21, S. 510.

[20] N. Bucharin, „Die Ökonomie der Transformationsperiode“, Hamburg 1922, S. 35 und 129.

[21] Lenin, „Die drohende Katastrophe und wie soll man sie bekämpfen“, Werke 21, S. 233 f.

[22] Lenin, „Über die Naturalsteuer“, Werke 32, S. 347.

[23] Lenin, „Werden die Bolschewiki...“, a.a.O.

[24] P. Aartsz, „De Arbeidersraden“, S. 13.

[25] Ebd., S. 13.

[26] „Russische Korrespondenz“, Nr. 10, S. 12.

[27] P.Aartsz, a.a.O., S. 75.

[28] Ebd., S. 23.

[29] Ebd., S. 35 f.

[30] Ebd., S. 41.

[31] Lenin, „Werden die Bolschewiki“, a.a.O.

[32] Lenin, „Werden die Bolschewiki“, a.a.O., S. 330: „Es gibt im modernen Staat einen Apparat, der besonders eng mit den Banken und Syndikaten verbunden ist. ... Dieser Apparat darf und soll nicht zerschlagen werden, ... ohne die Großbanken wäre der Sozialismus nicht zu verwirklichen. Die Großbanken sind jener ‘staatliche Apparat’, den wir für die Verwirklichung in Sozialismus brauchen und den wir vom Kapitalismus fertig übernehmen. ... Eine einzige riesengroße Staatsbank, mit Abteilungen in jedem Amtsbezirk, in jeder Fabrik, das bedeutet schon neun Zehntel eines sozialistischen Apparates ..., das ist sozusagen das Gerippe der sozialistischen Gesellschaft. Diesen ‘staatlichen Apparat’ ... können wir übernehmen und mit einem Schlag, mit einem Befehl ‘in Gang setzen’...“ Diese Passage liefert einen weiteren Beweis, daß für Lenin die Verwandlung des Kapitalismus in Sozialismus eine rein politische Frage der Macht und der Organisation ist. In „Staat und Revolution“ warnt er davor, daß „die Revolution nicht darin bestehen darf, daß eine neue Klasse mit Hilfe der alten Staatsmaschinerie kommandiert, leitet, sondern darin bestehen muß, daß sie diese Maschinerie zerschlägt und mit Hilfe einer neuen Maschine kommandiert und leitet.“ Lenin nennt das an der angegebenen Stelle einen „grundlegenden Gedanken des Marxismus“. Das ist ein Irrtum, da nach marxistischer Einsicht der zerschlagene bürgerliche Staat nicht von einem neuen (proletarischen) Staat ersetzt wird, weil es keinen mehr „zu kommandieren“ gibt und deshalb der alte Staat vernichtet wird. Beide Auffassungen sind ebenso bolschewistisch wie unmarxistisch. Nichtsdestoweniger widersprechen sie einander. Dieser Widerspruch ergibt sich aus dem Unterschied zwischen dem proletarischen Kampf, mit dem Marx sich beschäftigt, und dem Kampf, der in Rußland auf der Tagesordnung steht.

[33] Protokoll des 4. Weltkongresses der III. Internationale, S. 228.

[34] Lenin, Rede am 27. März 1922 auf dem Parteitag der Bolschewiki (Politischer Bericht des ZK), Werke 33, S. 266.

[35] P.Aartsz, a.a.O., S. 14.

[36] Wenn dieser Ausdruck „nach Revolution riecht“, dann doch wohl nach der bürgerlichen Revolution, in der man noch an das „Volk“ glaubt, das heißt an eine Masse, innerhalb derer die den Kapitalismus kennzeichnende Klassenspaltung noch nicht sichtbar geworden ist.

[37] Anton Pannekoek, „Über Arbeiterräte“, „Funken“, Juni 1952, S. 14 ff. Kondors Betrachtung erschien im Dezember 1951.

[38] Unwillkürlich erinnern diese Worte an die jugoslawische Situation, die von vielen sogenannten Radikalen so sehr bewundert wird.

[39] Anton Pannekoek, „Die Arbeit im Sozialismus“, „Funken“, Jahrgang 5, Nr. 11, November 1954, S. 168 f. – Die Redaktion zitierte aus dem Begleitbrief Pannekoeks, in dem er kurz über seinen Werdegang berichtet. Pannekoek charakterisiert in seinem Brief auch die SPD nach dem zweiten Weltkrieg. Er nennt sie „eine nur parlamentarische, völlig bürgerliche Partei, die danach trachtet, die christliche Partei durch ein Übermaß von Nationalismus zu schlagen.“

[40] Ebd., S. 170.

[41] Siehe die Fußnoten 9 und l0 in diesem Kapitel.

[42] Larin und Kritzmann, „Wirtschaftsleben und wirtschaftlicher Aufbau in Sowjet-Rußland 1917 bis 1920“, Berlin 1921, S. 136.

[43] Trotzki, „Der einzige Weg“, Berlin 1932, S. 61; vgl. auch Trotzki, „Was nun? Schicksalsfragen des deutschen Proletariats“, Berlin 1932, 2. Auflage, S. l00.

[44] Trotzki, „Was nun?“, a.a.O., S. 101 f.

[45] Ebd., S. l00.

[46] Larin und Kritzmann, a.a.O., S. 136.

[47] Trotzki, „Was nun?“, a.a.O., S. l00.

[48] Ebd., S. l02.

[49] Ebd., S. l00.

[50] Diese Schlußfolgerungen aus dem wirklichen Verlauf des Klassenkampfes zieht Pannekoek an verschiedenen Stellen seines Buches über die Arbeiterräte. So zum Beispiel: S. 13, 24 f., 54, 78, 85, 89 f.

[51] P.Aartsz, a.a.O., S. 93.

[52] Trotzki, „Was nun?“, a.a.O., S. l02.

[53] Ebd., S. l03. – Wir wollten hier nur die Frage erörtern, wie es im Licht der Pannekoekschen Analyse mit der „Arbeiterkontrolle“ steht, und nur in diesem unmittelbaren Zusammenhang ist „Was nun?“ von Interesse. Immerhin ist festzustellen, daß diese Broschüre eine einzige Anklage sogenannter Fehler aus der Vergangenheit darstellt: nicht nur der Fehler der KPD-Führer wie Remmele, Neumann und Thalheimer, die auf den Einfluß Stalins zurückzuführen sind, sondern auch der Fehler Paul Levis zu einer Zeit, als er von Lenin und Trotzki gestützt wurde, die dennoch nicht zögerten, ihn nachher skrupellos den Wölfen vorzuwerfen. „Lenin“, so erzählt Trotzki in „Was nun?“, „sagte von Dr. Levi, daß er endgültig den Kopf verloren habe.“ Lenin und Trotzki warfen Levi natürlich nicht vor, daß er ihrer falschen – von Gorter und Pannekoek kritisierten – Taktik gefolgt war, sondern daß diese, den bolschewistischen Bedürfnissen entsprechende Taktik zu einer Katastrophe führte, wie Gorter und Pannekoek vorhergesehen hatten.

[54] Anton Pannekoek, „Die Entwicklung der Weltrevolution und die Taktik des Kommunismus“, a.a.O., S. 41.

[55] Bernd Rabehl, „Bemerkungen zum Problem der Rätedemokratie in der hochindustrialisierten Gesellschaft“, „Berliner Zeitschrift für Politologie“, Dezember 1968, S. 14 - 20

[56] Ebd., S. 18. – Rabehl, wissenschaftlicher Hilfsassistent am Soziologischen Institut der FU Berlin, äußerte auch die kühne Behauptung (S. 17), die Bolschewiki hätten „sich an die Spitze der Rätebewegung“ gestellt. Man vergleiche die Kapitel 7 und 8 dieses Buches. Die Wahrheit war gerade umgekehrt: Rätebewegung und Bolschewismus stehen in scharfem Widerspruch. Die Praxis des Bolschewismus war immer derart, daß er alles, was nur einigermaßen den Arbeiterräten ähnelte, sowohl innerhalb als auch außerhalb Rußlands mit allen Mitteln verfolgte.

[57] P. Aartsz, a.a.O., S. 94.

[58] Ebd., S. 92.

 


Cajo Brendel: Anton Pannekoek  -  Denker der Revolution
© ça ira - Verlag Freiburg 2001
ISBN: 3-924627-75-4
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